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Hessische Tafeln kommen an ihre Grenzen

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Gäste stehen an einer Ausgabestelle der Tafel. © Sven Hoppe/dpa/Symbolbild

Die Schlangen vor den hessischen Tafeln werden immer länger. Die Wartelisten platzen aus allen Nähten. An Ware mangelt es jedoch erheblich. Ein Soforthilfepaket soll Abhilfe schaffen.

Wiesbaden - Hessische Tafeln stehen vor einem schwierigen Winter. Es gibt immer mehr Neukunden - aber immer weniger Lebensmittel. „Seit Jahresbeginn sind 35.000 Neukunden zur Tafel gekommen, davon sind 25.000 Geflüchtete aus der Ukraine“, sagte Willi Schmid, Vorsitzender des Landesverbands Hessischer Tafeln. Insgesamt versorgen die Tafeln derzeit 135.000 Menschen in ganz Hessen.

Die Situation sei schon seit Monaten angespannt, sagte Schmid. „Es wird von Woche zu Woche kritischer.“ Die Lebensmittelspenden seien um etwa 30 Prozent zurückgegangen. „Neben vielen Flüchtlingen kommen aber auch viele Menschen zu uns, die sich zurzeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr leisten können“, erklärte der Vorsitzende.

Aufgrund der hohen Kundenanzahl habe mehr als die Hälfte der hessischen Tafeln einen Aufnahmestopp verhängt. Derzeit arbeite man mit Wartelisten, um einen Überblick zu behalten. „Die Solidarität unter den Kunden ist groß. Das funktioniert ganz gut“, sagte Schmid. Nach seinen Worten haben einige Tafeln auch die Zeitspanne zwischen den Ausgabeterminen verlängert oder die Rationen verkleinert. „Manche Tafeln haben ihre Ausgabemenge auf ein Drittel reduziert. Jeder einzelne Kunde bekommt weniger“, erklärte Schmid.

Die Sparmaßnahmen seien auf die angespannte Lebensmittellage zurückzuführen. Immer mehr Supermärkte und Discounter lagern aufgrund gestiegener Kosten weniger Lebensmittel ein. Zudem haben einige Märkte Geschäftsmodelle entwickelt, bei denen Menschen nach Ladenschluss günstig Lebensmittel erwerben können. „Was früher an die Tafeln gegeben wurde, wird jetzt zu Sonderpreisen verkauft. Kunden nehmen dieses Angebot auch verstärkt an“, berichtete Schmid.

Dadurch fehle verstärkt Frischware wie Gemüse und Obst. „Wir sind ja froh, dass die Lebensmittel nicht in der Mülltonne landen. Das ist ein legitimes wirtschaftliches Modell. Wir müssen mit der Situation leben“, sagte Schmid. Der Landesverband engagiere sich für eine direkte Abholung bei den Herstellern in Form von Lebensmittelgroßspenden. „Wir haben die Anzahl der Großspenden verdoppelt. Das ist ein Erfolg. Aber das macht leider nur 15 Prozent des Gesamtaufkommens aus“, sagte er. Das tägliche Einsammeln bei lokalen Geschäften sei deswegen immer noch entscheidend.

Gerade für freie Tafeln wie die Tafel Darmstadt trage die Abholung zu den hohen Kosten bei. Die Inflation mache der Einrichtung schwer zu schaffen, etwa bei den Fahrzeugkosten, sagte der Vize-Vorsitzende Gert Hauschild. Aufgrund der zugespitzten Situation habe man in Darmstadt die Kundschaft in Gruppen aufgeteilt. „Wir hatten teilweise mehr als 300 Kunden, da mussten wir teilen“, erklärte er weiter.

Der Vize-Vorsitzende kritisierte die Zusammenarbeit mit Supermärkten und Discountern. Nach wie vor würden Lebensmittel entsorgt. „Waren gehören nicht in die Tonne, die gehören zu uns. Die Problematik ist überall anzutreffen“, erklärte Hauschild.

Die Tafel in Kassel verzeichnet zusätzlich einen erhöhten Bedarf an Hygieneartikel wie Slipeinlagen oder Zahnpasta. „Die Lage ist immer noch angespannt, weil wir immer noch mehr Personen auf den Listen haben, als wir versorgen können“, sagte Vize-Vorsitzende Helga Schmucker-Hilfer. Die Warteliste reiche mit 170 Menschen bis in den Januar hinein. Zudem sei ein spezieller Ausgabetag für ukrainische Flüchtlinge eingerichtet worden.

„Wir versuchen durchzuhalten. Wir werden hoffentlich über den Winter kommen. Wie es im Frühjahr aussieht, müssen wir dann sehen“, betonte Schmucker-Hilfer. Laut der Vize-Vorsitzenden stehen neben den Geflüchteten auch immer mehr Rentnerinnen und Rentner sowie alleinerziehende Mütter vor der Tür. „Wir rechnen mit deutlich mehr Menschen“, sagte Schmucker-Hilfer.

In Frankfurt sind vor allem die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer das Hauptthema. „Wir sind personell so stark angespannt, dass wir momentan einen Aufnahmestopp machen mussten“, erklärte der Vorsitzende Rainer Häusler. Man gebe zwar weniger Lebensmittel aus, allerdings sei die Lage noch nicht dramatisch.

Um die Situation der Helferinnen und Helfer zu verbessern, versuche man auch unter den Geflüchteten ehrenamtliche Tätigkeiten zu verteilen. „Wenn allein fünf helfen könnten, dass würde uns natürlich entlasten“, sagte Häusler. Auch sei dann die Verständigung mit nur Ukrainisch sprechenden Kunden leichter.

Hilfen soll es auch von der hessische Landesregierung geben. Diese stellt den Tafeln im Land eine Soforthilfe von 2,2 Millionen Euro zur Verfügung. Das Land hatte bereits 2020 rund 1,25 Millionen Euro Soforthilfe zur Deckung der laufenden Kosten ausgezahlt.

Laut Schmid vom Landesverband ist die Soforthilfe dringend nötig. „Es musste noch keine Tafel schließen, aber wenn die Finanzhilfe nicht gekommen wäre, dann wären viele Tafeln von dem finanziellen Kollaps bedroht“, sagte er. Spätestens Ende des Monats sollen die Hilfsbeträge ausgezahlt werden. Kleinere Tafeln erhalten rund 22.000, mittlere knapp 40.000 und große Tafeln 65.000 Euro. dpa

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