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Bauer Torsten Möller im Stall neben einem seiner Fleischrinder

Dürrejahr 2018

Nach der langen Dürre wird in der Landwirtschaft das Futter für die Tiere knapp

Das Dürrejahr 2018 ist vorbei. Doch die Folgen sind weiter zu spüren. In einigen Teilen Hessens fehlt den Landwirten das Futter für Tiere. Sie fürchten um ihre Zukunft.

Hessen - „20.9.“ steht neben einer Markierung an der Silowand von Landwirt Torsten Möller. Die Ziffernfolge steht für den 20. September – damals war der Speicher auf dem nordhessischen Bauernhof bei Netra fast voll mit Futter für Rinder und Kühe. Heute kann Möller tief in die Lagerstätte hineingehen. Ein bisschen Futter ist noch da – es muss bis Mai reichen.

Möller ist Landwirt im Werra-Meißner-Kreis. Das Gebiet im Norden Hessens sei von der Dürre im vergangenen Jahr hart getroffen worden. Doch von den 900 Landwirten dort hätten nur elf Hilfszahlungen bekommen, sagt Möller, der auch Vorsitzender des Kreisbauernverbands ist. Der 49-Jährige hat keinen Antrag gestellt. Die Hürden seien zu hoch, der Ertrag zu gering. Man müsse sich „nackig machen wie ein Hartz-IV-Empfänger“.

Das Futter für die Kühe ist knapp - es wird rationiert

Er hilft sich selbst. Die Grassilage – das ist haltbar gemachtes Futter – wird rationiert.Die Markierungen am Silo zeigen, wie viel Meter bis wann verbraucht sein dürfen.  75 Fleischrinder und 95 Milchkühe hat Möller. Für die Rinder gibt es Biertreber, ein Nebenprodukt der Bierherstellung, vermischt mit Kraftfutter und vor allem Stroh. Letzteres wird selten verfüttert, weil es nährstoffärmer ist: „Am Anfang haben die Tiere noch blöd geguckt, weil sie zwar reingeschissen, aber es nie gegessen hatten.“ Mittlerweile hätten sie sich daran gewöhnt. Gras- und Maissilage gibt es nur für die Milchkühe.

„Hier war kein einziger grüner Halm mehr zu sehen“, erinnert sich Möller und blickt über das Tal unter seinem Hof. Dreimal im Jahr mähen Bauern ihr Grasland, in guten Zeiten auch viermal. „Doch in diesem Jahr haben wir nur einen Schnitt gemacht“, sagt Möller. Das Ergebnis: Die Menge des Heus betrug nur ein Zehntel.

Preise für Maissilage sind um 15 Prozent gestiegen

Was folgte, waren schlaflose Nächte. Es gebe Momente, da liebe er seinen Beruf, sagt der 49-Jährige. „Doch die Momente, wo man nichts zu fressen hat für die Tiere, hasse ich wie die Pest.“ Möller fand Futter, das er zukaufen konnte, mehrere hundert Tonnen. Allerdings seien die Preise für Maissilage um 15 Prozent gestiegen, die Kosten gingen in die Zehntausende. Zusätzlich drücke der niedrige Milchpreis von zuletzt 31 Cent.

Andere Landwirte treffe es schlimmer: „Es gibt Betriebe, die Mais und Biertreber zukaufen wollten und nichts bekommen haben.“ Diese müssten den „Viehbestand anpassen“. Möller selbst hat einige Bullen früher zur Schlachtung gegeben.

Von einer generellen Futtermittelknappheit in Deutschland könne man nicht sprechen, sagt Hermann-Josef Baaken vom Deutschen Verband Tiernahrung (DTV): „Das ist regional sehr unterschiedlich.“ Allerdings müssten die Landwirte generell mehr als sonst zukaufen.

Neben steigenden Preisen sind es die Entfernungen, die das Futter teuer machen: „Wenn ich mit dem Lkw nach Rheinland-Pfalz fahren muss, sind allein die Transportkosten Wahnsinn“, erklärt Bernd Weber, Sprecher des Hessischen Bauernverbands. Er betont, dass nicht alle Bauern am Futtermangel leiden. Für die Betroffenen verschärfe sich das Problem aber, weil die Bauern in eine Region oft ähnliche Schwierigkeiten hätten. Betriebsschließungen  in Folge der Dürre sind dem Bauernverband nicht bekannt. Allerdings erfolgten diese in der Regel „heimlich, still und leise“, sagt Weber.

Kurios: Es sind Millionen Euro für Hilfszahlungen wegen Dürre übrig

Das Kuriose: Eigentlich wäre Geld für Hilfszahlungen wegen der Dürre da. Von den für Hessen bereitstehenden 17,8 Millionen Euro werden voraussichtlich nur sieben bis acht Millionen ausgezahlt. Doch laut Umweltministerium gingen nur 260 Anträge auf Dürrehilfe ein, die die Voraussetzungen erfüllten. Dabei gibt es 16 000 Betriebe.

Das Land Hessen sieht in der Futternot kein grundsätzliches Problem: „So gibt es Betriebe, die haben aus der sehr guten Ernte 2017 reichlich Vorräte angelegt und die Viehbestände nicht oder nur gering aufgestockt“, sagte eine Sprecherin des Umweltministeriums. Dort gebe es verständlicherweise wenig Probleme. Andere Betriebe hätten weniger Vorratshaltung und die Tierzahlen kräftig erhöht.

Landwirt Möller hofft, dass er seine Tiere gut über den Winter bringt – und dann keine Dürre folgt: „Wenn es noch so ein Trockenjahr gibt, dann gute Nacht.“  Die Verbraucher werden laut Bauernverband dagegen von der Misere wenig mitbekommen. Preissteigerungen seien nicht zu erwarten, sagt Sprecher Weber: „Die Bauern stehen mit dem Rücken an der Wand, die Erträge sind deutlich schlechter und es merkt keiner.“

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