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Seit 2009 ist Thorsten Schäfer-Gümbel Vorsitzender der hessischen SPD.

Eine Karriere ohne Siege

Hessens SPD-Chef Schäfer-Gümbel verabschiedet sich aus dem Landtag

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Am 30. September endet die politische Karriere von Thorsten Schäfer-Gümbel. Ein Rückblick auf seine Zeit als Chef der hessischen Sozialdemokraten.

„Thorsten Schäfer- Wer?“ – so überschrieb eine große Tageszeitung aus München im Mai 2010 einen Artikel über den damals noch recht jungfräulichen Landes- und Fraktionschef der hessischen Sozialdemokraten. Ein Jahr zuvor hatte der in Gießen aufgewachsene Politneuling die Ämter der gescheiterten Kandidatin für das Ministerpräsidentenamt Andrea Ypsilanti übernommen – und gleich eine Landtagswahl verloren. Niederlagen sollten sich fortan wie ein roter Faden durch Schäfer-Gümbels politische Laufbahn ziehen – womit nun Schluss sein soll.

Im Hessischen Landtag hält der kommissarische Chef der Bundespartei während der aktuellen Plenarwoche seine letzten Reden als Abgeordneter. Am 30. September endet seine politische Karriere dann komplett, sagte der 49-jährige verheiratete Vater dreier Kinder gestern während einer Pressekonferenz im Landtag. Bereits im März hatte Schäfer-Gümbel nach der verlorenen Landtagswahl angekündigt, sich aus der Politik zurückziehen zu wollen. Als Vorstandsmitglied wechselt der Mann mit den markanten Brillengläsern zur staatlichen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und übernimmt dort den Posten des Arbeitsdirektors.

Aus der Öffentlichkeit werde er sich komplett zurückziehen – was ihm alles andere als schwerfallen werde. Besonders zu Beginn seiner politischen Karriere hätten ihn viele Artikel gekränkt. „Ich bin eben ein Kopfmensch und kein emotionaler Mensch. Meine Nachfolgerin Nancy Faeser wird da einen leichteren Zugang haben. Sie hat eine bessere Art, auf Menschen zuzugehen.“

TSG führte Genossen zusammen

Er habe kein Charisma, wirke zu ruhig, zu provinziell. Solche Vorwürfe musste sich TSG immer wieder gefallen lassen. Seine blasse Außenwirkung sei mit ausschlaggebend für die verlorenen Landtagswahlen 2013 und 2018 gewesen, urteilten politische Beobachter und Kommentatoren. Trotz seiner dreifachen Niederlage gehe er im Guten, sagte Schäfer-Gümbel in seiner Abschieds-Pressekonferenz. Er hinterlasse seiner Nachfolgerin einen Landesverband, den er als „Hort der Stabilität“ bezeichnet.

Als TSG 2008 nach Ypsilantis gescheiterter Regierungsbildung überraschend an die Spitze der hessischen SPD katapultiert wurde, war der Landesverband tief gespalten. Dennoch übernahm Schäfer-Gümbel den undankbaren Job, führte die hessischen Genossen wieder dichter zusammen und setzte neue Schwerpunkte. Vor allem die soziale Frage stellte er bewusst in den Vordergrund seiner Politik. Er stammt selbst aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater arbeitete als Lastwagenfahrer, die Mutter als Reinigungskraft. Er ist von den vier Geschwistern das einzige Kind, das später studieren durfte.

Seinen politischen Mitstreitern gilt TSG als gewissenhaft und fleißig. Außer zur AfD hält er zu allen Fraktionen im Hessischen Landtag guten Kontakt. Sein Verhältnis zu Ministerpräsident Volker Bouffier gilt als sachlich und freundlich, aber auch als distanziert und kühl.

Die hessische SPD wieder geeint zu haben, wird wohl Schäfer-Gümbels politisches Vermächtnis bleiben. In der Fraktion und im Landesverband genießt TSG hohes Ansehen, weil er in Krisenzeiten bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Die hat er nun auch nach seinem dritten gescheiterten Anlauf zum hessischen Ministerpräsidenten bewiesen.

Von Daniel Göbel

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