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ESC-Vorentscheid "Unser Lied für Israel"

Laurita aus Frankfurt

ESC-Vorentscheid: Duo S!sters holt den Sieg in Berlin

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Der Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) in Berlin ging für zwei hessische Kandidatinnen anders aus als gedacht. Während die Oberurselerin Aly Ryan trotz großer Unterstützung im Saal nicht gewann, siegte die erst spät nominierte Laurita mit dem Duo „S!sters“. Ob das Lied Chancen beim Finale in Tel Aviv hat, ist jedoch umstritten.

Berlin - Wäre es nach den Plakaten gegangen, hätte die Oberurselerin Aly Ryan den ESC-Vorentscheid wohl haushoch gewonnen. Mit der Sprühdose in Hand wirbelte ihre Mutter Katrin Eigendorf noch kurz vor Beginn der Show durch die Halle des Adlerhof-Studios in Berlin, sprühte den goldenen Schriftzug „Aly“ auf viele weiße Pappen. 40 Freunde und Verwandte waren angereist, um die 23-Jährige zu unterstützen. Darunter war auch ihr früheres Kindermädchen Vera Tychkova, selbst eine Sängerin, die früher mit Aly gesungen und Klavier gespielt hat und ihr, so ihre Hoffnung „vielleicht ein Vorbild war“. Doch am Ende kam die Oberurselerin nur auf Platz drei, Sieger wurde das Duo „S!sters“.

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Dieses Ergebnis kam für viele Zuschauer und auch für die Sängerinnen überraschend und war einem komplizierten Bewertungsverfahren geschuldet. Zu einem Drittel zählte das Urteil einer internationalen Expertenjury. Hier lagen die „S!sters“ und Makeba vorn – niemand der 20 Experten gab Aly die Höchstpunktzahl. Dafür erreichte die Oberurselerin bei der 100-köpfigen Laienjury „Eurovision Panel“, deren Votum ebenfalls zu einem Drittel zählte, den Top-Platz. Die Zuschauerstimmen, die schließlich den Ausschlag gaben, drehten den Sieg wieder in Richtung „S!sters“.

„Ich bin stolz darauf, dass das Eurovision Panel für mich gestimmt hat“, meinte Aly am Tag danach. Aber natürlich bin ich traurig, nicht für Deutschland und Oberursel in Israel singen zu können.“

Hessen ist dennoch in Tel Aviv vertreten. Hinter der 26-jährigen Laurita aus Wiesbaden, einer Teilnehmerin des Sieger-Duos, verbirgt sich Laura Kästel, die Tochter des Musikers Christoph Kästel, der mit seiner verstorbenen Frau Teresa oft in Frankfurt spielte (siehe Kasten). Nur zwei Familienmitglieder begleiteten Laura nach Berlin. „Die haben das toll gemacht“, strahlte der Vater voller Stolz nach dem Sieg seiner Tochter und der Sängerin Carlotta.

Duo S!sters für ESC frisch gegründet

Das Duo ist erst vor kurzer Zeit entstanden, es sind quasi Schwestern aus der Retorte. Anders als die anderen Teilnehmer waren beide nicht im Songwriter-Camp, erst stand das Lied fest, dann Carlotta. Weil Laura unter anderem schon als Sängerin bei Lena mitmachte, wurde sie als Partnerin ausgewählt, das frisch gegründete Duo kam nachträglich in die Bewerberliste.

„Laura hat schon bei vielen Wettbewerben mitgemacht und oft den Sieg nur knapp verpasst“, so der Vater am Rande der Pressekonferenz. „Aber diesmal hatte ich das Gefühl: Heute müsste es klappen. Das hat sie wirklich verdient.“ Das Lied sei klasse, der Refrain gehe „wirklich ins Ohr“, so der erfahrene Musiker.

Ob das Lied aber Chancen auf einen guten Platz in Tel Aviv hat? Die Meinungen der Fans gehen auseinander. „Das Duo ,S!sters‘ wird uns zum letzten Platz singen“, befürchtet ein ESC-Anhänger namens Benny Illinger auf „Twitter“. Und eine Nutzerin namens „Steffi“ scherzt in dem Kurznachrichtendienst über die Abstimmung: „So in etwa lief übrigens auch das Brexit-Votum.“ Jan Uhlenbrock aus Kassel favorisierte Aly: „Die Stimme gefiel mir, die Show war auch gut“, meint er.

