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Nicht alle gleichgeschlechtlichen Paare können sich ohne Furcht in der Öffentlichkeit zeigen.  Foto: dpa

Junge Zeitung

Die 29-jährige Roxanne ist bisexuell – hier erzählt sie von ihrem Weg zur Selbstakzeptanz

Fünf bis zehn Prozent der Weltbevölkerung sind homosexuell. Bei der Sexualität gibt es kein richtig oder falsch, und trotzdem müssen sich viele Menschen tagtäglich dafür rechtfertigen und werden beschimpft. Oft sind sie von der Gesellschaft so verunsichert, dass sie ihre Sexualität jahrelang verbergen und unter großem Druck stehen. Die bisexuelle Roxanne L. hat uns von ihren Erfahrungen erzählt.

Von Junge-Zeitung-Autorin Sina Trepte

Einen Aha-Moment hatte Roxanne L. nicht. Die heute 29-Jährige entdeckte ihre Bisexualität Stück für Stück. Für ihre Mutter Regine L. war es dann nichts Unerwartetes mehr, als ihre Tochter ihr davon erzählte: „Es kam nicht wirklich überraschend, früher, bevor sie es mir erzählt hat, hatte ich das Gefühl, dass sie zumindest bisexuell sei.“ Die ersten Gefühle für eine Frau gehörten für Roxanne zu ihren Erfahrungswerten dazu. „Ich habe mir zuerst nicht viel dabei gedacht“, sagt sie. „Ich wollte mir das Recht geben, meine Gefühle ausleben zu können.“

Doch das, was bei ihr und allen anderen Menschen selbstverständlich sein sollte, wird anderen durch die negativen Reaktionen genommen. Beleidigung, Spott, Nötigung oder körperliche Gewalt. Circa 70 Prozent der Menschen, die nicht heterosexuell sind, haben schon Erfahrungen damit gemacht. Umfragen ergaben eine bedenklich gestiegene Anzahl von Schülern, die mit Homosexualität nicht konfrontiert werden wollen. Begründungen? Oftmals „...weil das halt einfach komisch ist“ oder angeblich schlechte Erfahrungen mit Menschen anderer Sexualität. Unsicherheit und Selbstzweifel sind die Folge.

Auch bei Roxanne blieben die inneren Konflikte nicht aus. Wut und Schamgefühl säumten den langen Weg zur Selbstakzeptanz. „Ich hatte teilweise das Gefühl, dass etwas an mir nicht richtig ist, dass ich psychisch krank oder anders als der Durchschnitt bin.“

Die Sexualität ist weder von vorneherein bestimmt noch ist sie durch ein Gen vererbbar oder eine Sache der Erziehung. Jugendliche und Erwachsene können im Laufe ihres Lebens Erfahrungen mit beiden Geschlechtern sammeln, ohne sich dabei als homo-, bi- oder heterosexuell zu definieren. Ebenso kann die sexuelle Orientierung sich im Laufe des Lebens ändern.

Zweifel durch Abwertung

Roxanne selbst bewegt sich in liberalen Kreisen. Deshalb bekam sie von ihren Freunden nach dem Outing keine negativen Reaktionen. Doch die Furcht, es der Familie zu erzählen, war durchaus da. „Ich hatte Angst, […] ausgeschlossen und weniger geliebt zu werden.“ Die Gespräche, in denen sie sich zusammen mit einzelnen Familienmitgliedern mit dem Thema auseinandersetzte, erfolgten Stück für Stück. Ihre Befürchtung, weniger geliebt zu werden, war unbegründet. Auch Mutter Regine bestätigt das: „Ich musste mich an den Gedanken gewöhnen, aber peinlich oder so war es mir nicht. Und außerdem ist mir meine Tochter wichtiger als die Meinung anderer Leute.“

Leider gab es trotzdem auch Menschen, die Roxanne abwertend behandelt haben, was bei ihr unweigerlich Selbstzweifel, Trauer und Wut hervorrief. „Ich dachte dann: Vielleicht stimmt es ja, dass ich krank oder ekelhaft bin.“ Gespräche mit Freunden und Familie, um diese belastenden Gefühle und Gedanken zu teilen, waren eine Stütze. Heute geht die 29-Jährige anders mit ihren Zweifeln um. „Ich glaube, dass es für manche Menschen schwer ist, sich in andere einzufühlen. Ich versuche deshalb den anderen und seine Schwierigkeiten zu verstehen.“ Dieser Schritt war schwer. Zu wissen, dass es nicht um den Menschen persönlich, sondern um die fehlende Aufklärung und die damit verbundenen Vorurteile und die Angst vor ungewohnten Dingen geht.

Regine und ihre Tochter finden beide: Mit sexuellen Orientierungen wird heutzutage viel normaler umgegangen. Was früher ein Tabuthema war, wird heute meist offen behandelt. Auch Frauen in Regines Alter leben ihre Homosexualität offen aus. „Trotzdem gibt es immer noch viele Themen, die angesprochen und verändert werden müssen.“ Roxanne möchte jungen Leuten etwas mit auf den Weg geben: „Probiert euch aus, wenn ihr eure Sexualität entdeckt. Teilt eure Gefühle mit denen, die euch am nächsten stehen. Versteckt euch nicht! Es ist ok, durcheinander und unsicher zu sein. Wenn ihr Halt braucht, gibt es überall Anlaufstellen.“

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