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Kultusminister Alexander Lorz spricht darüber, wie die Landesregierung Schulen und Lehrer im Kampf gegen Antisemitismus unterstützt.

Interview

Hessens Kultusminister Alexander Lorz über Strategien im Umgang mit Antisemitismus an Schulen

Antisemitismus beschäftigt auch unsere Schulen – nicht nur als Thema im Unterricht, sondern ganz konkret. Dazu zählen, 80 Jahre nach den Novemberpogromen in Deutschland, wieder verstärkt antisemitische Vorfälle, zuletzt vor allem in Berlin. Unser Redakteur Ullrich Riedler sprach mit Kultusminister Alexander Lorz über die Situation in Hessen und darüber, wie die Landesregierung Schulen und Lehrer im Umgang mit dem Phänomen unterstützt.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, bezeichnet Judenhass an Schulen als rapide wachsendes Problem. Wie groß ist es in Hessen?

ALEXANDER LORZ: Vergleichbare Fälle wie in Berlin haben wir nicht zu verzeichnen. Aber mir ist wichtig, ein komplettes Bild zu bekommen, weil die Dunkelziffer das Problem ist. Deswegen arbeiten wir mit einem neuen Erlass, der vorsieht, dass Schulen antisemitische Vorfälle grundsätzlich immer an die Schulämter melden. So können wir besser reagieren und entsprechende Maßnahmen an potenzielle Brennpunkte bringen.

Die Landesregierung hat als weiteren Baustein ja auch ein Präventionsprojekt „Netzwerk-Lotsen“ auf den Weg gebracht. Was bedeutet das?

LORZ: Wir wollen die Expertise der zahlreichen Stellen, etwa des Beratungsnetzwerks Hessen gegen Rechtsextremismus, in dem auch der Landesverband der jüdischen Gemeinden mitarbeitet, oder die Forschungsanstalt des Landesamtes für Verfassungsschutz für Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, besser verzahnen. An den Schulen wollen wir bestimmte Lehrkräfte oder Sozialpädagogen, die dann als Netzwerk-Lotsen fungieren, besonders schulen. Einerseits, damit sie antisemitische Phänomene erkennen und auch den Kollegen vor Ort helfen können, solche Vorfälle zu erkennen. Andererseits sollen sie im Bedarfsfall auch externe Experten an die Schule bringen, damit die Lehrkräfte kompetente Unterstützung erhalten.

Der unabhängige Expertenkreis für Antisemitismus im Bundestag hat berichtet, dass Antisemitismus von Jugendlichen vor allem auf den Nahostkonflikt zurückgeht. Muss der mehr als Thema im Unterricht behandelt werden?

LORZ: Es gibt verschiedene Spielarten des Antisemitismus. Neben dem rassistischen und religiösen gibt es tatsächlich auch den antizionistischen, auf der Feindschaft zum Staat Israel basierenden Antisemitismus. Mit diesen verschiedenen Spielarten muss man natürlich auch unterschiedlich umgehen. Bei dem sich aus dem Nahost-Konflikt speisenden Antisemitismus hilft nur Aufklärung und Beschäftigung mit dem Konflikt. Und man muss den Staat Israel besser kennenlernen. Begegnungen und Studienfahrten dienen dazu.

Die Landesregierung hat im Herbst einen Antisemitismusbeauftragten berufen. Was soll der leisten?

LORZ: Er soll unabhängiges Bindeglied zwischen den jüdischen Gemeinden in Hessen und der Landesregierung sein. Er soll darüber hinaus Konzepte und Strategien entwerfen, um Judenhass und Vorurteilen in der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Gibt es spezielle Schulungsangebote für Lehrer?

LORZ: Die sind wichtig, auch ganz generell für verschiedene Konfliktquellen beispielsweise in Mobbing-Fällen. Damit müssen Lehrkräfte umgehen können. Daneben gibt es themenspezifische Schulungen, etwa die Fortbildung unserer Lehrkräfte in Yad Vashem, wo wir regelmäßig eine Gruppe von Lehrkräften nach Israel bringen. In Yad Vashem sollen sie die dortigen pädagogischen Konzepte kennenlernen, etwa wie man heutzutage den Holocaust aufarbeiten kann, um das dann in den Kollegien weitergeben zu können.

Wie unterstützt Ihr Ministerium die Schulen personell?

LORZ: Wir haben die Zahl der Stellen erheblich ausgeweitet. Vor allem aber setzen wir auf multiprofessionelle Teams. Denn was Schule heute leisten muss, das ist mit dem klassischen Lehrerberuf alleine nicht mehr zu bewältigen.

Deswegen haben wir etwa zum aktuellen Schuljahr 700 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte eingerichtet, erstmals als Landesbedienstete. Und wir haben die Schulpsychologie ausgebaut, die im Moment mit 114 Stellen landesweit auf einem Rekordstand ist.

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