Polizisten kontrollieren einen bärtigen Mann, der den Auftritt des umstrittenen Predigers Pierre Vogel miterleben möchte. Fotos: Bernd Kammerer (3), dpa
+
Polizisten kontrollieren einen bärtigen Mann, der den Auftritt des umstrittenen Predigers Pierre Vogel miterleben möchte. Fotos: Bernd Kammerer (3), dpa

Landtagsanhörung

Was hilft gegen den Salafismus in Hessen?

  • VonGisela Kirschstein
    schließen

Was tun gegen Salafismus? Zu dieser Frage nahmen gestern bei einer Anhörung im Landtag 23 Experten Stellung. In einem waren sich alle einig: Gefährdeten und frustrierten Jugendlichen müsse zu mehr Selbstbewusstsein und Perspektive verholfen werden. Und Deutschland brauche dringend eine Debatte, was Deutsch-Sein heute bedeute.

Bei jungen Salafisten spiele die Religiosität eigentlich gar nicht die erste Rolle, sagte Jochen Müller. „Es geht um Forderungen von Anerkennung und Zugehörigkeit“, betonte der Experte von Ufuq, einem Verein, der sich für ein modernes Islambild in Deutschland einsetzt. Es geht um die Generation junger Migranten, die in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, die „9/11-Generation“, wie die Experten die Generation nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York benennen.

Die Generation sei „groß geworden mit dem Bewusstsein, nicht richtig dazu zu gehören“, sagte Müller. Auf der Suche nach Bedeutung, nach Lebensinhalt, nach Selbstbewusstsein könne für diese Jugendlichen ein Angebot radikaler Salafisten attraktiv sein.

Schweigeminute

„Als wir die Anhörung beschlossen, ahnten wir nicht, wie aktuell das Thema sein würde“, sagte der Ausschussvorsitzende Horst Klee zu Beginn: „Die Welt ist nicht mehr die gleiche wie vor den Gräueltaten in Paris.“ Der Ausschuss gedachte mit einer Schweigeminute der Opfer von Paris. Zugleich verstärkten die Anschläge, verübt von radikalen Muslimen, die Dringlichkeit, eine Lösung für das Problem zu finden.

Die radikalen Salafisten zeichneten das Bild eines glorreichen Islams aus der Zeit des Propheten Mohammed, sagten die Experten. Werde der Prophet beleidigt, sei das folglich eine persönliche Beleidigung. Dazu erlaube die Denkweise, den einzig richtigen Glauben zu vertreten, Menschen in der westlichen Welt als Teil eines Verteidigungskampfes zu töten.

Doch das Religiöse sei eigentlich nicht das Wichtige für die Jugendlichen: „Es geht um Frust, es ist furchtbar anstrengend, Erfolg im Leben zu haben“, sagte Claudia Dantschke vom Zentrum für Demokratische Kultur und ausgewiesene Islamexpertin. Die salafistischen Gruppen hätten diesen Jugendlichen viel zu bieten: In der Gruppe werde auf einmal alles einfach, alles werde organisiert. „Da geht es um Männlichkeit und Orientierung, um Gemeinschaft und Eindeutigkeit“, sagte Dantschke – und „bei der Eindeutigkeit müssen wir rein.“

Mehr Anerkennung

Im Kern forderten die Experten, die Jugendlichen bei ihrer Suche nach Identität und Platz in der Gesellschaft nicht allein zu lassen. „Jugendliche suchen nach Anerkennung, sie brauchen ein Ventil“, so Mouhanad Khorchide, Islamwissenschaftler von der Uni Münster.

Khorchide und Dantschke forderten mehr Geld für Präventionsprojekte, aber auch mehr Engagement islamischer Theologen. „Wir müssen die Gegenargumente eines gewaltfreien Islams stark machen“, sagte Korchide. „Prävention heißt eben nicht, den Salafismus zu bekämpfen“, sagte Müller: „Prävention heißt eigentlich Demokratieerziehung.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare