+
Christoph Degen, designierter SPD-Generalsekretär, auf dem Flur der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag.

Interview

Hessens neuer SPD-Generalsekretär: „Ich kann durchaus angreifen“

  • schließen

Der neue hessische SPD-Generalsekretär Degen erhielt nur 64,6 Prozent. Er will sich und seine Positionen bekannter machen - und die Genossen gegen Angriffe von rechts unterstützen.

Christoph Degen soll die hessische SPD so organisieren, dass sie wieder Wahlen gewinnen kann. Der Landesparteitag in Baunatal wählte ihn zum neuen Generalsekretär. Er bekam allerdings nur 201 von 311 Delegiertenstimmen. 81 Genossen stimmten mit Nein und 29 enthielten sich. Seit Jahren macht der Lehrer Degen Bildungspolitik im Hessischen Landtag und gehört dabei nicht zu den lautstarken Rednern.

Herr Degen, sind Sie nicht viel zu nett für einen Wadenbeißer-Posten wie den des Generalsekretärs?
Wer mich im Plenarsaal erlebt, der weiß, dass ich auch andere Seiten habe und durchaus angreifen kann. Zugegeben, von meinem Naturell bin ich eher harmonieorientiert. Aber wenn man weiß, wann man wie auftreten muss, dann ist das von Vorteil.

Neuer SPD-Generalsekretär: Thema Bildung als Schwerpunkt

Also, dann legen Sie mal los. Was gefällt Ihnen nicht an der Politik der schwarz-grünen Regierung?
Das kann man wunderbar am Thema Bildung darstellen, meinem Schwerpunkt. Die Regierung versucht das Parlament und die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen. Man sagt, alle Lehrerstellen seien besetzt. Das sind sie aber nicht, und schon gar nicht mit qualifizierten Lehrkräften. Man sagt, es gebe genug Mittel für Ganztagsschulen, aber man setzt den Schulen keine Anreize dafür. Man muss deutlich sagen, dass Schwarz-Grün so tut, als wolle es Dinge voranbringen, es aber gar nicht tut.

Sie sind bisher als Fachmann in der Schulpolitik sichtbar gewesen. Können Sie auf allen Themenfeldern der Regierung Kontra geben?
Ich bin schon lange Vorsitzender der SPD im Main-Kinzig-Kreis, Hessens einwohnerstärkstem Landkreis. Da finden sich alle Themen wieder, da bin ich Generalist. Schwerpunkt wird natürlich für mich Bildung bleiben. Es ist ja ein Ziel von Frau Faeser, warum sie mich vorgeschlagen hat, dass das Thema Bildung ein Stück mehr betont wird. Chancengleichheit durch Bildung ist für die hessische SPD immer ein sehr zentrales Thema gewesen.

SPD-Generalsekretär Degen: "Auch beim Wohnungsbau gibt es viel zu tun"

Gibt es etwas, was Sie aus Ihrer Erfahrung als Lehrer in der Schule für das Verhalten in der Politik mitbringen?
Ich bin ja Förderschullehrer. Da ist man dafür ausgebildet, viel Geduld zu haben und individuell zu fördern. Ich glaube, das sind Kompetenzen, die man auch in der Politik gut gebrauchen kann.

Welche thematischen Schwerpunkte muss die SPD setzen?
Ich glaube, dass wir die richtigen Schwerpunkte haben, Mobilität, Bildung und Wohnen, aber die müssen noch mehr wahrgenommen werden. Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs darf nicht nur in der Stadt stattfinden. Wir müssen dafür sorgen, dass es gleichwertige Lebensverhältnisse in Hessen gibt. Auch beim Wohnungsbau gibt es viel zu tun. Wir sind auch im Klima- und Umweltbereich gut aufgestellt.

Nimmt man der SPD das ab, Klimaschutzpartei zu sein?
Es ist ja nicht so, dass die hessische SPD bei dem Thema den Grünen hinterherläuft. Im Gegenteil: Schon 2008 haben wir im Landtagswahlkampf mit Hermann Scheer sehr deutlich gezeigt, dass die SPD funktionierende Konzepte hat für eine Energiewende und für den Klimaschutz. Daran können wir sehr gut anknüpfen.

Hessen: SPD-Generalsekretär Degen - Rechtsextremismus entgegentreten

Wie sehr beschäftigt Sie die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus?
Die zunehmende Radikalisierung im rechten Spektrum bereitet mir sehr große Sorge. Es gibt Anfeindungen, es gibt Anschläge. In Wächtersbach in meinem Heimatkreis hat ein Rechtsextremer, den offenbar niemand ernst genommen hat, auf einen Mann mit dunkler Hautfarbe geschossen. Wenn jemand in der Kneipe so etwas sagt wie „Ich knalle morgen einen ab“, dann ist das der Endpunkt einer bedrohlichen Radikalisierung, der wir entgegentreten müssen – mit Worten, mit Prävention und Bildung, aber eben auch mit dem ganzen Instrumentarium des wehrhaften demokratischen Staates, also Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte.

Sie sind künftig auch für die Parteiorganisation zuständig. Was muss da angepackt werden?
Wir müssen unsere Mitglieder vor Ort stärker unterstützen. Im Frühjahr 2021 ist Kommunalwahl, da brauchen wir eine motivierte, informierte Basis. Dazu kommt, dass wir zum Schutz unserer Ehrenamtlichen Strategien gegen die unerträglichen Anfeindungen im Netz und im wirklichen Leben entwickeln müssen. Da müssen wir Hilfestellung geben und Leute fit machen dagegenzuhalten, gerade wenn es gilt, eine klare Position gegen rechts einzunehmen.

"Ich denke, ich bin jemand, der Menschen zusammenführen kann"

Mit 64,6 Prozent haben Sie nur einen mäßigen Vertrauensvorschuss Ihrer Partei erhalten. Was schließen Sie daraus?
Dass es immer etwas Zeit braucht, um sich auf neue Köpfe einzustellen. Ich hatte wenig Gelegenheit, vor dem Parteitag für mich und meine Positionen zu werben. Das werde ich jetzt umso intensiver tun.

Was sind die Qualitäten, die Sie für diese Funktion mitbringen?
Ich denke, ich bin jemand, der Menschen zusammenführen kann. Wenn die Leute merken, dass wir in der hessischen SPD – anders als in Berlin – alle an einem Strang ziehen, haben wir die Chance, dass unsere Themen wieder richtig wahrgenommen werden.

Sehen Sie es als Ihre Aufgabe, Nancy Faeser zur Ministerpräsidentin zu machen?
Spitzenkandidaten werden bekanntlich von Parteitagen bestimmt, nicht von gerade gewählten Generalsekretären. Aber, ja: Wenn das die Aufgabe wird, dann nehme ich sie sehr gerne an.

Interview: Pitt von Bebenburg

Christoph Degen tritt mit seinem Amt in die Fußstapfen der bisherigen hessischen SPD-Generalsekretärin Nancy Faeser. Sie wurde am Parteitag mit knapp 89 Prozent zur hessischen Vorsitzenden der Sozialdemokraten gewählt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare