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Die Schülerinnen Marina aus Albanien und Selma aus Serbien lernen in Heidenau (Sachsen) ?Deutsch als Zweitsprache? mit ihrer Lehrerin Jana Lubonski. So wie hier geht es in vielen Städten des Landes zu ? auch in Hessen.

Beruf des Lehrers

Jedes Kind abholen, wo es steht? Protokoll aus dem Alltag einer Grundschullehrerin

Am 28. Oktober wird in Hessen ein neuer Landtag gewählt. Aus diesem Anlass haben wir uns mit zwei Grundschullehrerinnen und einem Grundschullehrer in Hessen unterhalten, in Kassel, Frankfurt und Gießen. Im folgenden protokollieren wir zunächst unser Gespräch in Kassel.

Ich bin eine Lehrerin in der Mitte meines Berufslebens, sehe mich selbst als leidenschaftlich engagiert und unterrichte an einer, wie ich sagen würde, ganz normalen städtischen Grundschule in Kassel. In der ersten Klasse, die ich unterrichte, sind je etwa zur Hälfte deutsche Kinder und Kinder mit ausländischem Hintergrund, osteuropäisch, arabisch, türkisch und andere. Die Kinder bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Umso mehr übe ich mit ihnen eine Kultur der Unterstützung, was viel Zeit kostet, aber jede Minute wert ist.

Dass Kinder der ersten Klasse schon lesen können, gab es auch früher schon. Neu ist aber, dass das Leistungsspektrum extrem unterschiedlich geworden ist. Von der ersten bis zur vierten Klasse gibt es mittlerweile auf jeder Stufe Kinder mit allen Niveaus. Das heißt, auch in der vierten Klasse gibt es noch Kinder, die kaum lesen können und Kinder, die kaum über den Zehner-Raum hinaus rechnen können. Daneben sitzen Kinder, die schon sehr viel mehr können.

Wir Lehrer müssen und wollen grundsätzlich jedes Kind dort abholen, wo es ist. Jedes soll nach seinen Fertigkeiten gefördert werden. Das bedeutet, dass wir einen extrem differenzierten Unterricht anbieten müssen. Wie soll man das bei diesen Voraussetzungen tun? Wir haben immer mehr Kinder, die an die Schulen kommen und noch nicht einmal einen Stift richtig halten können.

Sehr viele Kinder haben auch große Konzentrationsprobleme, sind sehr leicht abzulenken. Das ist noch lange nicht ADHS und was es sonst noch für Diagnosen gibt. Als Lehrerin muss man sehen, wie man da Ruhe reinbringt. Rituale sind extrem wichtig. Regelmäßige Körperübungen etwa, eine Schweigeminute mit Sanduhr oder auch ein Frühstücksritual.

Nicht selten werden geflüchtete Kinder oder Kinder, deren Familien gerade erst angereist sind, mitten im Schuljahr in eine Klasse gesteckt. Dann sitzt da plötzlich ein kleiner Syrer in der Klasse, eine türkisch sprechende Bulgarin und ein Afghane, der fast kein Wort deutsch kann, neben Kindern, die schon lange lesen können. So etwas kann jeden Tag passieren, in jeder Klasse, auch in der vierten Klasse bis zum letzten Tag der Grundschulzeit.

Türkisch sprechende Bulgaren sind eine ganz eigene Klientel. Diese Kinder haben teilweise noch nie ein Alphabet gesehen, nicht einmal in ihrer eigenen Sprache. Das bedeutet: Du musst mit ihnen von Grund auf anfangen. Dafür gibt es auch spezielle Zusatzstunden vom Land. Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben aber nicht nur die neu ins Land gekommenen Kinder, etwa aus Osteuropa oder arabischen Ländern. Auch Kinder von Türken, die zum Teil schon in der dritten oder sogar vierten Generation hier leben, stehen beim Erwerb der deutschen Sprache manchmal völlig am Anfang.

Dann sind da noch die Anforderungen der Inklusion von behinderten Kindern. Das Land bezahlt zwar Zusatzstunden für solche Aufgaben. Aber in unserer Unterrichtswirklichkeit ist das viel zu wenig. Und viele dieser Förderlehrer sind nach einem halben Jahr wieder weg.

