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Angela Dorn, Ministerin für Wissenschaft und Kunst in Hessen.

Interview

Wissenschaftsministerin in Hessen: "Studiengebühren wären falsch"

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Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn will die Studienbedingungen verbessern und die Oper populärer machen.

Vor zehn Jahren ist Angela Dorn als damals jüngste Abgeordnete in den Hessischen Landtag eingezogen. Seit Januar leitet die 36-Jährige das Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Im Gespräch mit der Hessen-Chefin der FNP, Christiane Warnecke, erzählt die Grünen-Politikerin von ihrem Einsatz für eine bessere Hochschulfinanzierung und die Bedeutung der Kunst für die Gesellschaft.

Das Wintersemester hat vor einigen Wochen begonnen. Viele Studierende ärgern sich über überfüllte Hörsäle und steigende Studierendenzahlen. Was entgegnen Sie?

Wir sind ein sehr attraktiver Studienstandort - das ist positiv. Wir haben schon massiv Ressourcen dafür aufgebaut und gehen jetzt noch weiter: So werden wir die Grundfinanzierung der Hochschulen schon 2020 um rund 39 Millionen Euro steigern und im Rahmen des neuen Hochschulpakts 2021-2025 um vier Prozent pro Jahr erhöhen.

Das Zahlenverhältnis von Studenten zu Professoren liegt in Hessen im Bundesvergleich weit hinten, wie wollen Sie das ändern?

Das stimmt, damit sind wir nicht zufrieden und wollen die Betreuungsrelation verbessern. Hierfür schaffen wir die finanzielle Basis und daher erwarte ich von den Hochschulen eine Verständigung über eine klare Zielmarke im neuen Hochschulpakt.

Hessen: Wissenschaftsministerin Angela Dorn will mehr moderne Instrumente

In einigen Fächern werden Vorlesungen online per Livestream übertragen, warum geht das nicht bei allen?

Im Rahmen des Digitalpakts setzen wir uns für eine Ausweitung solcher und anderer moderner Instrumente ein. Der Livestream kann aber nie eine reale Vorlesung ersetzen.

Sie waren ja selbst mal in der Studentenbewegung aktiv. Wie fühlt sich der Perspektivwechsel an, nun selbst die Missstände an den Unis verteidigen zu müssen?

Ich verteidige ja nicht Missstände, sondern ich arbeite an Verbesserungen (lacht).

Vor 13 Jahren haben Sie das Wissenschaftsministerium besetzt, um gegen Studiengebühren zu kämpfen, jetzt sind Sie die Hausherrin. Brauchen wir nun doch wieder Studiengebühren, um vernünftige Lernbedingungen zu schaffen?

Nein, Studiengebühren wären der falsche Weg. Hochschulen sind Orte der Zukunft für die Gesellschaft. Die finanziellen Zugangshürden müssen so niedrig wie möglich sein. Das ist wichtig für die Demokratie.

Viele Studenten leiden auch unter der Wohnungsnot im Rhein-Main-Gebiet. Was verlangen Sie von Wohnungsbauminister Al-Wazir?

Ich renne bei ihm offene Türen ein. Bis 2024 stehen insgesamt 2,2 Milliarden Euro für die soziale Wohnraumförderung zur Verfügung; das kommt auch Studierenden zugute. Auch die Idee des Großen Frankfurter Bogens ist sehr hilfreich. Aber wir müssen uns weiter anstrengen.

Hessen: Wissenschaftsministerin Angela Dorn sieht Nachholbedarf bei Wohnungen für Studierende

Studenten ins Umland zu verdrängen widerspricht aber der Forderung nach einem regen Studentenleben in den Innenstädten...

Klar, ich wollte als Studentin auch in der Innenstadt wohnen. In Frankfurt-Ginnheim habe ich gerade Richtfest gefeiert für ein Wohnheim, das nur 350 Euro Warmmiete verlangt. Hier haben alle, auch die Stadt, an einem Strang gezogen. Klar: Solche Filetstücke gibt es nicht viele. Wir haben Nachholbedarf, das wissen wir; aber wir liegen beim Zubau von Studierendenwohnungen an der Spitze unter den Ländern.

Sie haben am Mittwoch Ihren Kulturetat vorgelegt, aber in der Öffentlichkeit wird die Landesregierung kulturpolitisch kaum wahrgenommen, wenn nicht gerade ein Preis verliehen wird. Woran liegt das?

Wenn ich da bin, wo Kultur passiert, wird mir das anders gespiegelt. Vielleicht müssen wir den öffentlichen Fokus stärker auf die Kulturpolitik setzen. Wo wäre diese Gesellschaft ohne den kritischen Spiegel von Kunst und Kultur?

Welche Rolle spielt Kultur für Sie in der Gesellschaft, Kulturpolitik gilt ja nicht gerade als Schwerpunkt der Grünen?

Das stimmt nicht. Für mich und viele andere Grüne ist eine freie Kultur schon immer ganz elementar für eine offene Gesellschaft. Wir brauchen ihre Denkanstöße ebenso wie das Vergnügen, das wir als Zuschauer erleben oder indem wir selbst an Kultur mitwirken.

Sind Sie mehr für Rock gegen Rechts oder für Staatsoper?

