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Hessen werden immer älter

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Touristen kommen gerne in den Odenwald. Hier werfen sie ihre Schatten auf das Kopfsteinpflaster in einem Durchgangstor von Schloss Erbach.
Touristen kommen gerne in den Odenwald. Hier werfen sie ihre Schatten auf das Kopfsteinpflaster in einem Durchgangstor von Schloss Erbach. © Arne Dedert (dpa)

Schon heute steht für die nächsten Jahrzehnte mehr oder weniger unverrückbar fest: Die Hessen werden weniger, und sie werden immer älter. Eine Studie bestätigt nun die Befürchtungen zum demografischen Wandel – vor allem für den idyllischen Odenwaldkreis.

Fachwerkhäuser zieren die alten Marktplätze, enge Gassen schlängeln sich durch malerische Ortschaften, und historische Städte wie Erbach, Bad König oder Michelstadt sind Ausgangspunkte für Wanderungen durch Wiesen und Wälder. Für Ausflügler und Naturliebhaber hat der Odenwald viel zu bieten. Nur dort leben – das wollen offenbar nur noch Alteingesessene, die nicht mehr zur Arbeit nach Darmstadt, Frankfurt oder Mannheim fahren müssen.

Nirgendwo sonst in Hessen altert die Gesellschaft so schnell wie im Odenwaldkreis: Das hat eine Studie des Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft nun ergeben. Mit einem Durchschnittsalter von 39,6 Jahren zählte der Kreis 1995 noch zu den jüngsten des Landes. Das hat sich nun umgekehrt: 2015 war der durchschnittliche Odenwälder 45,4 Jahre alt – damit stieg das Durchschnittsalter der Bewohner dieser Region fast doppelt so schnell wie im Rest von Hessen. Um fast sechs Jahre ging der Altersschnitt seit 1995 nach oben.

Doch woran liegt’s? Mit dem Auto sind Ballungszentren wie Darmstadt oder Frankfurt vom Odenwald aus relativ schnell erreicht, und die Immobilien- und Mietpreise sind weitaus günstiger als im Rhein-Main-Gebiet oder in anderen Regionen Südhessens.

Uwe van den Busch von der Hessen Agentur beschäftigt sich mit der demografischen Entwicklung im Land. Dass es im Odenwald immer mehr Senioren gibt und junge Leute in die Städte abwandern, sei ein aktueller Trend. „1995 sind die jungen Familien raus aus den Städten ins Grüne gezogen, damals war also auch der Odenwald noch ein sehr junger Kreis.“ Doch das Muster habe sich in den vergangenen zehn Jahren umgekehrt. „Heutzutage bleiben Fachkräfte und Familien in der Stadt oder ziehen dorthin. Diese Entwicklung trifft vor allem auf den Odenwald zu.“ Ilka Ennen von der Hessischen Staatskanzlei verweist auf die „periphere Lage“ des Odenwaldkreises am Rande Südosthessens und die teilweise schlechte Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel – Berufstätige zockelten in den frühen Morgenstunden oft erst mit dem Bus durch die Ortschaften, bis sie am Bahnhof ankommen. „Der Odenwaldkreis hat hier mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie der ländliche Raum in Nord- und Mittelhessen.“

Pendeln unattraktiv

Früher hätten es die Menschen eher auf sich genommen, zwei Stunden zur Arbeit in die Stadt zu fahren. Dazu seien junge, gut ausgebildete Fachkräfte heute nicht mehr bereit. Uwe van den Busch will die Situation im Odenwald jedoch nicht allzu schwarz malen: „Es ist noch nicht so, dass der Odenwald das Altersheim Deutschlands ist.“

Das sieht auch Mario Seger vom Institut für Soziologie an der TU Darmstadt so: Der gebürtige Reichelsheimer macht sich stark dafür, seiner Heimatgemeinde im Odenwald zu einem positiven Image zu verhelfen – und somit auch wieder zu einem verstärkten Zuzug von jungen Fachkräften. Dazu hat er eine Initiative gegründet, die mit einem Marketingkonzept die Standortvorteile seiner Heimat Reichelsheim ins Zentrum und ins Bewusstsein potenzieller junger Neubürger rücken will.

„Das ist eine attraktive Kommune, die alles hat, was man braucht, von Ärzten und Apotheken über Supermärkte und einem Freibad bis zur Gesamtschule mit einer Gymnasialen Oberstufe und schneller Internetanbindung.“ Die Ballungszentren seien von Reichelsheim aus in 30 bis 45 Minuten erreichbar. Seger ist überzeugt: Wegen der stetig steigenden Mieten in den Großstädten würden auch Odenwaldstädte langfristig wieder Familien anlocken. „Der Odenwald ist eine attraktive ländliche Region in direkter Peripherie der Engineeringregion Rhein-Main-Neckar, die demgegenüber aber mit vergleichsweise günstigen Immobilien- und Mietpreisen punkten kann.“

Doch nicht nur der Odenwaldkreis hat mit Überalterung zu kämpfen. Auch vielen Gemeinden in Mittel- und Nordhessen geht es nicht anders. Überall werden die Menschen älter, und es gibt weniger Nachwuchs. Deshalb steigt auch das Durchschnittsalter der Hessen. Nur Frankfurt konnte dem Alterungstrend trotzen. Die Einwohner der Mainmetropole sind heute sogar jünger als vor 20 Jahren – die krasse Ausnahme unter den hessischen Stadt- und Landkreisen.

Denn die Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, die nun in Berlin veröffentlicht wurde, zeigt: Der Altersdurchschnitt der Menschen in Hessen steigt unaufhaltsam; und das nicht zu knapp. Der durchschnittliche Hesse ist heute 43,7 Jahre alt, 1995 war er noch drei Jahre jünger. Die Gründe dafür sind unverändert: Die Leute werden älter, die starken Geburtsjahrgänge kommen ins reifere Alter, die jungen Jahrgänge werden schmäler. Das alles hebt den Durchschnitt, sagt Ilka Ennen von der Hessischen Staatskanzlei.

Und dann ist da noch das Problem mit der Regionalisierung. Die Alterung der Bevölkerung fällt in den Stadt- und Landkreisen sehr unterschiedlich aus. Das hängt ab von der aktuellen Altersstruktur der Bevölkerung und dem unterschiedlichen Zu- und Abwanderungsverhalten. So sind die jüngeren Menschen stadtaffiner, sie verlassen eher die ländlichen Gegenden und strömen in die Ballungsräume.

Altersgefälle steigt

Die Städte profitieren also von dieser Wanderungserscheinung, die ländlichen Regionen hingegen werden noch schneller älter. Darmstadt, Offenbach und die Mainmetropole boomen bei jüngeren Zuwanderern. Dieser Trend führt in Hessen dazu, dass das Gefälle zwischen Stadt und Land beständig zunimmt. Heute trennen den ältesten Landkreis (Werra-Meißner-Kreis: 47 Jahre) und den jüngsten (Frankfurt: 40,8 Jahre) 6,2 Jahre. Ende 1995 war das Altersgefälle in Hessen noch drei Jahre kleiner.

Die Prognose für Hessen und seine Regionen, die Uwe van den Busch von der Hessen Agentur ermittelt hat, sagt vor allem für Nordhessen nichts Gutes voraus. Demnach verliert der Norden bis zum Jahr 2050 ein Fünftel seiner Bevölkerung.

Für viele Gemeinden im Norden Hessens sieht auch Mario Seger schwarz: „Kommunen im näheren Umkreis von Kassel haben eventuell noch ein Chance, wenn sie sich kreativ entsprechend ihrer Alleinstellungsmerkmale vermarkten. Aber wenn ich durch die teilweise ausgestorben wirkenden Dörfer auf dem platten Land fahre, denke ich: das war’s.“

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