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Der HR berichtete über Missstände in der Akutpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt.

Hessen

Psychiatrie in der Kritik: Deeskalieren statt zwangsfixieren

Das hessische Sozialministerium wirbt bei Klinikträgern für neue Wege in der Psychiatrie.

In Hessens Akutpsychiatrien kommt es immer wieder einmal zu Überbelegung. Sie haben einen Versorgungsauftrag, dürfen keine Patienten abweisen. „Das ist die bessere Alternative als Abweisen“, sagte Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Montag in Wiesbaden. Doch Betten auf den Fluren seien in keiner der psychiatrischen Kliniken im Land ein Dauerzustand. Es gebe keinerlei Hinweise auf Unterversorgung. Auch nicht an der Frankfurter Uniklinik, über die der Hessische Rundfunk (HR) jüngst kritisch berichtet hatte.

Wenige Tage nach der Ausstrahlung habe die Klinikleitung ihm „glaubhaft“ versichert, dass sie Hinweisen des Personals auf Überlastung nachgehe. Dass im Frühjahr Mitarbeiter wegen hohen Patientenaufkommens Überstunden machen mussten, die sie inzwischen allerdings abgefeiert hätten. Und dass die Betreuung fixierter Patienten nicht durch Leiharbeiter geschehe, wie der HR in dem Fernsehbeitrag berichtet hatte. Unstrittig sei hingegen, dass die Gebäude in Niederrad nicht mehr zeitgemäß sind, sagte Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne).

Uniklink Frankfurt wird seit Jahren saniert

Seit Jahren wird die Uniklinik saniert. Der Bau des neuen Psychiatriecampus soll 2022 beginnen. Geht alles nach Plan, könnten Patienten der Akutpsychiatrie in fünf Jahren in modernem Ambiente behandelt werden. Mit privaten Bädern für jedes Zimmer statt einer Gemeinschaftsdusche auf dem Gang, die Männer und Frauen derzeit wechselweise nutzen.

In Akutpsychiatrien werden Kranke untergebracht, die sich selbst oder andere gefährden. Dort kommt es auch zu sogenannten freiheitsentziehenden Maßnahmen: Menschen werden zu ihrem eigenen Schutz und dem ihrer Mitmenschen ans Bett gefesselt - mit richterlichem Beschluss und Einzelbetreuung durch eine Fachkraft. Die Aufsicht obliegt seit zwei Jahren dem Sozialministerium.

Ein genereller Verzicht auf Zwang sei nicht möglich, versicherte die zuständige Referatsleiterin Susanne Nöcker und betonte: „Das ist immer die Ultima Ratio.“ Doch inzwischen sei wissenschaftlich erwiesen, dass es Möglichkeiten gibt, die Fixierungszahlen zu mindern: Durch Deeskalationstraining der Mitarbeiter, wie es in den vergangenen Wochen am Klinikum Höchst erfolgt ist. Durch sogenannte Behandlungsvereinbarungen zwischen Arzt und Patient. Auch die Anwesenheit von „Genesungsbegleitern“ könne in einer akuten Krise zur Beruhigung beitragen. Genesungsbegleiter sind Psychiatrieerfahrene, die auch in einigen hessischen Kliniken bereits das Team Professioneller ergänzen. In Marburger bildet sie der Verein „Ex-In“ aus.

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Für Neuerungen wie diese könne das Ministerium lediglich bei den Geschäftsführungen werben, betonte Klose: Verantwortlich für das Personal sei die Selbstverwaltung, sprich der jeweilige Krankenhausträger. Das gelte auch für die Uniklinik Frankfurt. Träger müssten allerdings nicht abwarten, bis der neue Krankenhausrahmenplan fertig ist. Sollte die Zahl der Betten nicht ausreichen, könne er jederzeit einen Investitionszuschuss beantragen. Aktuell gebe es keinen Wunsch einer Aufstockung in einer der Psychiatrien.

Gute Ansätze in Hanau, Friedberg und Riedstadt

Die stationäre Unterbringung allein zu betrachten, wäre auch falsch, ergänzte Referatsleiterin Nöcker. In Hanau, Friedberg oder auch Riedstadt gebe es gute Ansätze für Alternativen – wie ambulante Angebote oder Tageskliniken. Derzeit überarbeite der Bund die Regeln zur Personalausstattung in der Psychiatrie. Doch allein die Zahl der Köpfe im Team zu vergrößern, sei nicht die Lösung: „Das ist nicht nur die Frage der Quantität, sondern auch der Haltung.“ Als Stichwort nannte sie den „Open Dialog“, die Behandlung auf Augenhöhe.

In der Sondersitzung des Sozialausschusses betonten mehrere Abgeordnete, dass die Mitarbeiter in den Psychiatrien sehr gute Arbeit machten. Und dass Berichte wie der des HR oder des „Teams Wallraff“ über das Klinikum Höchst nicht dazu führen dürften, dass Hilfebedürftige abgeschreckt werden.

Enttäuscht äußerte sich der Personalratsvorsitzende der Universitätsklinik, Uwe Richtmann, nach der Sitzung gegenüber der Frankfurter Rundschau. Schon vor zwei Jahren habe es einen Brandbrief der Mitarbeiter gegeben, ein zweiter sei im Frühjahr gefolgt. Das Ministerium verlasse sich allein auf die Aussagen der Klinikleitung, mit ihm habe keiner gesprochen: „Ich sehe das nicht so, dass im Großen und Ganzen alles in Ordnung ist.“

Die Vorgeschichte

Ende März sendete RTL den Undercover-Beitrag von „Team Wallraff undercover“ über Psychiatrien in Deutschland, darunter über Missstände in der geschlossenen Station der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst.

Die Folge: Es gab Deeskalationsschulungen für das komplette Team, geplant sind regelmäßige, berufsgruppenübergreifende Supervisionen, es soll einen Krisenraum für Patienten geben. Sozialminister Kai Klose (Grüne) setzte die Mindestzahl der Mitglieder nach unten, so dass die Besuchskommissionen ihre Arbeit aufnehmen konnten. Ein Gutachter untersucht derzeit die Betriebsabläufe.

Anfang Juni sendet der Hessische Rundfunk einen Beitrag über Missstände in der Akutpsychiatrie der Uniklinik Frankfurt. Er stützte sich hauptsächlich auf Insiderinformationen. Auch hier schaltete sich Klose ein. 

Von Jutta Rippegather

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