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Zeig her deine Zähnchen: Eine Tierärztin untersucht die Schneidezähne eines 5-jährigen Löwenköpfchen-Kaninchens. Foto: Waltraud Grubitzsch

Buch über Forschungsbetrug

Junge Ärztin enthüllt: "Es geht zu wie bei der Mafia"

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Mehr als fünf Milliarden Euro wenden Pharmafirmen jährlich für die Entwicklung und Erprobung neuer Medikamente auf. Die Summe, die Universitäten, Forschungsinstitute und Biotech-Unternehmen in die Entwicklung neuer Heilmittel stecken, dürfte kaum geringer sein. Ein riesiger Markt, auf dem es nicht immer klinisch sauber zugeht, wie einem Buch der Bad Nauheimer Ärztin Dr. Stella Elaine Urban zu entnehmen ist.

Die junge Ärztin Stella Urban hat ein Buch über Forschungsbetrug in der Medizin geschrieben - die Opfer sind wir alle. Sie haben ein Buch geschrieben über Betrugsfälle in der medizinischen Forschung. Nun sind Sie selbst Ärztin. Haben Sie keine Angst, als Nestbeschmutzerin in Verruf zu geraten?

Dr. Stella Elaine Urban:Ich weiß, dass ich mir nicht nur Freunde mit dem Buch mache. Ich war aber nicht investigativ tätig. Die Fälle, an denen ich versuche zu erklären, wie Forschungsbetrug funktioniert, sind schon vor dem Erscheinen meines Buches gut recherchiert worden. In anderen Ländern ist die Diskussion darüber schon viel weiter. Es wird Zeit, dass wir uns auch in Deutschland mit dieser Problematik auseinandersetzen.

Schreiben Sie über Betrugsfälle in der medizinischen Forschung oder in der Pharma-Forschung?

Urban: Beides. In den vergangenen Jahrzehnten hat da eine Angleichung der Systeme - hier die überwiegend staatliche Forschung an Universitäten, dort die der Pharma-Firmen - stattgefunden.

Wo gibt es denn die größeren Missstände?

Urban: Das Schwierige ist, dabei mit absoluten Zahlen zu arbeiten. Es gibt Studien, dass rund drei Viertel aller profitorientierten Studien mit pharmazeutischem Hintergrund zu einem positiven Resümee bezüglich neuer Therapien kam. Wenn man die dann verglichen hat mit Forschungsergebnissen, die nicht profitorientiert erstellt worden waren, lag dieser Wert lediglich bei etwa der Hälfte.

Das heißt, eine bestellte Studie hat beste Aussichten, mit dem vom Auftraggeber gewünschten Ergebnis zu enden?

Urban: So weit diese zur Veröffentlichung gelangen, ja.

Wie sind Sie eigentlich auf das brisante Thema Forschungsbetrug gekommen?

Urban: Während meines Medizinstudiums in Münster hatte ich viel Kontakt mit dem Institut für Medizinethik. Die dortige Professorin Bettina Schöne-Seifert, meine spätere Doktormutter, hat mich gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die deutsche Diskussion um Betrug in der medizinischen Forschung voranzutreiben, nachdem deren Aufarbeitung in anderen Ländern schon deutlich weiter ist.

Warum ist das so? Schont man hierzulande die Beteiligten?

Urban: Ich habe den Eindruck, dass nach Aufdeckung des größten Betrugsfalles in Deutschland Ende der 90er Jahre eine große Angst ausbrach, dass die gesamte Forschung nun in Verruf geraten könnte. Man fürchtete um seine Autarkie und dass diese unter von außen aufgezwängten Regeln weitgehend verloren gegangen wäre. Als dann immer mehr Fälle hochkamen, war es mit dem Argument schnell vorbei, aber dennoch haben die betroffenen Institutionen erfolgreich die Selbstkontrolle verteidigt.

Und jetzt kommen Sie und machen das alles öffentlich. Fühlen Sie sich als Whistleblowerin in der Medizinbranche?

Urban: Dann lieber Nestbeschmutzerin, in der Hoffnung, dass nach Erledigung meiner Arbeit mal eine nachhaltige Selbstreinigung stattfinden muss. Ich habe es in dem Buch aber vermieden, mit dem Finger auf einzelne Leute zu zeigen.

Lesen Sie auf der folgenden Seite: Konkrete Betrugsbeispiele

Haben Sie einige Beispiele besonders erschreckenden Betrugsverhaltens?

