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Sprachwissenschaftler Lars Vorberger (Uni Marburg)

Dialekt-Forscher erklärt

Interview: Darum sterben die Dialekte nicht aus

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Samstags auf dem Wochenmarkt, morgens beim Bäcker oder am Mittag in der Metzgerei: Die Hessen sprechen ihren Dialekt mit Leidenschaft und Inbrunst. Doch wie viele Dialekte gibt es in Hessen, was sind deren Eigenarten und sterben sie wirklich aus? Wir haben jemanden gefragt, der er wissen muss: Lars Vorberger hat an der Philipps-Universität in Marburg seine Dissertation über die Regionalsprache in Hessen geschrieben. Unser Volontär Dominik Rinkart stammt wie Vorberger aus der Wetterau und fragt sich, ob der Experte das bereits an seiner Aussprache erkannt hat.

Herr Vorberger, haben Sie schon herausgehört, in welcher hessischen Region ich aufgewachsen bin?

LARS VORBERGER: (lacht) Nein, das ist schwierig, da ist in ihrer Aussprache nichts Auffälliges dabei. Ich müsste einige Aufnahmen machen und genauer reinhören. Aber theoretisch ist das möglich, denn es gibt in jeder Region sprachliche Merkmale. Manchmal ist es eindeutig, aber man kann da auch relativ schnell falsch liegen. Ich kann immerhin schon sagen, dass Sie nicht aus Südhessen kommen, da hätten Sie andere Merkmale.

Oh, wie würde ich denn klingen, käme ich aus Südhessen?

VORBERGER: Ganz typisch ist dort die sogenannte Koronalisierung, also zum Beispiel „Isch“ statt „Ich“ zu sagen. Aber selbst das wird bei den jetzigen Sprechern schon wieder abgebaut. Ein einziges Merkmal reicht ohnehin nicht aus, um festzustellen, wo jemand herkommt, denn dieses „Isch“ gibt es auch noch woanders, man braucht daher immer eine Kombination aus verschiedenen Merkmalen.

Ich bin ja eigentlich der Meinung, dass ich Hochdeutsch spreche. Wenn ich dann doch gelegentlich etwas drauflos „babbel“, ist das dann schon Dialekt?

VORBERGER: Nein, man würde einzelne Wörter im Dialekt vermutlich nicht anders aussprechen, aber das ist nicht ausreichend, um zu sagen, dass das ein Dialekt ist.

Ab wann lässt es sich eine Aussprache denn als Dialekt bezeichnen?

Das ist eine sehr gute, aber auch schwierig zu beantwortende Frage. Da gibt es verschiedene Definitionen, auch in der Wissenschaft, denn es müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein: Die sprachlichen Merkmale des Dialekts müssen zum einen kleinräumig verteilt sein und dort exklusiv vorkommen. Es muss zudem eine eigenständige Variante sein, die strukturelle Unterschiede zur Standardsprache aufweist. Es geht dabei auch nicht bloß um die Aussprache: Ein Dialekt hat ganz andere grammatikalische und syntaktische Regeln.

Sprachwissenschaftler Lars Vorberger (Uni Marburg)

Und so einen leichten Einschlag, wie ich ihn gelegentlich habe, nennt man in der Wissenschaft dann wie?

VORBERGER: Das würden wir regionalen Akzent nennen. Wir kennen auch noch Regiolekte, die sind großräumiger als Dialekte und es fallen einige Merkmale weg. Regiolekte sind auch wesentlich näher an der Standardsprache. Der regionale Akzent ist dabei bereits ein Teil des Regiolekts.

Viele klagen ja, der Dialekt würde aussterben. Ist an der Sorge etwas dran?

