Lehrergewerkschaft und Landeselternbeirat fordern mehr Mittel

Interview zu Inklusion: Nicht genug Personal

Das Thema Inklusion wird angesichts der Schulgesetznovellierung wieder heiß diskutiert. Eltern befürchten, dass der Schulstoff zu kurz kommt, und Lehrer fühlen sich überfordert. Jasmin Takim hat mit der stellvertretenden Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft GEW, Maike Wiedwald, und dem Vorsitzenden des Landeselternbeirats, Reiner Pilz, gesprochen.

Viele Lehrer sind skeptisch, wenn es um das Thema Inklusion geht. Warum?

MEIKE WIEDWALD: Die Frage müsste anders gestellt werden. Inklusion ist ein Menschenrecht, und Lehrer arbeiten gerne inklusiv, aber unter Bedingungen, die es möglich machen, die Schüler ausreichend zu unterstützen und zu fördern. Die notwendigen Ressourcen werden derzeit nicht bereitgestellt, und es ist ein Riesenproblem, wenn die Inklusion auf dem Rücken der Lehrer und Kinder ausgetragen wird.

REINER PILZ: Das Thema Inklusion ist eine Großbaustelle, die nicht hinreichend von der Regierung angegangen wird. Eine ausreichende Förderung der Inklusion und der Schüler mit Förderbedarf sehen wir im derzeitigen Schulgesetz nicht. Das sieht man daran, dass Förderschullehrer maximal vier Stunden pro Woche in der Schule auftauchen, in Frankfurt sogar teilweise nur zwei Stunden. Das reicht nicht aus, dass Kinder mit Förderbedarf ausreichend betreut werden und Kinder ohne Förderbedarf die entsprechende Unterrichtsqualität bekommen. Die Inklusionsbeschulung an den Regelschulen läuft schlecht.

Was muss sich ändern?

WIEDWALD: Der bestehende Ressourcenvorbehalt muss im Schulgesetz entfallen. Das muss die Landesregierung ändern. Es müssen deutlich mehr Mittel zur Beschulung bereitgestellt werden, damit die Doppelbesetzung mit einem Lehrer und einem Förderschulkollegen in den Klassen möglich wird. In den letzten Jahren sind die Mittel dafür reduziert worden, wir wollen sie wieder ausgeweitet haben. Die Doppelbesetzung ermöglicht auch den wichtigen Austausch zwischen den Lehrern.

PILZ: Ja, die Schulen brauchen viel mehr Personal in dem Bereich, und es hapert auch an guter Aus- und Fortbildung der Lehrer, sowohl was das Studium wie auch die Weiterbildung betrifft.

Woran mangelt es an den Schulen noch, um die Inklusion umzusetzen?

PILZ: Die Ausstattung der Schulen ist zwar Sache der Schulträger, aber auch hier herrscht grundsätzlicher Mangel. In Gebäuden fehlen barrierefreie Zugänge, die Klassenräume sind viel zu klein. Außerdem sind die Klassen zu groß, maximal 15 Kinder sollten eine Inklusionsklasse besuchen.

Bis die Vorausstzungen erfüllt sind, könnt es also noch lange dauern.

WIEDWALD: Wir können natürlich nicht warten, bis jedes Gebäude so ausgebaut ist. Es geht darum, jetzt anzufangen.

Viele Eltern befürchten, dass ihre Kinder in Klassen mit Inklusion nicht genug lernen.

WIEDWALD: Ich habe als Lehrerin ganz andere Erfahrungen gemacht. Alle Evaluationen zur Inklusion zeigen deutlich, dass Kinder bessere Leistungen bringen, weil sie Stoff anderen vermitteln und ihre Mitschüler unterstützen. Allerdings führen die Kürzungen dazu, dass Probleme zunehmen, wenn es zum Beispiel keine Doppelbesetzung bei den Lehrern gibt.

PILZ: Schule ist ein Lebensraum, und die Schule auch dafür da, Abbild der Gesellschaft zu sein. Dazu gehören neben Leistung auch weiche Faktoren wie die Integration anderer Kinder. Man sieht immer nur die negativen Faktoren, aber die Inklusion vermittelt Schülern auch positive Erfahrungen, z.B, dass Leute, die anders sind, ebenso wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sind.

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