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Markus Metzger inmitten seiner Herde aus Zackelschafen.

Einnahmequelle

Hessische Bauern setzen auf Schaf-Selbsterfahrung oder Strohhüpfburgen

Fast jeder Bauer klagt in diesem Trockensommer über Ernteeinbußen. Da gerät eine wetterunabhängige Einnahmequelle verstärkt in den Fokus: Events. Das Angebot reicht in Hessen vom Maislabyrinth bis zum Männlichkeits-Workshop.

Sich im Maislabyrinth verirren, auf dem Apfelfest selbst Saft keltern, romantisch im Heu übernachten oder mit dem Schlepper Slalom fahren: Auf hessischen Höfen können Natursuchende gegen Bezahlung viele Erfahrungen sammeln. Im Rhein-Main-Gebiet nehmen Großstädter diese Kurztrips ins Ländliche gern an. Für die Landwirte sind die Events ein zweites Standbein und die Chance, trotz begrenzter Flächen noch wachsen zu können. Gerade nach einem Dürre-Sommer wie dem vergangenen können damit fehlende Einkünfte aus Ernte oder Tierhaltung teilweise ausgeglichen werden.

„Wer will denn mal ein Lamm hochheben“, fragt Schäfer Markus Metzger in Rodgau eine Gruppe Kinder. Mehrere Mädchen melden sich, vorsichtig nimmt eine Siebenjährige das Tier in die Arme. Danach stehen noch Baumfällen und ein kleines Quiz zu Schafen und Wolf auf dem Programm. „Mit der Pädagogik verdiene ich inzwischen mehr als mit Fleisch und Wolle“, sagt der gelernte Tierwirt, der auch auf dem Hof seiner Eltern arbeitet. Seine Haupteinnahmequelle sind seine 35 Zackelschafe, die er auch als „Gartenschafe“ als Rasenmäher vermietet oder mit denen er Kindergeburtstage veranstaltet.

Mit den Events als Haupteinnahmequelle hat sich Metzger in diesem Sommer richtig entschieden, denn seine reinen Schäferkollegen klagen über ausgedörrte Wiesen, die sie zwingen, ihre Tiere Monate früher als sonst in den Stall zu schicken. Zu der langen Periode, in der sie die Tiere füttern müssen, kommen dann auch noch hohe Preise. „Das kann für einige Betriebe existenzbedrohend werden“, sagte der stellvertretende Vorsitzende des hessischen Verbandes der Schafzüchter und -halter, Hubertus Dissen.

„Diese Hitze und Trockenheit waren schon außergewöhnlich“, sagt Reiner Paul von „Paul’s Bauernhof“ in Hofheim-Wallau. Statt wie geplant nach und nach wurden seine Erd-, Him- und Blaubeeren fast alle gleichzeitig reif. „Wir hatten gar nicht genug Helfer, um alles zu ernten.“ Vor Kurzem hat er die Kürbissaison mit einem Fest mit Schleppergeschicklichkeitsfahren und großer Strohhüpfburg eingeläutet. „Gerade in so einem Jahr ist es wichtig, dass man mehrere Standbeine hat.“ Seine Marmeladen, Beeren-Smoothies und Kürbissecco stehen in Supermärkten und sind im Online-Shop bestellbar. Für Gruppen bietet er Kürbisschnitzkurse mit Heuwagenfahrten und Kürbisessen an. 20 Prozent seines Umsatzes mache er inzwischen mit den Angeboten, sagt Paul. „Wir sehen im Event-Bereich noch gute Chancen und wollen das weiter ausbauen.“ Die Nachfrage sei groß, im Rhein-Main-Gebiet lebten genügend Menschen mit Geld und Affinität zu regionalen Produkten: „Jeder muss mit seinen Standortgegebenheiten arbeiten.“

Der Trend zur „Einkommensdiversifizierung“ sei nicht neu und biete Chancen auf Wachstum in Gebieten, in denen Landwirten keine neuen Flächen zur Verfügung stehen, heißt es vom hessischen Bauernverband. „Im Rhein-Main-Gebiet ist das Land natürlich besonders knapp“, sagt Sprecher Bernd Weber. Für hoch spezialisierte und große Ackerbau- oder Mastbetriebe eigneten sich Angebote wie Kindergeburtstage eher nicht. Aber kleinere Betriebe könnten sich damit ein zweites Standbein schaffen: „In Zeiten, wo es schwierig ist, ein gutes Einkommen zu erzielen, muss man erfinderisch werden.“

Metzger und Paul tüfteln bereits an Ideen. Paul testet neue Trendprodukte mit seinen Beeren. Der Schafhalter plant gemeinsam mit einem lokalen Indianerverein Wochenendseminare für Männer. „Das Frauengedöns wird doch immer mehr, da kommen Männer zu kurz“, sagt Metzger. Mit Feuer, Musik und Schafehüten sollen die Herren ihre Männlichkeit und ihren – laut Metzger ureigensten – Beschützerinstinkt wieder wecken. In dem Workshop sollen sie die Tiere vor einem fiktiven Wolf verteidigen.

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