VORBERGER: Jain, in der Sprache ist ein Wandel ganz normal: Mittelhochdeutsch zu lesen, ist den meisten unmöglich, und das ist erst 500 Jahre her. Was hier in Hessen passiert, ist, dass die alten hessischen Dialekte nicht mehr häufig gesprochen werden. Es gibt noch Sprecher, die diese Dialekte sprechen, aber nicht mehr viele. Andererseits gibt es aber noch Regionen, in denen auch noch die jüngsten Sprecher ihren Dialekt sprechen. Zum Beispiel im Vogelsberg. Im Rhein-Main-Gebiet werden die Dialekte hingegen abgebaut. Was nicht heißt, dass dort Hochdeutsch gesprochen wird. Die sprechen dort dann einen Regiolekt und ersetzen den alten Dialekt durch neue Formen des Sprachwandels. Regionale Unterschiede werden aber immer erhalten bleiben. Sie werden nur großräumiger. Ich kann vielleicht nicht mehr zwischen zwei Dörfern unterschieden, aber regionale Merkmale wird es immer geben.

Hinzu kommt: Was wir als Regiolekt bezeichnen, würden viele noch einen Dialekt nennen. Es ist ganz wichtig, den Unterschied zwischen unserer wissenschaftlichen Ansicht und der subjektiven Ansicht der Sprecher zu bedenken. Was für die einen Dialekt ist, kann für die anderen Hochdeutsch sein. Das Hochdeutsch der älteren Generation entspricht aus Sicht der Sprecher, an vielen Orten, zum Beispiel dem Dialekt der Jüngeren.

Ist es überhaupt möglich, perfektes Hochdeutsch zu sprechen?

VORBERGER: Nein! Wir nennen es immer das individuell beste Hochdeutsch, die größte Annäherung an den kodifizierten Standard. Die Tagesschausprecher erreichen eine Aussprache mit kaum bis gar keinen regionalen Merkmalen. Aber in der Praxis weist selbst jemand mit scheinbar gutem Hochdeutsch noch genügend Merkmale auf, die seine Aussprache von der Standardsprache unterscheiden. Die Kodifizierung der Sprache bezieht sich ja auch nur auf Einzelwörter. In ganzen Sätzen setzt sich artikulatorisch immer ein Merkmal durch.

Gibt es einen Killersatz, den kein Hesse vernünftig aussprechen kann?

VORBERGER: (lacht) Man könnte einen konstruieren. Schwierig ist für Hessen vor allem der S-Laut. Die Hessen kriegen es selten hin, ein hartes und betontes S zwischen zwei Vokalen in einem Wort auszusprechen. Das S wird dann zwangsläufig weich, oder, wie wir sagen, stimmhaft, ausgesprochen. Gute Beispiele dafür sind die Worte „Wasser“ oder „Soße“. Jüngere Hessen haben das etwas besser unter Kontrolle. Dafür entwickeln diese inzwischen neue Merkmale. Vor den Lauten R und L sprechen die unter 25-Jährigen kein B, D und G mehr, sondern ein P, T oder K. Wie zum Beispiel bei den Worten „blau“ oder „grau“. Die Worte „Krippe“ und „Grippe“ können da nicht mehr unterschieden werden.

Sprachwissenschaftler Lars Vorberger (Uni Marburg)

In Ihrer Dissertation haben sie sich explizit mit den Dialekten in Hessen auseinander gesetzt. Was zeichnet diese aus Ihrer Sicht besonders aus, im Vergleich zu anderen deutschen Dialekten?

VORBERGER: Die hessische Dialektlandschaft ist tatsächlich die komplexeste im deutschen Sprachraum. Doch auch hier müssen wir erst etwas Wichtiges festhalten: Es gibt einen Unterschied zwischen den hessischen Dialekten und den Dialekten, die in Hessen gesprochen werden. In Nordhessen rund um Korbach, Bad Arolsen und Willingen wurde zum Beispiel Westfälisch gesprochen. Das besondere an den hessischen Dialekten ist, dass hier auf relativ kleinem Raum relativ viele Dialektverbände unterschieden werden können. Das gibt es so kleinräumig in keiner anderen Region in Deutschland. Auch dabei müssen wie die eigene subjektive Perspektive berücksichtigen: Manch einer wird sagen, es gebe enorme Unterschiede zwischen dem eigenen Dialekt und dem im Nachbardorf. Wissenschaftlich lässt sich das meist jedoch zu einem Dialektverband zusammenfassen.

