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Hindernisreiche Integration: Feras Rashid hat sie überwunden

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Feras Rashid
Feras Rashid. © Swen Pförtner/dpa/Archivbild

Feras Rashid floh 2015 aus Syrien nach Deutschland. Heute arbeitet und lebt er mit seiner Familie in Kassel. Ein Beispiel gelungener Integration, die laut Hessischem Flüchtlingsrat in anderen Fällen häufig durch die Wohnsituation behindert wird.

Kassel/Frankfurt - Als Feras Rashid im Herbst 2015 in Deutschland ankommt, hat er eine 22-tägige Flucht hinter sich. Der heute 29-Jährige war damals aus Aleppo in Syrien geflohen. In dem Staat in Vorderasien herrscht seit 2011 Krieg. Rashid gehörte dort zur kurdischen Minderheit. „Mir drohte der Militärdienst“, sagt er. „Aber ich wollte niemanden töten.“ Also entschloss er sich zur Flucht.

Über den Libanon und die Türkei gelangte er per Schlauchboot nach Griechenland und dann auf der Balkanroute über Budapest nach Bayern, wo er schließlich aufgegriffen wurde. Rashid kam zunächst in Aufnahmeeinrichtungen in Bayreuth und Gießen und wurde schließlich in Schwarzenborn im Landkreis Kassel untergebracht.

In seiner Heimat hatte der studierte Finanz- und Wirtschaftswissenschaftler seine Familie und seinen Beruf als Marketing- und Vertriebsleiter eines örtlichen Unternehmens zurückgelassen. In Schwarzenborn fand er sich in einem Zeltlager für 500 Menschen wieder, das das Regierungspräsidium Kassel gerade erst in Zusammenarbeit mit der Stadt, dem dortigen Bundeswehrstandort und den regionalen Hilfsorganisationen eingerichtet hatte.

„Das war erstmal ein Schock. Zwanzig Männer in einem Zelt und es war auch im Sommer sehr kalt“, erinnert sich Rashid. Auf der Flucht habe man wochenlang keine Zeit zum Ausruhen - und dann sitze man in Schwarzenborn im Zelt ohne Beschäftigung.

Doch Feras Rashid ließ sich nicht entmutigen. Er absolvierte einen Sprachkurs, nahm ein Studium an der Universität Kassel auf, arbeitete nebenbei an der Supermarktkasse. Heute hat er einen Master in Digital Business, lebt mit seiner Frau, die er nachholen konnte, und seinem vierjährigen Sohn in Kassel. Seit Anfang des Jahres ist er Trainee bei der Kasseler Verkehrs- und Versorgungs-GmbH (KVV) sowie Mitglied im Smart City Team des Unternehmens, das die Digitalisierung der Stadt vorantreiben möchte.

„Ich hoffe auf eine Festanstellung, meine Frau möchte als Ingenieurin arbeiten“, sagt Rashid, der kürzlich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat. „Wir wollen der Region etwas zurückgeben.“ Er und seine Frau seien sehr dankbar für die Unterstützung, die sie erfahren hätten, auch wenn es natürlich Schwierigkeiten gegeben habe. „Mir war klar, dass manche Menschen keine Akzeptanz für Ausländer haben. Aber wenn man will, wenn man arbeitet und sich integriert, kann man alles schaffen.“ Er habe hier ein neues Leben aufbauen können. „Wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.“

Feras Rashid sei ein „Erfolgsmodell“, sagt Kassels Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber. „Er hat es geschafft zu fliehen und hier Fuß zu fassen. Das war ein Weg mit vielen Hindernissen. Er hat sie bewältigt.“ Klüber traf Rashid 2015 in Schwarzenborn. „Das war ein problematischer Standort, der aus der Not heraus geboren war, um den Menschen möglichst rasch wenigstens ein Zeltdach über dem Kopf zu sichern“, erinnert sich der Regierungspräsident. Abgelegenheit, Kälte und die Nähe zum dortigen Truppenübungsplatz hätten für Unsicherheit gesorgt.

Nach dem Tod eines Bewohners infolge einer Vorerkrankung kam es zu Unruhen und einem Polizeieinsatz. Rashid habe zwischen Flüchtlingen und Behörden vermittelt, erinnert sich Klüber. Die Bewohner wurden innerhalb von 14 Tagen in feste Unterkünfte verlegt, das Zeltlager nach sieben Wochen wieder geschlossen. Feras Rashid kam in eine neue Aufnahmeeinrichtung in Kassel - und blieb.

Es gebe viele Beispiele gelungener Integration, sagt Timmo Scherenberg, Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats. Gleichzeitig gebe es aber auch eine große Gruppe von Flüchtlingen, die mehr Unterstützung bräuchten. „Das sind eigentlich Leute, die es gut hätten schaffen können, denen es aber durch die Desintegrationspolitik schwer gemacht worden ist.“

Eines der größten Integrationshemmnisse sei die Unterbringung. Es gebe eine Vielzahl Geflohener, die jahrelang in Gemeinschaftsunterkünften lebten, zum Teil unter schwierigen Bedingungen. „Manche teilen sich über Jahre ein Zimmer mit mehreren anderen Bewohnern. Es gibt dort Menschen mit psychischen Vorbelastungen. Leute, die tagsüber schlafen und nachts Party machen, wohnen neben dem Azubi, der morgens früh raus muss“, schildert Scherenberg.

Verschärft werde die Situation durch zwei Faktoren: „Wer arbeiten geht, muss in den Unterkünften eine Gebühr pro Person zahlen, die im Falle einer fünfköpfigen Familie schnell bei 2000 Euro für zwei kleine Zimmer liegen und damit höher als eine Miete liegen kann.“

Zudem sehe die Wohnsitzauflage vor, dass Flüchtlinge für die Dauer von drei Jahren ihren Wohnsitz in dem Land beibehalten, dem sie im Asyl- oder Aufnahmeverfahren zugewiesen wurden. „Erst danach beginnt dann an einem anderen Ort die richtige Integration. Integrationstechnisch ist das das Schlimmste, was man machen kann“, sagt Scherenberg. Mit Arbeitsverboten, Abschiebedruck und der Unterbringung in den vergangenen Jahren tue man den Menschen und der Gesellschaft auf Dauer keinen Gefallen. dpa

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