(Lacht) Am besten kombiniert man beides. Die Einteilung in Hochkultur und Subkultur ist längst überholt. Ich habe mit einer Initiative gesprochen, die eine Oper mit Hip-Hop-Elementen aufführen will. So schaffen wir es vielleicht auch, Menschen in die Oper zu locken, die sonst das Gefühl haben, die Hürde liege zu hoch. Man muss sich gar nicht mit Opern auskennen, um von einer Aufführung berührt zu sein und sie zu genießen, aber viele Menschen glauben das leider und lassen sich davon abschrecken.

Über die Meinungsfreiheit an den Universitäten gab es zuletzt kritische Debatten. Wie stehen Sie dazu?

Hochschulen sind der Ort, an dem kritische Diskurse geführt werden müssen und sollen. Die freie Debatte darf auf keinen Fall unterdrückt oder verhindert werden. Dazu gehört allerdings auch der friedliche Protest. Meinungsfreiheit heißt nicht, seine Meinung widerspruchslos sagen zu dürfen.

Hessen: Wissenschaftsministerin Angela Dorn über Filmproduktionen

Der Fall des abberufenen Hessen-Film-Geschäftsführers Mendig hat vielen erst bewusst gemacht, dass es in Hessen eine Filmförderung gibt: Wen oder was fördern Sie da?

Wir haben wunderbare Filmproduktionen in Hessen. Viele Produktionen sind sehr kostenintensiv und deshalb auf finanzielle Förderung angewiesen. Wir haben tolle Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, mutige Programmkinos und eine sehr lebendige Filmfestivalszene. Auch der Hessische Filmpreis soll auf diesen Schatz aufmerksam machen.

Was kostet die Abberufung Mendigs den Steuerzahler?

Der Aufsichtsrat der Hessen-Film hat Herrn Mendig einstimmig abberufen, um wirtschaftlichen Schaden von der GmbH und vom Land abzuwenden. Wir standen vor der Situation, dass Herr Mendig als Hauptansprechpartner für die Filmbranche auf die Fragen, die viele Filmschaffende verständlicherweise an ihn hatten, nicht so geantwortet hat, dass es ihren Erwartungen hinsichtlich einer vertrauensvollen Zusammenarbeit entsprochen hätte. Über die Vertragsauflösung sind unsere Anwälte noch im Gespräch. Kommissarisch führt ein Beamter meines Hauses die Hessen-Film, das kostet den Steuerzahler nichts.

Frankfurt ist DER hessische Kulturstandort. Das Angebot nutzen nicht nur Frankfurter, sondern sehr viele Menschen aus dem näheren und weiteren Umland. Allein die Sanierung der Städtischen Bühnen ist eine Mammutaufgabe: Warum engagiert sich das Land nicht stärker finanziell?

Das Land fördert auch in Frankfurt viele Kultureinrichtungen und -projekte. Was die Städtischen Bühnen angeht: Hessen hat im Gegensatz zu anderen Bundesländern gleich drei Staatstheater, das ist eine Herausforderung für den Landeshaushalt. Und das Landestheater Marburg stärken wir gerade in der Aufgabe, auch im ländlichen Raum zu spielen, denn Kultur ist für alle da, auch außerhalb der Ballungsräume. Wie der Name Städtische Bühnen schon sagt, sind diese zunächst Aufgabe der Stadt Frankfurt.

Sind die Staatstheater ausreichend finanziert? In Darmstadt klafft jetzt ein Millionenloch, woran liegt das?

Ja, die Finanzierung ist auskömmlich. In Darmstadt gibt es im Moment spezifische Probleme. Als wir im September von dem Defizit erfahren haben, haben wir zu einer internen Haushaltssperre geraten, die auch schon wirkt; das Defizit wird wohl geringer ausfallen. Weil es zuvor schon Hinweise auf Schwierigkeiten in der Verwaltung, insbesondere im Controlling, und damit auch auf finanzielle Risiken gab, haben wir bereits im März einen Fachmann aus dem Staatstheater Kassel eingesetzt, der die Theaterverwaltung in Darmstadt dabei unterstützt zu analysieren, wie es dazu kommen konnte. Wir werden zusätzlich einen Wirtschaftsprüfer beauftragen.

Sie sind ja auch noch für die Universitätskliniken zuständig. Wie bekommen Sie dieses breite Themenspektrum unter einen Hut?

Politiker müssen nicht die besten Fachleute für ihr Gebiet sein (schmunzelt). Ich habe ein Ministerium mit sehr engagierten Expertinnen und Experten, denen ich gut zuhöre, auch an den Hochschulen, den Theatern, den Museen. Meine Aufgabe ist es nicht, die bessere Abteilungsleiterin zu sein, sondern am Ende die Informationen so zusammenzutragen, dass ich Entscheidungen treffen kann.

Interview: Christiane Warnecke

Zur Person

Angela Dorn ist seit Januar 2019 hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst. Von November 2017 bis Mai 2019 war sie Landesvorsitzende der Grünen. Dorn wurde im Januar 2009 als damals jüngste Abgeordnete in den Landtag gewählt und war für die Landtagswahl 2013 Spitzenkandidatin ihrer Partei. Die 36-Jährige Psychologin ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

ch

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