Urban: Am erschreckendsten fand ich die Diskrepanz, wie Wissenschaft von außen wahrgenommen wird und wie sie sich selbst darstellt. Die Vorstellung von den gottgleichen Forschern im Elfenbeinturm wich einer riesigen Ernüchterung, als ich gesehen habe, wie diese tatsächlich arbeiten. Das ganze System steht unter einem riesigen Druck, dass Fehlverhalten billigend in Kauf genommen wird. So kommen auch viele Daten und Ergebnisse von Studien gar nicht zur Veröffentlichung, sodass in mancher Hinsicht auch ein medizinischer Forschritt bewusst verhindert wird. Auch negative Studien könnten ja anderen Forschern helfen, aber wenn sie nicht veröffentlicht werden, könne sie diesen Zweck ja nicht erfüllen.

Aber Sie sprechen ja konkret von Betrug, zumindest im Titel des Buches. Wo findet dieser denn statt?

Urban: Es gibt ganz verschiedene Arten auf verschiedenen Ebenen. Einmal im Prozess der Datenerhebung, dann im Prozess der Veröffentlichung und schließlich der Betrug unter den Beteiligten selbst. Das beginnt mit der freien Erfindung von „Forschungsergebnissen“ und reicht über geschönte Publizierungen zur erfolgreichen Einwerbung von Drittmitteln, ohne die Forschung nicht mehr denkbar ist, bis zur gefälschten Autorenschaft wissenschaftlicher Aufsätze. Dieses „Ghostwriting“ ist mittlerweile gängige Praxis.

Wer hat den Schaden dabei?

Urban: In erster Linie die Patienten, die teilweise mit Medikamenten und Therapieformen behandelt werden, über deren Qualität man streiten kann. Aber natürlich auch die jeweiligen Geldgeber, soweit sie nicht selbst die Auftraggeber dieser gefälschten Forschungsergebnisse sind. Andere Kollegen können ebenfalls in Misskredit gebracht werden; es gibt zahlreiche Beispiele, die ich in meinem Buch darstelle.

Wie kann man sich als Patient schützen?

Urban: Es ist ein Unterschied, ob bei Labortests eine Kommataangleichung erfolgt, oder klinische Studien an Menschen direkt stattfinden – mit unter Umständen tödlichen Folgen. Die meisten meiner Kollegen nehmen natürlich ihren Auftrag, zum Wohl des Patienten zu arbeiten sehr ernst. Von Patientenseite aus wäre es wichtig, stärker nachzufragen, warum sich im wissenschaftlichen System selbst eine Abschottung breitmacht, also Rückfragen abgeblockt werden oder unbeantwortet bleiben.

Nun stehen die deutschen Behörden ja nicht in dem Ruf, mit laschen Kontrollen möglichen schwarzen Schafen auf dem Pharma-Sektor den Weg zu bereiten.

Urban:Es gibt aber Fälle, in denen Medikamente erst einmal zugelassen und dann doch wieder vom Markt genommen werden, wenn sich die Risiken als zu groß erweisen.

Welche Rolle spielt die Geldgier?

Urban: Das spielt sicher mit, beherrschender ist wohl das Streben nach Ruhm und Anerkennung. Deswegen geht man ja auch in die Forschung, aber dann sind 150 Publikationen pro Jahr verlangt und das schafft kaum jemand, damit ist die Verführung für Verfehlungen groß. Da werden dann Studien zerstückelt oder Ergebnisse von anderen übernommen, ohne die Quelle dafür zu nennen.

Das Buch ist jetzt zwei Monate auf dem Markt. Wie oft werden Sie darauf angesprochen?

Urban: Verschiedene Medien haben sich bei mir gemeldet. Aus Kollegenkreisen habe ich gute Resonanz erfahren, dass es für die Aufarbeitung dieser Probleme höchste Zeit sei. Zum Glück habe ich noch keine Tomaten gegen die Scheiben geworfen bekommen oder Drohbriefe erhalten.

Sie hätten es bei Ihrer Doktorarbeit mit dem Titel „Lug und Trug im weißen Kittel“ belassen können. Sie haben aber ein Buch daraus gemacht. Wollen Sie damit Geld verdienen?

Urban: Erst einmal habe ich investiert. Ob es sich später mal lohnt? Das wäre schön. Mein Ziel ist mehr, das Buch über die Universitäten in die Ausbildung von jungen Medizinern einzubringen. Dort ist das Thema Forschungsbetrug im medizinischen Bereich bisher fast ausgeklammert.

Gibt es so etwas wir mafiöse Strukturen, also das Zusammenwirken von medizinischer Forschung und der Pharmaindustrie zur Gewinnsteigerung auf beiden Seiten?

Urban: Ich weiß von Pharmafirmen, die renommierte Mediziner ansprechen, um unter deren Namen Artikel zu veröffentlichen, die ein Präparat anpreisen. Ein Unternehmen hat mal die gesamte Auflage einer medizinischen Zeitschrift einstampfen lassen, weil darin ein unliebsamer Bericht über ein Präparat aus deren Haus erschienen war. Da hat die Firma ganz einfach ihre wirtschaftliche Macht ausgespielt. Das sind schon mafiöse Machenschaften.

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