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Hier ist nicht viel los. Am Rande des Marktplatzes von Bensheim geht ein Mann an einem Bekleidungsgeschäft vorbei.

Kleinere Städte

Wie hessische Kommunen der Verödung der Zentren entgegenwirken wollen

Der wachsende Online-Handel und der Run auf die Metropolen sind nicht die einzigen Gründe für die Verödung kleinerer Innenstädte. Die Bedürfnisse der Kunden haben sich auch verändert. Mehrere Kommunen versuchen, darauf auf unterschiedliche Art zu reagieren.

Der Marktplatz im südhessischen Bensheim ist nachmittags verwaist. Die Stände sind abgebaut, mehrere Häuser stehen leer. Um aus dem zentralen Platz der größten Stadt des Kreises Bergstraße wieder einen lebendigen Treffpunkt zu machen, investiert die Stadt rund 15 Millionen Euro in mehrere Häuser in ihrer Mitte. Die Wiederbelebung verödeter Innenstädte haben sich viele hessische Kommunen auf die Fahnen geschrieben. Dabei gehen sie unterschiedliche Wege. Nach Einschätzung von Fachleuten kommt es ganz wesentlich auf die Planung sowie die Vernetzung der Interessensgruppen an.

Eine Stadtplanung, die die Bedürfnisse von Bürgern und örtlicher Wirtschaft berücksichtigt, könne Innenstädte wieder lebendig machen, sagt der Sprecher des Hessischen Städtetags, Michael Hofmeister. „Sonst gibt es nur Ketten, und die haben abends zu.“ Freiräume für Familien und Treffpunkte für Jugendliche brächten Leben zurück. Am Anfang müsse eine Bedarfserhebung stehen – mit den Ortsbeiräten, Bürgern und der Wirtschaft. „Wenn man die Bedürfnisse und Ideen ernst nimmt, entsteht meist ein Sog.“ Häufig siedelten sich Unternehmen und Gastronomie dann wieder an.

Das nordhessische Eschwege etwa will Leerstände in der City anmieten und für bis zu einem Jahr kostenlos an neue Interessenten vermieten. Damit sollen Lücken im Sortiment geschlossen und zugleich moderne Angebote gemacht werden, wie Wolfgang Conrad von der Stadt sagt.

Interessenten müssen sich bewerben, eine Jury entscheidet und die Stadt hilft bei der Gestaltung moderner Outfits. Dies sei auch eine Chance für Pop-Up-Stores, also bunte und ansprechende Geschäftsideen auf Zeit.

Kunden wollten sich beim Shoppen inspirieren lassen und nicht nur nach Bedarf einkaufen, sagt die Darmstädter Marketing-Professorin Shyda Valizade-Funder. Studien zeigten, dass sie mehr kauften, wenn sie schon mal vor Ort seien – auch mehr als online. Kaufen werde als soziale Interaktion mit Gleichgesinnten geschätzt. Innenstädte könnten dafür gemeinsame Events planen, regt Valizade-Funder an. Ein „Running Dinner“ mit verschiedenen Gängen an unterschiedlichen Orten etwa. Moderne Stadtkonzepte dürften nicht nur Konsum und Arbeit in den Blick nehmen, sondern auch Wohnkultur und Gastronomie.

Im mittelhessischen Dillenburg mit seinen rund 23 500 Einwohnern sollen vor allem drei große Projekte mehr Leben in die Innenstadt zurückholen: Eine Wohnanlage mit bis zu 40 Wohnungen für Ältere und ein Fachmarkt mit verschiedenen Filialen, zählt Stadtsprecherin Anja Raser auf. Beide Projekte werden mit Hilfe von Investoren umgesetzt.

Das dritte ist ein Kindergarten der katholischen Kirche, der in ein dreistöckiges Kaufhaus zieht, das einige Jahre leer stand – mit Spielplatz auf dem Dach. Die Begrünung der City mit Blumenranken und ein neu abgestimmtes Konzept für die Kulturveranstaltungen sollen auch wieder mehr Menschen anziehen.

Stadtentwicklungskonzepte, bei denen sich eine Gemeinde langfristig auf ein Leitbild festlegt, hält Stadtforscher und Einzelhändler Björn Hekmati von der Technischen Universität Darmstadt für den richtigen Weg. Bei jeder geplanten Maßnahme müsse geprüft werden, ob sie zum vereinbarten Leitbild und Image passe. Zum Beispiel: Ist die Bushaltestelle familienfreundlich, oder fehlt vielleicht noch eine Schaukel?

Trotz des Wohnungsdrucks aus den Metropolen aufs Umland sollten kleinere Städte lieber ihre Mitte entwickeln, als ständig neue Bau- und Gewerbegebiete an den Rändern auszuweisen, rät er. Autoarme Innenstädte, Fachhändler mit guter Beratung und Flair, Grünräume, ansprechende Beleuchtung, Farben und Formen seien andere Magnete. Und: „Wer flächendeckend freies WLAN hat, hat auch die Jugend in der Innenstadt.“

In Bensheim soll das weitgehend leere „Haus am Markt“, das der Stadt gehört, innerhalb von weniger als zwei Jahren nun durch einen Neubau ersetzt werden: Ein regionales Brauhaus für das Erdgeschoss samt Außengastronomie hat sich schon gefunden, außerdem ziehen ein Familienzentrum und ein Hospizverein ein. Fast zwei Millionen Euro hat die Stadt mit ihren fast 42 000 Einwohnern zu Jahresbeginn in zwei Häuser in der Hauptstraße am Marktplatz investiert.

Das Modegeschäft im Erdgeschoss der Häuser bleibt, die anderen leerstehende Stockwerke sollen saniert und Bürger in die Planung mit einbezogen werden. Wohnungen und Büros seien denkbar, sagt Stadtsprecher Matthias Schaider. Kaufen will die Stadt auch die fast völlig leerstehenden Fachwerkhäuser direkt am Marktplatz, veranschlagt sind dafür rund 1,4 Millionen Euro. Die Verhandlungen laufen aber noch. Bedarf gebe es im Herzen der Stadt an der Bergstraße beispielsweise für ein Lokal mit Weinen und hessischen Tapas aus der Region.

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