1. Startseite
  2. Hessen

Immer mehr Bagatellfälle beim Rettungsdienst

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der Rettungsdienst in Hessen stößt an seine Grenzen. Die Einsatzzahlen steigen seit Jahren. Nicht immer liegt dabei ein Notfall vor.

Wiesbaden - Rettungskräfte in Hessen müssen immer öfter zu vergleichsweise harmlosen Einsätzen ausrücken. „Wir versorgen zunehmend einfache Erkältungskrankheiten, fahren Patienten zu dem Wechsel des Blasenkatheters, behandeln erhöhte Blutdruckwerte von Menschen, die sonst keine weiteren Beschwerden haben“, erklärte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft in Hessen tätiger Notärzte (AGHN) in Hofheim, Jörg Blau. Dabei sei der Rettungsdienst für lebensbedrohliche Fälle und den Krankentransport zuständig.

Die insgesamt 560 Rettungsfahrzeuge des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hessen beförderten letztes Jahr statistisch gesehen jede Minute mehr als einen kranken Menschen. Die Zahl steigt seit Jahren an, und das laut Angaben des DRK in Wiesbaden um „durchschnittlich zwischen drei und sechs Prozent jährlich, zum Teil auch mehr“. Der Rettungsdienst stoße an seine Grenzen. Auch die Johanniter-Unfall-Hilfe in Butzbach berichtet von steigenden Zahlen.

Gründe hierfür seien der Bevölkerungszuwachs und die demografische Entwicklung, es gebe immer mehr kranke Menschen. Hinzu kommen die Bagatellfälle, bei denen Betroffene die Notrufnummer 112 wählen, obwohl ihre Krankheit ambulant oder beim Hausarzt behandelt werden könnte. „Bei allgemeinen gesundheitlichen Problemen oder wenn Arztpraxen geschlossen haben, erhält man die richtige Hilfe unter der Rufnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes 116117“, erklärte das DRK.

Den Anstieg der Bagatellfälle führen die Fachleute zum Teil auf eine Überforderung von Menschen zurück, die zum Beispiel alleine leben oder nur wenige medizinische Kenntnisse haben. Doch man beobachte auch ein Anspruchsdenken. „Der Rettungsdienst kommt immer und hat kurze Wartezeiten, das macht den Anruf für die Bürger attraktiv“, sagte Jörg Blau. Bei den Notärzten sorge ein solches Verhalten für Frust.

Und es gibt weitere Probleme. So besteht auch in diesem Bereich ein Fachkräftemangel, zudem ist es laut Blau häufig schwierig, eine Klinik zu finden, die den Patienten aufnehmen kann. Eigentlich gelte eine Fahrzeit von höchstens einer halben Stunde. „Doch freie Kapazitäten sind in diesem Bereich häufig nicht mehr zu finden.“ Die Fahrzeiten und damit die Einsätze werden so zum Teil deutlich länger.

Die Gewerkschaft Verdi moniert schon seit Jahren eine Überlastung der Rettungskräfte. Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz gehörten inzwischen zum Alltag, hieß es von der Arbeitnehmervertretung in Frankfurt. Aus den „sowieso schon überlangen Schichten werden so 13- oder 14-Stunden-Arbeitstage“.

Die meisten der Probleme seien schon seit Jahren bekannt, erklärte das DRK. Verbesserungsvorschläge seien vom Gesetzgeber nur teilweise aufgegriffen worden. Derzeit gebe es in Hessen mehrere Ansätze, wie etwa das Pilotprojekt Tele-Notarzt. Dabei werden speziell ausgebildete Notärzte via Livestream mit der Besatzung eines Rettungswagens verbunden. Die Johanniter-Unfall-Hilfe schlägt unter anderem vor, eine Gesundheitsleitstelle zu schaffen, bei der die Patienten via Telemedizin unterstützt und dann die jeweils geeigneten Maßnahmen eingeleitet würden. dpa

Auch interessant

Kommentare