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Nicht alle Übergewichtigen trauen sich an den Badesee. Viele haben Angst vor den Blicken der anderen, vor Hänseleien und Ausgrenzung und bleiben deshalb lieber alleine zu Hause vor dem Computer, statt sich zu draußen bewegen ? ein Teufelskreis.

Gesundheit in Hessen

Immer mehr Menschen in Hessen sind übergewichtig

Fettleibigkeit wird in Hessen zu einem immer größeren Kostenfaktor im Gesundheitssystem. Und es macht die Betroffenen einsam, wie eine Studie zeigt.

Fettleibigkeit macht nicht nur krank, sondern einer Studie zufolge auch einsam. Nach einer Analyse der Krankenkasse DAK-Gesundheit werden fettleibige Menschen in Deutschland häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. 71 Prozent der Bevölkerung finden nach der Forsa-Untersuchung stark Übergewichtige unästhetisch. Die Mehrheit der Befragten glaubt demnach, dass Fettleibige zu faul zum Abnehmen seien.

Unter gesellschaftlicher Stigmatisierung leiden auch immer mehr übergewichtige Hessen. Bei 1733 Patienten haben hessische Krankenhäuser im Jahr 2014 die Diagnose Adipositas, also Fettleibigkeit, gestellt. Und die Tendenz ist rapide steigend: Im Jahr 2000 waren es noch 671 Fälle. Claus Uebel, Sprecher der DAK Hessen, sagt: „Das entspricht einer Steigerung um 158 Prozent.“

Mit den Übergewichtigen steigt auch die Zahl der Operationen zur Behandlung von Adipositas, bei denen beispielsweise der Magen stark eingeengt wird – und damit auch die Leistungsausgaben der Krankenkassen. Uebel erklärt: „Die Ausgaben für Magen-Operationen lagen laut dem Verband der Ersatzkassen in Hessen 2009 noch bei 466 000 Euro, im Jahr 2013 waren es bereits 758 000. Diese Kosten zeigen deutlich: Wir haben ein dickes Problem.“ Die hessischen Krankenkassen setzen mit Bewegungsangeboten auf Prävention. „Leider erreichen wir damit allerdings meistens nur die Leute, die ohnehin schon sportlich unterwegs sind“, bedauert Claus Uebel. „Die Couchpotatoes kriegen wir da nicht rein.“

Viola Eisenblätter aus Bad Nauheim kennt die Probleme von Schwergewichten aus eigener Erfahrung – sie hat eine Magen-OP durchführen lassen. 2012 gründete sie eine Selbsthilfegruppe in Friedberg für übergewichtige Operationswillige, die immer mehr Menschen anzieht. „Am Anfang waren wir fünf, mittlerweile sind wir um die 20 Leute. Zu Themenabenden haben wir oft volles Haus.“

Dank einer Magenverkleinerung konnte sie ihr Gewicht von 152 auf 87 Kilogramm reduzieren. „Früher haben die Menschen mich einfach übersehen, heute gehöre ich wieder zur Norm.“ Ihr übergewichtiger Mann habe Probleme bei der Jobsuche – „die Firmen rufen oft interessiert an, aber nach dem Vorstellungsgespräch hagelt es dann doch immer Absagen. Wir gehen davon aus, dass es mit seinem Gewicht zusammenhängt.“

Gerd Claußnitzer ist Chefarzt an der Spessart-Klinik in Bad Orb und leitet dort die einzige stationäre Einrichtung Hessens für übergewichtige Kinder und Jugendliche. „Manche unserer Patienten waren eineinhalb Jahre nicht mehr in der Schule – weil sie sich schämen.“ Besonders übergewichtige Kinder litten unter Hänseleien auf dem Schulhof. Clausnitzer beobachtet, dass der Schweregrad der Adipositas in den vergangenen Jahren zugenommen hat, besonders in Ballungsräumen wie Frankfurt und Offenbach.

Adipositas sei mittlerweile eine Volkskrankheit, die häufig auch andere Krankheiten mit sich bringt. „Dazu gehören etwa Diabetes und Arthrose sogar schon bei Kindern“, sagt Clausnitzer. Sein schwerster junger Patient wiegt 200 Kilogramm. Auch psychische Krankheiten wie Depressionen und Angststörungen sind oft Begleiterscheinung des Übergewichts und Folge der gesellschaftlichen Ausgrenzung. „Die Kinder sitzen dann lieber vorm Computer, als raus zu gehen und sich zu bewegen – ein Teufelskreis“, so Clausnitzer.

Die Rangliste der Dicken führen ostdeutsche Länder an. Aber auch hessische Erwachsene und Kinder werden immer dicker – vor allem, wenn sie aus sozial schwächeren Schichten kommen. „Je höher der Schulabschluss, desto geringer die Zahl der Adipösen“, weiß Clausnitzer aus Erfahrung. „Natürlich gibt es auch übergewichtige Professoren und Akademikerkinder, aber das ist eher die Ausnahme.“ Auch Claus Uebel sagt: Weniger Gebildete machen sich weniger Gedanken über ihre Ernährung.“

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