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Die nach Berlin angereisten Fans sind dagegen insgesamt zufrieden. Visuell hat sich Deutschland sehr stark gesteigert“, lobt Bernd Ochs, Frankfurter Koordinator des Eurovision Clubs Germany, die Bühneneffekte aller Beiträge. „Man hat endlich gemerkt, dass man auf die Show achten muss und dass das kein Radiowettbewerb ist.“

Der aus Eppstein stammende Eurovisionsexperte Irving Wolther, der über den Song Contest promoviert hat, war vom Urteil der internationalen Expertenjury überrascht. „Aber das ist ja auch der Reiz, dass das Voting für normale Geschmäcker nicht zu ergründen ist“, meint er. Die „S!sters“ hätten „schon sehr gut harmoniert, das haben ja auch die Zuschauer honoriert und die Fachjury. Bis Tel Aviv wird das dann auch noch besser zusammenwachsen“, ist er überzeugt.

Mit der Überraschung müssen nun erst einmal alle umgehen – die einen mit dem Sieg, die anderen mit der Enttäuschung. Laura alias Laurita muss für die ESC-Vorbereitungen nun andere Termine absagen. Aber das versteht ja jetzt wohl jeder“, meint sie. Ihr Vater Christoph Kästel freut sich schon auf die Reise nach Tel Aviv.

Lauras Eltern traten mit Frankfurter Band schon bei Leserfesten auf

Die von den Philippinen stammende Sängerin Teresa Kästel hatte schon in ihrer Heimat bei Talentwettbewerben mitgemacht und im Alter von neun Jahren den ersten gewonnen. Später trat sie unter anderem in Las Vegas auf. In Deutschland musizierte sie gemeinsam mit ihrem Mann Christoph auf vielen Veranstaltungen in Frankfurt und in der Region – unter anderem auf den Leserfesten dieser Zeitung im Druckzentrum Mörfelden. 

Die Formation „Teresa Kästel und Band“ hatte viele Fans. „Mit ihren unverwechselbaren Stimmen gekrönt mit natürlichem Charisma, bieten sie eine explosive Soul- und-Motown-Show aus den 60er bis 80er Jahren“, hieß es etwa zu einer Veranstaltung im Südbahnhof. Eine „Tina-Turner-Stimme“ wurde Teresa Kästel ebenfalls attestiert. Fast 25 Jahre war das Musikerpaar Kästel verheiratet. Vor fast genau zwei Jahren starb die Sängerin im Alter von nur 58 Jahren. „Das war natürlich ein harter Schicksalsschlag, auch für Laura“, so der Vater. Laura, die sich jetzt Laurita nennt, ist die jüngere der beiden Töchter. Ihre fünf Jahre ältere Schwester Jennifer reiste zu ihrer Unterstützung mit dem Vater nach Berlin.

Christoph Kästel, der unter anderem Klavier und Keyboard spielt, macht inzwischen mit der Band allein weiter. Er hat neue Sängerinnen engagiert. pro

Infobox: Oberursel unterstützte Aly mit einer Party

Um Aly Ryan zu unterstützen, gab es in Oberursel eine Party. Die 23-Jährige wuchs schließlich als Alexandra Eigendorf in unmittelbarer Nachbarschaft zum Alt-Oberurseler Brauhaus auf, das daher zum „Rudelgucken“ des ESC-Vorentscheids geladen hatte. „Die Familie wohnt ein Haus weiter, ich kenne sie lange“, sagt Brauhaus-Chef Thomas Studanski noch kurz vor der Sendung.

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Als Aly Ryan mit ihrem Pop-Song „Wear Your Love“ im Fernsehen zu sehen war, sorgte das für Partystimmung. „Das war peppig! Der Song hat Power und ist sehr kommerziell. Da hätten wir gute Chancen in Tel Aviv“, meint ein junges Paar.

Als die Telefonabstimmung ansteht, ruft Thomas Studanski in Dauerschleife für Aly Ryan an. Parallel steht er mit Ryans Familie, die die Sängerin in Berlin unterstützt, in Kontakt. „Was da los ist! Die Telefone glühen!“, ruft der Brauhaus-Chef. „Man kann nur hoffen, dass es reicht.“

Am Ende wird Aly Ryan Dritte – und bedankt sich hinterher bei ihren Fans aus ihrer Heimatstadt: „Danke, Oberursel, für all die tolle Unterstützung!“ mr

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