Vorstandschef ING, Nick Jue, gestikuliert
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Nick Jue, Deutschland-Chef der ING, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

ING Deutschland baut auf Zustimmung von Kunden zu Gebühren

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs zu Bankgebühren macht der Branche ordentlich Arbeit. Die Direktbank ING zeigt sich zuversichtlich, dass ihre Kunden Kontogebühren und Negativzinsen akzeptieren werden. Ein reiner Geldparkplatz will das Institut aber ohnehin nicht mehr sein.

Frankfurt/Main - Die Direktbank ING will trotz vorübergehend wegbrechender Kontogebühren nach einem BGH-Urteil vom April nicht härter auf die Kostenbremse treten. „Die Zahl der Kunden, die bei uns die 4,90 Euro fürs Girokonto zahlen, ist nicht groß. Dass die Gebühren wegen des BGH-Urteils jetzt für einige Monate nicht reinkommen, kostet natürlich, aber das ist kein Riesenbetrag“, sagte ING-Deutschland-Chef Nick Jue der Deutschen Presse-Agentur in Frankfurt. „Ich werde das jedenfalls nicht mit Einsparungen an anderer Stelle kompensieren.“

Der Bundesgerichtshof (BGH) hatte Ende April entschieden, dass Banken bei Änderungen von Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) die Zustimmung ihrer Kunden einholen müssen. Die Klausel, wonach die Institute von einer stillschweigenden Zustimmung ausgehen können, wenn Kunden einer Änderung nicht binnen zwei Monaten widersprechen, benachteilige Kunden unangemessen.

Geldhäuser müssen Kunden nun im Nachhinein um Zustimmung zu den aktuellen Gebühren bitten. Zudem können Bankkunden Gebühren, die Kreditinstitute ohne explizite Einwilligung erhoben hatten, zurückfordern - nach Einschätzung der Stiftung Warentest rückwirkend bis zum 1. Januar 2018.

„Wir planen, ab Ende November überwiegend auf digitalem Weg die Zustimmung vom Großteil unserer Kundinnen und Kunden zu unseren geänderten AGB sowie dem Verwahrentgelt einzuholen“, sagte Jue. Gelten sollen die neuen Konditionen für diese Kunden dann ab dem 1. März 2022.

„Wir werden alles machen, um die Zustimmung der Kunden zu bekommen. Am Ende brauchen wir die Zustimmung der Kunden, um weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten“, sagte Jue. „Im Juli haben wir bereits einige Tausend Sparkunden bezüglich der Einwilligung zum Verwahrentgelt angeschrieben und die Zustimmungsquote war sehr gut. Daher bin ich zuversichtlich, dass die meisten das machen werden. Bei Kunden, die nicht zustimmen, behalten wir uns in einem letzten möglichen Schritt eine Kündigung der Konten vor.“

Mit dem bisherigen Geschäftsverlauf im laufenden Jahr zeigte sich Jue zufrieden. „Das Fundament für das Geschäft ist gut und es läuft weiterhin stark. Wir machen mehr Geschäft als früher mit guten Margen im Kreditgeschäft.“ Für das erste Halbjahr wies das Institut, das zu 100 Prozent zur niederländischen Großbank ING gehört, einen Vorsteuergewinn von 437 (Vorjahreszeitraum: 394) Millionen Euro aus.

Die ING Deutschland profitierte von einer deutlich von 241 Millionen auf 39 Millionen Euro verringerten Risikovorsorge für mögliche Kreditausfälle. „Die Risikovorsorge hat sich entspannt, aber die Pandemie ist noch nicht vorbei“, sagte Jue. „Eine große Pleitewelle, die sich auf unser Geschäft auswirkt, erwarte ich nicht.“

Im Jahr 2020 hatte die Direktbank nach sieben Rekordjahren in Folge einen Gewinnrückgang hinnehmen müssen. Sowohl das Vorsteuerergebnis (1,042 Mrd Euro) als auch der Überschuss (692 Mio Euro) brachen zum Vorjahr um fast ein Viertel ein.

Mit Kontogebühren und Strafzinsen - inzwischen ab 50.000 Euro Guthaben - hat die Direktbank auf das Zinstief reagiert. „Trotz Gebühren und Negativzinsen haben wir im ersten Halbjahr netto 34.000 Privatkunden dazugewonnen“, bilanzierte Jue. In Deutschland kam die Bank Ende Juni somit auf 9,0 Millionen Kundinnen und Kunden. Ende 2020 waren es 8,96 Millionen. Der beschlossene Rückzug aus dem Privatkundengeschäft in Österreich kostet allerdings Kunden. In Deutschland und Österreich insgesamt zählte die ING zum Halbjahr 9,2 Millionen Kunden. Ende 2020 waren es 9,53 Millionen.

„Wir konzentrieren uns im Privatkundengeschäft jetzt voll auf Deutschland und investieren lieber dort“, bekräftigte Jue. Die zunehmende Digitalisierung im Bankgeschäft sieht der Manager als Vorteil für sein Haus. „Wir hatten schon ein Direktmodell ohne Filiale. In der Pandemie hat sich der Markt in unsere Richtung entwickelt“, stellte Jue fest. „Ich habe nach wie vor keine Pläne, Filialen zu eröffnen. Und ich glaube, die brauchen wir auch nicht.“

Jahrelang lockte die Direktbank unter dem Namen ING-Diba Kunden mit relativ hohen Sparzinsen. Doch Einlagen kosten im aktuellen Zinstief Geld. Darum bemüht sich das Institut, das seit November 2018 nur noch unter dem Namen des Mutterkonzerns ING auftritt, um mehr Hausbankkunden. Heißt: Idealerweise parken Kunden nicht nur Geld, sondern sorgen über Baufinanzierung, Verbraucherkredite oder Wertpapiersparen für Provisionseinnahmen.

„Eine der großen Herausforderungen bleibt: Wie kann ich Spareinlagen in Wertpapiereinlagen umwandeln? Wir haben die Zahl der Sparpläne innerhalb eines Jahres auf über eine Million verdoppelt, ich hätte gerne aber noch mehr Wachstum im Wertpapiergeschäft“, sagte Jue. dpa

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