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In den Notaufnahmen entscheiden oft Minuten über Leben oder Tod. Die Tätigkeit des Personals ist anstrengend.

Notaufnahmen

Personal in Krankenhäusern fühlt sich nicht sicher - Ministerium sieht Kliniken in der Pflicht

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Für viele Mitarbeiter in den Notaufnahmen hessischer Kliniken gehört Gewalt mittlerweile zum Alltag, hat eine Studie ergeben. Krankenhäuser reagieren auf diese Übergriffe mit dem Einsatz von Sicherheitspersonal.

Hessen - In den Notaufnahmen der hessischen Kliniken ist Gewalt an der Tagesordnung. Wie eine Forschungsgruppe der Hochschule Fulda herausfand, haben bereits über 75 Prozent des Personals in den Notaufnahmen Erfahrungen mit Gewalt während ihrer Arbeit gemacht. Die Gewalterfahrungen könnten dabei körperlicher, verbaler und sexualisierter Art sein, wie die beiden Studienleiterinnen, Margit Christiansen und Gamze Güzel-Freudenstein, erläutern.

Ursache der Patienten-Gewalt sind laut der Studie in erster Linie Alkohol- und Drogeneinfluss, lange Wartezeiten und „Verständigungsprobleme“. Diese Atmosphäre in den Notaufnahmen wirke sich auch auf das Personal aus. Vor dem Hintergrund, dass „Gewalt gegen die eigene Person als normal“ empfunden werde, denkt fast ein Viertel der Befragten über einen Berufswechsel nach. Die weiteren Symptome der Betroffenen reichten von Gereiztheit bis hin zu depressiven Verstimmungen. Darüber hinaus fühlten sich fast 40 Prozent der Notaufnahme-Mitarbeiter während des Nachtdienstes an ihrem Arbeitsplatz „nicht sicher“, so ein weiteres Ergebnis der Untersuchung.

Alle sind betroffen

Gewalt in den Notaufnahmen gibt es auch in den Unikliniken Marburg und Gießen (UKGM). Es gebe sie zwar „selten“, aber immer wieder komme es auch zu körperlichen Übergriffen auf Mitarbeiter, so Klinikumssprecher Frank Steibli. „Das betrifft die behandelnden Ärzte, Mitarbeiter aus der Pflege und der Aufnahme“, so der Sprecher weiter. Solche Übergriffe seien zumeist bedingt durch Alkohol- und/oder Drogenmissbrauch der Patienten. „Deutlich öfter registrierten unsere Mitarbeiter ein zunehmend aggressives Verhalten der Patienten in Form von verbalen Attacken und Pöbeleien“, so der Klinikumssprecher. Insgesamt sei der Ton rauer geworden und die Anspruchshaltung vieler Patienten, in der Notaufnahme umgehend versorgt zu werden, größer.

Zum Schutz der Mitarbeiter und Patienten seien für die Notaufnahmen an beiden Standorten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes eingeteilt, die jederzeit deeskalierend eingreifen könnten.

Zu den Stoßzeiten, abends, nachts sowie an Wochenenden und Feiertagen, sei das Sicherheitspersonal grundsätzlich verstärkt. Oft ließen sich, so Steibli weiter, aggressiv aufgeheizte Situationen alleine schon durch das Auftreten „der Security“ deeskalieren.

Kliniken müssen auf Angriffe reagieren

Das Klinikum führe im Rahmen des Gesundheitsmanagements regelmäßige Deeskalationsschulungen berufsübergreifend durch. „Diese werden vor allem im Bereich der Zentralen Notaufnahmen, der Psychiatrie und der Kindernotfallversorgung als Fortbildung angeboten und in Intervallen aufgefrischt“, erklärt Steibli.

An beiden Standorten des UKGM gebe es eigens dafür ausgebildete Deeskalationstrainer. In theoretischen und praktischen Einheiten lernten die Mitarbeiter hier, sowohl auf verbale als auch auf körperliche Attacken adäquat reagieren zu können. „Ebenfalls an beiden Standorten haben wir ausgebildete Ersthelfer. Sie sind Ansprechpartner für Mitarbeiter, die eine solche Attacke erlebt haben. Die Ersthelfer begleiten und unterstützen dann bei der Verarbeitung des Erlebten“.

Am Universitätsklinikum Frankfurt werde keine Statistik über Gewaltattacken gegenüber dem Personal geführt, sagt Theresa Seubold, Sprecherin der Klinik. Es gebe aber schon „gelegentlich aggressives Verhalten von Patienten beziehungsweise deren Angehörigen gegenüber Mitarbeitern“. In den Abteilungen des Krankenhauses, in denen es möglicherweise häufiger zu Attacken auf Mitarbeiter kommen könnte, würden entsprechende Schulungen für diese angeboten. „Unser Haus verfügt über einen permanenten Sicherheitsdienst, um alle sicherheitsrelevanten Aspekte abzudecken und gegebenenfalls notwendigen Maßnahmen zu gewährleisten“, sagt Seubold.

Zudem bestehe ein enger Austausch mit der Frankfurter Polizei. Diese rate den Mitarbeitern, sich bei Gefahr sofort an die Polizei zu wenden.

Vor dem Hintergrund der Gewalt sieht das hessische Gesundheitsministerium „die Krankenhäuser in der Pflicht, für einen ordnungsgemäßen Ablauf der Behandlungen der Patienten Sorge zu tragen“, sagt Ministeriumssprecher Markus Büttner. Diese Pflicht umfasse auch den Schutz des medizinischen sowie des Pflegepersonals vor gewalttätigen Übergriffen. „Für eine funktionierende Gesundheitsversorgung der Bevölkerung ist die Sicherheit von medizinischem Personal unverzichtbar“, so Büttner.

Box: Mitarbeiter von 51 Notaufnahmen befragt

Für die Studie der Hochschule Fulda hat eine interdisziplinäre Forschungsgruppe am Fachbereich Pflege und Gesundheit Mitarbeiter von 51 Notaufnahmen in Hessen befragt. Zu ihren Erfahrungen mit körperlicher, verbaler und sexualisierter Gewalt füllten 354 Personen einen Online-Fragebogen aus. Die Studie untersucht, wie eine Notaufnahme in Bezug auf Arbeitsmedizin und Personalmanagement gestaltet sein sollte, um für die Beschäftigten ein sicherer und gesunder Arbeitsplatz zu sein. Die komplette Auswertung der Daten soll bis Ende Juni vorliegen. Das Forschungsprojekt wird vom hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Frauen- und Geschlechterforschung gefördert. Die Forscher haben angekündigt, die Daten bis dahin auch im Hinblick auf Genderaspekte auszuwerten.

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