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Völlig zerstört ist die SB-Filiale der Deutschen Bank in Rodgau Nieder-Roden, nachdem Unbekannte den Geldautomaten gesprengt haben.

Kriminelle Methode mit Lebensgefahr

Hessen: Immer mehr gesprengte Geldautomaten

Mit einem Schlauch wird Gas eingeleitet, dann folgen Zündung und Explosion. Derzeit häufen sich die Fälle, in denen Verbrecher Geldautomaten in die Luft jagen. Die Methode birgt Gefahren - auch für die Täter selbst.

Den Ermittlern bietet sich ein Bild der Zerstörung. Der Boden ist übersät mit Trümmern, von der Decke hängen Kabel, der Geldautomat steht völlig deformiert in der Ecke. Getroffen hat es in der Nacht zum Donnerstag die Selbstbedienungsfiliale einer Bank. Gegen 3.40 Uhr muss es gewaltig gerummst haben. Wie viel Geld die Täter mitnehmen konnten, steht zunächst nicht fest. Verletzt wird niemand, der Schaden alleine an dem Gebäude ist aber beträchtlich.

Die Tat in Rodgau ist kein Einzelfall: Wetzlar, Groß-Gerau, Wiesbaden, Raunheim, Dreieich, Rosbach vor der Höhe – das sind einige Namen von Tatorten mit gesprengten Geldautomaten alleine seit April. Die hessischen Ermittler haben im Jahr 2017 bislang etwa 20 solcher Taten gezählt.

Für das gesamte Jahr 2016 hatte das Bundeskriminalamt (BKA) 20 gesprengte Geldautomaten oder Versuche in Hessen registriert. Bundesweit sind im neuen Lagebild „Angriffe auf Geldautomaten“ des BKA 318 dieser Taten für 2016 aufgeführt. Die Zahlen steigen seit einigen Jahren drastisch an, 2012 waren in ganz Deutschland lediglich 45 gesprengte Automaten gezählt worden.

Hessen zählt zu den Bundesländern, die überdurchschnittlich von dieser Form der Kriminalität betroffen sind. Beim Polizeipräsidium in Gießen wurde eine Ermittlergruppe eingerichtet, weil es in Mittelhessen zuletzt einige gesprengte Geldautomaten gegeben hatte.

Die Beamten dort versuchen mit ihren Kollegen aus anderen Bundesländern und auch anderen Staaten, den Kriminellen auf die Spur zu kommen, wie Polizeisprecher Jörg Reinemer berichtet. Dem BKA zufolge sind vor allem Tätergruppen aus den Niederlanden und Polen in Deutschland aktiv. In Hessen habe es in diesem Jahr noch keine Festnahmen gegeben, sagt Reinemer, fügt aber hinzu: „Wir haben schon einige Ermittlungsansätze.“

Die Verbrecher gehen meist mit derselben Methode vor: Ein Gas oder ein Gasgemisch wird in den Geldautomaten eingeleitet und gezündet. Es folgt eine Explosion, dann versuchen die Täter die Geldkassette mitzunehmen. Oft seien es mindestens drei Täter, sagt Reinemer. Die Vorgehensweise ist lebensgefährlich, auch für die Kriminellen selbst: Erst Mitte März starb bei der Sprengung eines Fahrkartenautomaten in Dortmund der mutmaßliche Täter. Auch in Rodgau werden Gasflaschen gefunden.

Die Schäden allein an den Gebäuden gehen im Einzelfall in die Hunderttausende. Doch auch Anwohner könnten bei einer Explosion in Lebensgefahr geraten, wenn sich eine Bankfiliale im Erdgeschoss eines Wohnhauses befindet. „Unsere Sorge ist, dass irgendwann auch Menschen betroffen sein werden“, sagt Sabine Vogt vom Bundeskriminalamt. Diese Befürchtung teilen die Ermittler in Hessen.

Dicht besiedelte Gebiete meiden die Geldautomatenknacker meist. Nach Erkenntnissen des BKA bevorzugen sie „Geldautomaten, die sich in ländlichen Regionen oder am Stadtrand befinden und eine gute Verkehrsanbindung aufweisen“. Oder sie schlagen entlang von Schnellstraßen zu. Nach Erkenntnissen hessischer Ermittler kommen die Täter oft mit stark motorisierten Autos, um anschließend schnell fliehen zu können.

Die Banken versuchen, mit Technik ihre Geldautomaten zu schützen. Dazu zählen Erschütterungsmelder und Videoüberwachung, aber etwa auch Farbpatronen, die Geldscheine einfärben, wenn ein Automat gewaltsam geöffnet wird. Doch noch sind nicht alle Geldautomaten entsprechend umgerüstet.

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