ARCHIV - Der Lehrer Klaus Rödler steht am 02.05.2017 in einem Klassenzimmer in Frankfurt am Main (Hessen). Der Lehrer unterrichtet an der Elsa-Brändström-Grundschule und hat mehrere Schulbücher, auch zum Thema Inklusion, geschrieben. (zu dpa "Defizite bei Inklusion: "Bei Kaninchen fragt man, was sie brauchen"" vom 23.05.2017) Foto: Andreas Arnold/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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ARCHIV - Der Lehrer Klaus Rödler steht am 02.05.2017 in einem Klassenzimmer in Frankfurt am Main (Hessen). Der Lehrer unterrichtet an der Elsa-Brändström-Grundschule und hat mehrere Schulbücher, auch zum Thema Inklusion, geschrieben. (zu dpa «Defizite bei Inklusion: «Bei Kaninchen fragt man, was sie brauchen»» vom 23.05.2017) Foto: Andreas Arnold/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ein Lehrer aus Frankfurt bilanziert

„Inklusion klappte früher besser“

Er unterrichtet seit Jahrzehnten Kinder mit Förderbedarf und hat selbst einen behinderten Sohn. Wie denkt ein Mann der Praxis über die Inklusion in Hessen und das neue Schulgesetz? Kurz vor seiner Pensionierung redet Klaus Rödler Klartext.

Rechnen ohne Zahlen und Mengenlehre aus der Steinzeit: Im Unterricht von Klaus Rödler ist manches anders. In seiner Klasse an der Elsa-Brändström-Schule im Frankfurter Westend haben 5 von 22 Kindern Förderbedarf. Rödler ist seit 28 Jahren Grundschullehrer und hat schon Kinder mit Förderbedarf unterrichtet, als Inklusion noch nicht mal Inklusion hieß. „Es reicht nicht zu sagen: Ihr dürft alle hier sein. Wer Inklusion macht, hat eine riesige Verantwortung“, sagt der 61-Jährige.

An sich habe er „eine positive Grundeinstellung zu Inklusion“, sagt Rödler, der selbst einen behinderten Sohn hat. Für Max sei der gemeinsame Unterricht eine positive Erfahrung gewesen, vor allem in der Grundschule. In der weiterführenden Schule wurde es schwieriger – aus einem Grund, der Rödler grundlegend erscheint: „Schule ist fast ausschließlich kognitiv ausgerichtet. Bei Max hatten wir das Gefühl, er könnte genauso gut den ganzen Tag auf einem Baum sitzen.“

Viele Lehrer gebraucht

In seinem eigenen Unterricht wollte er es anders machen. Bei vielen Kollegen sehe Inklusion so aus, dass der Lehrer die Klasse in verschiedene Gruppen aufteile: „Man löst das Problem mit Differenzierung.“ Rödler findet das aus zwei Gründen keinen guten Ansatz: „Wenn man es gut machen will, braucht man viel Personal. Und es ist nicht integrativ im Sinne von gemeinsam lernen.“ Er fragte sich: „Wie kann man Unterricht so machen, dass alle an den gleichen Aufgaben arbeiten statt gleichzeitig an verschiedenen?“

Die Ideen, die er für seine Klassen entwickelt hat, hat er in einem Ratgeber zusammengefasst („Mathe inklusiv“, AOL-Verlag). Kann man Kindern Rechnen beibringen, die nicht zählen können? Ja, glaubt Rödler und ließ sich von Urmenschen inspirieren. „Sie haben Mengenvorstellen entwickelt, ohne Begriffe für Zahlen zu haben.“

Häufige Wechsel

Im Vergleich zu seiner ersten inklusiven Klasse vor 24 Jahren „hat sich die Gesamtsituation eher verschlechtert“, bilanziert Rödler, der am Ende dieses Schuljahres als Lehrer aufhört. „Das System war inklusiver, als es noch nicht Inklusion hieß.“ Heute gebe es nicht nur weniger Förderlehrer, sie seien auch nicht mehr an der Schule angesiedelt. Dadurch gebe es häufige Wechsel. Rödler findet das „ein Riesenproblem: Inklusion braucht einen stabilen Rahmen“.

Auch die Gruppe Inklusionsbeobachtung – ein Zusammenschluss von sechs Verbänden wie Landesbehindertenrat, Elternbund und Gewerkschaft – kritisiert „das weit verbreitete Phänomen der Wanderlehrerinnen und -lehrer“.

Andere Kritikpunkte des Bündnisses decken sich ebenfalls mit Rödlers Einschätzung: „In den vergangenen Jahren hat sich die Ausstattung mit Förderressourcen pro Schülerin und Schüler mit diagnostiziertem Förderbedarf im inklusiven Unterricht stetig verschlechtert“, heißt es in einer Stellungnahme.

Nach Zahlen des hessischen Kultusministeriums lernen im laufenden Schuljahr knapp 8300 Mädchen und Jungen inklusiv an allgemeinbildenden Schulen. Im Vorjahr waren es 7900 Schüler. Mehr als 22 100 Kinder und Jugendliche besuchen derzeit eine Förderschule.

Null Unterstützung

Nicht für alle Arten von Förderbedarf funktioniert das gegenwärtige System der Inklusion gleich gut, sagt Rödler. Lernbehinderte Kinder empfindet er als „völlig unproblematisch“, Kinder mit sozial-emotionaler Störung hingegen seien „eine Riesenherausforderung“, für die es schulintern „null Komma null“ Unterstützung gebe. „Völlig absurd“ findet er, dass Integrationshelfer nur einzelne Kinder betreuen, aber nicht für die gesamten Klasse zur Verfügung stehen. Wünschen würde er sich eine bessere Begleitung im Alltag: „Eigentlich braucht man eine regelmäßige Supervision wie in anderen sozialpädagogischen Berufen.“

Anfang Mai wurde ein neues Schulgesetz verabschiedet. Die wichtigste Änderung betrifft die „inklusiven Schulbündnisse“: Mehrere Schulen in einer Region vereinbaren miteinander, sich die Aufgaben zu teilen.

Die Beobachtergruppe fürchtet, dass sich Schwerpunktschulen herausbilden – also nicht mehr jede Schule jeden Schüler aufnehmen kann – und dass einzelne Schulen sich bei der Umsetzung der Inklusion „zurücknehmen“ könnten. Rödler hat kein Problem mit Arbeitsteilung: Dass jede Schule ideale Voraussetzungen für Inklusion schaffe, sei „unrealistisch“.

An der Novelle findet Rödler vieles gut und manches nicht so gut. Eigentlich aber sei das gar nicht so wichtig, glaubt der 61-Jährige: Gesetze könnten die Probleme nur zum Teil beseitigen. Die Lehrer selbst müssten im Unterricht umdenken und mehr Verantwortung zeigen. „Wenn man ein Kaninchen in die Klasse holt, fragt man: Was braucht das? Können wir das leisten? Bei Behinderten fragt man das nicht mit der gleichen Konsequenz.“

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