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Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

Interview

Kultusminister Lorz verteidigt Notenverzicht an einigen Schulen

Digitalpakt für Deutschland, für besseres Klima streikende Schüler und neue Bewertungsmöglichkeiten an Hessens Schulen - es tut sich etwas in der Bildungslandschaft. Zugleich bleiben Problemfelder erhalten. Ullrich Riedler sprach darüber mit Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU), der auch in der Kultusministerkonferenz den Vorsitz hat.

Sind Sie mit der Einigung beim Digitalpakt zufrieden?

ALEXANDER LORZ: Für mein Empfinden haben wir uns als Länder in den für uns relevanten Punkten durchgesetzt. Der Bund kann weiterhin keinen Einfluss auf die Inhalte der Schulpolitik nehmen. Hinzu kommt mit der Grundgesetzänderung aber die Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zu leisten. Wir sind sehr zufrieden.

Gibt es auch für die Pädagogen genug Möglichkeiten zur Schulung für den Umgang mit den Geräten sowie für medienpädagogische Konzepte?

LORZ: Medienbildung ist das Top-Thema unserer Weiter- und Fortbildungsmaßnahmen. Darin liegt im Übrigen der Schlüssel für den Erfolg der Digitalisierung in unseren Schulen. Wir müssen unsere Lehrerinnen und Lehrer für den Einsatz dieser tollen neuen Möglichkeiten und Hilfsmittel begeistern.

Ab wann können Hessens Schulen die digitalen Hilfsmittel abrufen?

LORZ: Das Geld wird den Schulen im neuen Schuljahr zur Verfügung stehen. Allerdings steht die genaue Verteilung auf die Schulträger noch nicht fest. Dort befinden wir uns aber in guten Gesprächen.

Warum verabschiedet sich Hessen bei den Bewertungsmöglichkeiten vom Leistungsprinzip?

LORZ: Wir verabschieden uns davon in keiner Weise. Die Leistungsanforderungen bleiben gleich hoch. Wir reden ausschließlich darüber, ob die Bewertung immer in Form von Ziffern zum Ausdruck gebracht werden muss oder ob es möglicherweise auch andere Formen der Bewertung geben kann. Und wir reden von maximal 30 Schulen im Jahr beziehungsweise 150 in fünf Jahren, in denen Lehrer, Eltern und Schüler sich gemeinsam für diesen Weg entscheiden müssen.

Zum Thema:  Bildung: 30 Schulen pro Jahr dürfen auf Noten verzichten

Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger meint aber, gerade wenn es um Versetzung geht, seien Noten erforderlich. Zudem befürchtet er, dass Bildungsstandards aufgeweicht werden.

Im Koalitionsvertrag bekennen wir uns ausdrücklich dazu, dass die Bildungsstandards vollumfänglich eingehalten werden müssen und dass wir nur über das Format der Bewertung reden. Außerdem haben wir verschiedene Leitplanken eingezogen: Diese Flexibilität gilt für eine begrenzte Anzahl von Schulen, die gesamte Schulgemeinde muss zustimmen, und sobald die Schüler wechseln oder einen Schulabschluss machen, erhalten sie wegen der Vergleichbarkeit weiterhin ein Ziffern-Notenzeugnis.

Fürchten Sie nicht Ungleichheiten zwischen Schulen, wenn eine Noten vergibt, die andere nicht?

LORZ: Es gibt seit jeher Diskussionen über Schulen, die angeblich eine tendenziell bessere Notenkultur haben als andere. Das war aber schon immer so, und das wird auch immer so sein, wenn Menschen andere Menschen bewerten. Das ist aber von der Frage, ob sie das mit Ziffern oder schriftlichen Beurteilungen machen, völlig unabhängig.

Statistiken zeigen, dass Lehrer über die letzten Jahre bessere Noten verteilen. Liegt das auch an weniger strengen Vorgaben der Kultusminister und dem Ziel der Politik, möglichst vielen das Abitur zu ermöglichen?

LORZ: Solche Vorgaben gibt es nicht. Wir haben als Kultusminister ein großes Eigeninteresse daran, dass die Leistungsanforderungen nicht aufgeweicht werden. Vor 35 Jahren, als ich Abitur gemacht habe, da galt das hessische Abitur als „Billignummer“. Wenn man an einer bayerischen Universität studieren wollte, bekam man einen Notenabschlag. Das ist heute vorbei. Wenn Sie heute herumfragen, dann hat das hessische Abitur einen sehr guten Ruf, auch einen Ruf als durchaus strenges Abitur. Was man aber sehen muss: Wir haben natürlich in der gymnasialen Oberstufe Wahlmöglichkeiten. Es gibt unterschiedliche Schwerpunkte, mit denen man aber gleichermaßen zur Hochschulreife kommen kann. Zudem haben wir über die Jahre ganz neue Förderinstrumente entwickelt, die es früher gar nicht gab.

Schüler engagieren sich bei Demos für Klimaschutz. Wir haben aber Schul- und Anwesenheitspflicht. Nun fehlen sie bei der Stoffvermittlung. Ist das weiter tolerierbar?

LORZ: Zunächst einmal sind das ganz einfach unentschuldigte Fehlstunden. Wie man damit pädagogisch umgeht, entscheiden unsere Schulen am besten vor Ort. Wenn es einmalige Aktionen sind, kann man den darin enthaltenen positiven Impuls pädagogisch aufgreifen und das Anliegen auch im Unterricht behandeln und fruchtbar umsetzen. Das würde ich den Lehrerinnen und Lehrern vor Ort überlassen. Aber wer das zum Gewohnheitsrecht machen will, muss auch die Konsequenzen und Sanktionen tragen, die dafür eben vorgesehen sind.

Die Islamforscherin Susanne Schröter sieht keinen Sinneswandel beim Moscheeverband Ditib und fragt sich in einem anderen Zusammenhang, warum man mit dessen Funktionären weiterarbeitet. Warum beenden Sie nicht sofort die Kooperation?

LORZ: Wir haben mehr als deutliche Signale an Ditib gesendet, dass die von uns gestellten Bedingungen, beispielsweise hinsichtlich der Unabhängigkeit, weiterhin nicht erfüllt sind und wir die Zusammenarbeit noch in diesem Jahr beenden, wenn dort nichts passiert. Allerdings sind wir als Staat auch verpflichtet, nach Recht und Ordnung zu handeln. Und genau das tun wir, wenn wir erneut Nachbesserungen verlangen. Am Ende müssen wir eine Entscheidung treffen, die vor allem eines ist: rechtssicher. Politische Bauchentscheidungen helfen uns auf diesem Weg nichts.

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Hat man versäumt, zeitig mit liberalen Muslim-Organisationen zusammenzuarbeiten?

LORZ: Als wir uns im Jahr 2012 für Ditib als Partner entschieden haben, war nicht nur die Lage in der Türkei eine andere, sondern Ditib war auch personell und inhaltlich anders aufgestellt. Dort hat sich in den zurückliegenden Jahren leider vieles zum Negativen verändert. Außerdem sollten wir ehrlich zu uns sein, dass es außer Ditib keinen möglichen Partner in Hessen gibt, der als ernsthafter Alternativ-Partner infrage kommt. Daher haben wir uns entschieden, ab der Jahrgangsstufe 7 ein Angebot in staatlicher Verantwortung anzubieten.

Gibt es dafür überhaupt genug Lehrer?

LORZ: Der Unterricht wird von unseren Lehrerinnen und Lehrern erteilt, die bereits im islamischen Religionsunterricht unterrichtet haben.

Was wollen Sie im Vorsitz der Kultusministerkonferenz voranbringen?

LORZ: Als Schwerpunkt habe ich mir die Förderung der Bildungssprache Deutsch zum Ziel gesetzt. Sie ist Voraussetzung für alles, was in der Bildungslaufbahn eine Rolle spielt. In Deutschland kann man nicht erfolgreich das Bildungssystem durchlaufen, wenn man nicht die entsprechenden Kompetenzen in der Sprache Deutsch hat. Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung unserer Gesellschaft können wir diese Kompetenz nicht mehr als selbstverständlich voraussetzen.

Sie sind dabei schon selbst aktiv geworden ...

LORZ: Richtig, in Hessen haben wir uns schon eigene Maßnahmen vorgenommen. In den letzten Jahren haben wir bereits ein Gesamtsprachförderkonzept Deutsch entwickelt und einen Grundwortschatz für die Grundschulen eingeführt. Zudem sieht unser Koalitionsvertrag vor, dass es bis Ende der Legislaturperiode in jedem Grundschuljahrgang eine zusätzliche Deutschstunde geben wird. Auf der Ebene der Kultusminister ist es das Ziel, am Ende des Jahres gemeinsame Leitlinien und Empfehlungen für diese Förderung der Bildungssprache Deutsch zu verabschieden, an denen sich dann alle 16 Bundesländer orientieren werden.

Viele Eltern wünschen mehr Vergleichbarkeit bei Lernstoff, Abiturtests, Abschlüssen. Gehen die Kultusminister da weiter mit?

LORZ: Das Anliegen ist absolut nachvollziehbar. Ich hielte zwar nichts davon, wenn man nach französischem Vorbild eine Zentralaufgabe für ganz Deutschland festlegen würde. Aber wir arbeiten an der Vergleichbarkeit des Abiturs mit einem gemeinsamen Aufgabenpool und gemeinsamen Bildungsstandards. Da sind wir in den letzten Jahren auch schon gut vorangekommen, etwa bei den Standards für Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen. Das Abitur ist schon viel vergleichbarer als noch vor 30 Jahren. Aber wir wollen auf diesem Weg noch weiter vorangehen. Als Nächstes steht die Erarbeitung von Bildungsstandards für die Naturwissenschaften auf dem Programm.

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