Die Aussage, dass die hessische Dialektlandschaft so vielfältig ist, dürfte viele überraschen, immerhin kennen wir doch alle das typische Hessisch aus dem Fernsehen oder zum Beispiel den übersetzen Asterix-Comics.

VORBERGER: Ja, das ist ein interessantes Phänomen. Wir nennen das „Medienhessisch“. Denn dieses „Hessisch“, das wir von Heinz Schenk, der Familie Hesselbach oder den Asterix-Übersetzungen kennen, gibt es so gar nicht. Das ist viel mehr ein Konzept des Hessischen, ein konstruiertes Hessisch auf Grundlage des Frankfurter Regiolekts. In Hessen gibt es vier Dialektverbände: Rheinfränkisch, Zentralhessisch, Osthessisch und Nordhessisch. Wenn von „Hessisch“ die Rede ist, dann ist meist der Regiolekt gemeint, der sich im Rhein-Main-Gebiet ausbreitet, dieser wird sehr charakteristisch mit Hessen assoziiert und ist dennoch gut zu verstehen.

VORBERGER: Wahrscheinlich nicht. Sie sprechen keinen tiefen Dialekt, da werden auch ihre Enkel sie noch verstehen. So schnell findet der Sprachwandel jetzt auch nicht statt. Aber generell wandelt sich Sprache ständig und dauernd. In der südlichen Wetterau wurde bis vor 100 Jahren noch Zentralhessisch gesprochen. Durch den Einfluss des Rhein-Main-Gebietes und der Pendler hat sich der Wetterauer Dialekt dem südlicheren Frankfurterisch angeglichen. In den 50er Jahren hatten wir erste Hinweise auf diesen Prozess, inzwischen ist er ganz vollzogen.

Was sind die Gründe für einen solchen Wandel?

VORBERGER: Da gibt es verschiedene, aber der wichtigste Grund ist die Kommunikation. Wenn ich täglich nach Frankfurt pendle und dort mit meinem Dialekt nicht verstanden werde, dann passe ich mich unterbewusst an und optimiere meine Kommunikation. Ein weiterer Grund ist das Prestige: So dient der Frankfurter Sprecher häufig als Orientierung. Es gibt zudem auch Optimierungen auf sprachsystemischer Ebene. Die neue Anlautverhärtung bei den unter 25-Jährigen markiert im Redefluss den Wortanfang besser.

Ist es denn selbst für den urigsten Dialektsprecher möglich, authentisch ins Verständliche zu switchen?

VORBERGER: Ja, das kriegen viele hin. Die Südhessen kriegen das nicht so gut hin, aber die müssen das auch nicht, weil ihr Dialekt ohnehin schon recht nah am Standard ist. Die lassen dann einfach ein, zwei Merkmale weg, aber müssen kein System wechseln. Im Vogelsberg und im Zentralhessischen sind die Unterschiede größer. Die müssen dann in den Regiolekt wechseln, um verstanden zu werden. Ans Hochdeutsche komme die aber alle nicht ran.

Kaum jemand dürfte so viel Wissen über die hessischen Dialekte haben wie Sie. Können Sie alle hessischen Dialekte imitieren?

VORBERGER: Nein, (lacht) das ist schwierig. Mit Ost- und Nordhessen habe ich nichts am Hut. Klar kann ich einen hessischen Regiolekt sprechen und natürlich kann ich die Dialekte auf theoretischer Basis nachbilden. Das klingt dann für Menschen, die den Dialekt selbst nicht sprechen, vielleicht authentisch, aber jemand, der das wirklich spricht, würde den Schwindel sofort erkennen. Da spielt auch die Melodie eine Rolle.

Sprachwissenschaftler Lars Vorberger (Uni Marburg)

Interview und Fotos: Dominik Rinkart / Das Kartenmaterial wurde bereitgestellt vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Philipps Universität Marburg. / Weitere Karten und Analysen auf:

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