Jedes Kind hat Anspruch auf individuelle Förderung. Aber wie soll das bei dieser unglaublichen Unterschiedlichkeit der Voraussetzungen gehen? Wenn du vor so einer Klasse stehst, dann wollen Kinder dauernd was von dir. Du hast zum Beispiel eine Mathe-Gruppe, die ihre Aufgaben in fünf Minuten erledigen kann. Eine andere Gruppe direkt daneben braucht eine ganze Stunde. Wir versuchen, solche Probleme unter anderem mit Wochenarbeitsplänen zu lösen und damit, dass stärkere Kinder schwächeren helfen.

Die Klassenräume sind für die hohe Differenzierung, die wir leisten müssen, zu klein, die Klassen zu groß. Generell haben wir zu wenige Fachräume, obwohl Kinder gerade in naturwissenschaftlichen Bereichen sehr interessiert sind, an Experimenten, wie warum was funktioniert. Um solche Probleme zu lösen, müssten die Ganztagsschulen ihren Namen mehr gerecht werden. Das heißt, dass dort nachmittags auch im Unterrichts- und Bildungsbereich mehr geschehen müsste, Unterricht, nicht nur Betreuung. Gerade das Einmaleins und das Lesen müssen geübt werden, je mehr, desto besser.

Unsere Arbeit wird zunehmend durch soziale Probleme erschwert: getrennte Familien, Streit unter Geschwistern oder zwischen Kindern und Eltern, generell Streit zu Hause. Die Probleme türmen sich auf, wenn ein Kind von Leistungsversagen bedroht ist. Als erstes fallen dann die leistungsstärksten Kinder hinten herunter, obwohl die eigentlich extrem weit kommen könnten, wenn denn die Lehrerin Zeit für sie hätte.

Gerade bei Kindern, wo Leistungsversagen droht, haben Bürokratie und Verwaltungstätigkeiten für uns Lehrer extrem zugenommen, auch das drückt auf den Vormittag. Ich hatte zum Beispiel ein Kind mit Verhaltensauffälligkeiten. Das kam schon mit einer extrem dicken Schulakte in meine Klasse.

Jede Auffälligkeit, jeder Vorfall muss dokumentiert werden. Anträge müssen geschrieben werden, um etwa einen Schulpsychologen einzuschalten. Der möchte dann Beobachtungsbögen haben für das Kind, am besten täglich. Beratungstermine mit den Eltern müssen vereinbart und abgehalten werden, Förderpläne müssen geschrieben werden, es gibt Teamsitzungen wegen diesem Kind, dazu kommt die Organisation von Ergo- und anderen Therapeuten. Und das ist nur ein Fall!

Klar, es sagen viele, dass Lehrer ja auch so viele Ferien haben. Aber auch in den Ferien haben wir Dienste an den Schulen. Viele Eltern wissen nicht, dass wir unsere Klassenräume selbst gestalten müssen, Materialien besorgen, Dokumentationsarbeit, das Schuljahr vorbereiten, es gibt in den Ferien Konferenzen und Fortbildung. Oft sind die Unterrichtsmaterialien, die uns zur Verfügung gestellt werden, nicht viel wert. Also laminieren wir selber, richten zu Hause eigenes Unterrichtsmaterial her, abends, an den Wochenenden und in den Ferien.

Fair bezahlt fühle ich mich als Grundschullehrerin nicht, nicht mit Blick auf viele Kollegen in anderen Schulformen. Aber da sind ja auch noch die vielen ehrenamtlichen Helfer. Ohne die würde die Grundschule zusammenbrechen. Ohne die Lesepaten, ohne die jungen Leute, die bei uns ihr Freiwilliges Soziales Jahr ableisten und ohne Honorarkräfte.

Wenn man all das zusammennimmt, müssten wir Lehrer eigentlich besser ausgebildet sein. Aber Sie sehen ja, was passiert: Es fehlen zu viele Lehrer, immer mehr Quereinsteiger werden vor die Schüler gestellt, ohne richtige Ausbildung. Wenn das Fundament aber nicht passt, dann wackelt irgendwann das ganze Haus.  

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