So kann so ein "Homie" aussehen: Holzoptik statt Stahl geben dem Wohncontainer eine gewisse Gemütlichkeit. In den Niederlanden fühlen sich längst Studenten in solch kostengünstigen Haus-Alternativen wohl, die nun in hessischen Kommunen als Flüchtlingsunterkünfte getestet werden sollen.
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So kann so ein »Homie« aussehen: Holzoptik statt Stahl geben dem Wohncontainer eine gewisse Gemütlichkeit. In den Niederlanden fühlen sich längst Studenten in solch kostengünstigen Haus-Alternativen wohl, die nun in hessischen Kommunen als Flüchtlingsunterkünfte getestet werden sollen.

Container-Wohnkonzept

„Homies“ für Flüchtlinge in Hessen

  • VonGisela Kirschstein
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Der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab, für 2015 werden bis zu 600 000 Flüchtlinge in Deutschland erwartet. Viele Städte wissen nicht mehr, wo sie die Menschen unterbringen sollen. „Homies“ könnten als wohnliche Container für neue Nachbarn die Lösung sein.

Ein Container in Holz-Optik oder in Metall, innen ein edler Holzfußboden, moderne Möbel wie in einem schwedischen Einrichtungshaus, kleine, luftige Zimmer und eine große, offene Küche – warum sollten hier nicht Flüchtlinge wohnen? „Ich habe mich sofort in die Homies verliebt“, sagt Marion Schmitz-Stadtfeld. Die Stadtentwicklungsleiterin der Nassauischen Heimstätte in Hessen hat eine Mission: die Flüchtlingsunterbringung in Deutschland zu revolutionieren.

„Homies“ nennt Schmitz-Stadtfeld die kubusförmigen Bauten in Containerbauweise, die einfach zu errichten sind, aber im Inneren eine deutlich höhere Wohnqualität bieten als herkömmliche Containerbauten. In Graz und in den Niederlanden wurden die modernen Bauten mit der anderen Optik als billige Hausalternativen oder fürs Studentenwohnen entwickelt, Schmitz-Stadtfeld hat sie fürs Flüchtlingswohnen angepasst. „Wir müssen nicht immer das Rad neu erfinden“, sagt sie – und tut doch genau das.

Für viele Bürgermeister könnte das die Antwort auf ihre Probleme sein: Seit 2014 steigt die Zahl der nach Deutschland Geflüchteten dramatisch an, die Zahl der Asylanträge verdoppelte sich. Rund 600 000 Menschen müssen die Kommunen in ganz Deutschland derzeit unterbringen, die meisten davon kurzfristig. Doch das stellt die Städte und Gemeinden vor große Probleme: Vor allem in den großen Städten ist Wohnraum ohnehin schon knapp.

Kostengünstig

Bei den Bürgermeistern in Hessen herrsche große Not und hoher Leidensdruck, sagt Schmitz-Stadtfeld, schon seit Mitte 2014 sei klar: 2015 könne man die Menschen zwar noch unterbringen, 2016 sei aber Schluss. „Wir brauchen kostengünstige Lösungen, die gleichzeitig menschenwürdig sind, das ist die besondere Herausforderung“, sagt Schmitz-Stadtfeld.

Deshalb richtete die Nassauische Heimstätte zum 1. Januar in Frankfurt eine neue Koordinierungsstelle für Integrierte Flüchtlingsansiedlung ein, Schmitz-Stadtfeld berät Bürgermeister in ganz Hessen. Der Kostendruck in den Kommunen führe derzeit zu Provisorien: Containerstädte und sogar Zelte werden in der Not errichtet – wie in Bad Schwalbach und Gießen. „Es ist zu befürchten, dass diese Provisorien bleiben und sehr langfristig unsere Quartiere prägen werden“, warnt Schmitz-Stadtfeld. Flüchtlingsunterbringung müsse deshalb genau geplant werden, nach dem Vorbild der Sozialen Stadt, dem Erfolgsprogramm zur Entwicklung von Innenstädten.

Die Soziale Stadt habe in den Verwaltungen das mehrdimensionale Denken „salonfähig gemacht“, sagt Schmitz-Stadtfeld, genau das könne nun bei den Flüchtlingsunterkünften helfen: Städtebauliche Einbindung, attraktive öffentliche Räume, Nähe zu Bildung und Kultur, Treffpunkte, Sport und gute ÖPNV-Anbindung, alles das gelte eigentlich auch beim Thema Flüchtlinge. „Wir beherrschen die Instrumente, man muss sich nur mal entscheiden, sie für dieses Thema anzuwenden“, betont sie.

Einbinden

So schlägt Schmitz-Stadtfeld vor, die „Homies“ in die Quartiere einzubinden, etwa in Gewerbegebieten oder auch mal in einer Schrebergartensiedlung. „Warum das Wohnen nicht mit Urban Gardening-Projekten verbinden?“, sagt Schmitz-Stadtfeld. Den Kommunen wird bei der Umsetzung mit städtebaulichen Analysen, Projektsteuerung und Begleitung der baulichen Umsetzung angeboten, dazu Hilfe beim Aufbau von Ehrenamtsnetzwerken, Sozialmanagement und der Entwicklung von Finanzierungsmodellen.

Die Container selbst werden planerisch gerade auf die Bedürfnisse von Flüchtlingen angepasst, zwischen zwei Personen und 30 ist alles denkbar. Es gebe Rückzugsmöglichkeiten auf kleinem Raum, so könnten verschiedene kulturelle Bedürfnisse erfüllt werden, sagt Schmitz-Stadtfeld, gleichzeitig stünden aber auch Gemeinschaftsräume zur Verfügung.

Die Module produzierten außerdem 80 Prozent ihres Energieverbrauchs selbst – und sie sollen in jedem Fall billiger sein als herkömmliche Container, verspricht Schmitz-Stadtfeld – auf jeden Fall unter 1500 Euro pro Quadratmeter. Reguläre Container kosten derzeit 1600 Euro pro Quadratmeter. „Das ist realistisch“, betont Schmitz-Stadtfeld eigens noch.

Und warum der Begriff „Homie“? Schmitz-Stadtfeld überlegt einen Moment, und sagt dann: „Ich verbinde Heimat und Nachbarschaft damit, die Flüchtlinge sind unsere neuen Nachbarn – und das ist auch gut so.“

Pilotprojekt bis Mai

In bis zu zehn Kommunen im Rhein-Main-Gebiet sollen nun Pilotprojekte mit „Homies“ gestartet werden: Gemeinsames Wohnen mit Studenten, Homies auf Konversionsflächen, in Städten, in kleinen Dörfern. Bis Mai 2016 sollen die Homies erprobt, danach sollen die Projekte ausgewertet werden. Ab Juli 2016 soll dann das Konzept in ganz Hessen umgesetzt werden. Das Nachbarland Rheinland-Pfalz hat schon Interesse angemeldet: Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) will eine Umsetzung prüfen.

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