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Studentin Mareike Uhlmann (links) lässt sich von Daniela Otto Apps zeigen, die beim Smartphone-Verzicht helfen sollen. Foto: Rolfs

Junge Zeitung: Digital Detox

Einfach mal das Handy ausschalten

Ein Leben ohne Smartphone können sich viele Menschen nicht mehr vorstellen. Doch weil die ständige Erreichbarkeit gleichzeitig digitalen Stress erzeugt, entsteht auch eine Gegenbewegung. Die 33-jährige Münchner Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin Daniela Otto plädiert dafür, das Handy gelegentlich auch mal auszuschalten. Unsere Junge-Zeitung-Autorin Mareike Uhlmann hat sie gefragt, warum das sinnvoll ist.

Was bedeutet Digital Detox?

Ausschalten, abschalten, ankommen – mehr Ruhe finden durch digitale Entgiftung, durch den bewussten Umgang mit digitalen Medien, etwa mit dem Smartphone.

Welche Grundbedürfnisse erfüllt denn das Handy, dass es so abhängig macht?

Vernetzungsmedien geben uns ein simples Versprechen: Du bist nicht allein. Darauf springen wir an. Die Angst vor dem Alleinsein ist eine Urangst des Menschen, wir sind ja soziale Wesen. Und vor allem der moderne Mensch leidet unter Einsamkeit: Seit der Moderne hat sich alles beschleunigt, traditionelle Verbundsysteme wie Familien und Glaubensgemeinschaften sind brüchiger geworden. Dadurch entsteht ein fundamentales Verlorenheitsgefühl. Soziale Medien wirken dem entgegen und erzeugen ein neues Gemeinschaftsgefühl.

Inwiefern sind wir auch Sklaven unseres Handys geworden?

Eigentlich werden Maschinen geschaffen, um dem Menschen zu dienen und seine Mängel zu kompensieren – weil er etwa nicht so schnell laufen kann wie ein Gepard, baut er sich ein Auto. Aber bei unserem Umgang mit den sozialen Medien gab es diesen Kippmoment, als die Grenzen zwischen Nutzen und Schaden verschwommen sind. Viele unterwerfen sich den digitalen Zwängen freiwillig.

Dieser Artikel wurde von einer Teilnehmerin des Projekts Junge Zeitung geschrieben. Alle Informationen zum Projekt erhalten Sie hier

Und wir greifen auch aus Routine zum Handy. Warum tun wir das, wenn wir nicht dazu gezwungen sind?

Weil wir, ähnlich wie die Pawlowschen Hunde, sehr stark konditioniert sind. Im Idealfall ist es so, dass auf dem Handy jedes Mal eine Nachricht für mich ist, wenn ich draufschaue. Das ist, vereinfacht gesagt, ein Liebessignal, etwas, das unsere Sehnsucht nach Verbundenheit stillt. Wenn wir gefühlt belohnt werden, wird im Gehirn das sogenannte „Glückshormon“ Dopamin ausgeschüttet – und das wollen wir immer wieder erleben. Dadurch entsteht nicht zwangsläufig bei jedem eine Sucht, aber die Gefahr ist da.

Aber es ist ja auch so, dass unsere Umwelt nicht immer positiv darauf reagiert, wenn wir nicht antworten…

Ja, das hat wahnsinnig zugenommen. Es kann ein Drama im Kopf entstehen, wenn wir sehen, dass jemand eine Nachricht gelesen hat und nicht antwortet. In dieser Zeit entsteht eine Erzähllücke, die wir mit Phantasien und Befürchtungen ausfüllen.  Darauf beruhen viele Missverständnisse.

Das Thema unseres Projekt ist „gutes Leben“. Was trägt das Handy dazu bei?

Eine Menge. Natürlich gibt uns das Handy ein großes Sicherheitsversprechen, wenn wir etwa nachts allein unterwegs sind. Man kann auch Familien und Freunde mit einem Klick erreichen, egal, wo man auf der Welt ist. Das bereichert das Leben natürlich ungemein.

Und wie kann das Handy das gute Leben zerstören?

Genau so einfach.Wenn die Handynutzung aus der Balance gerät, öffnen wir dem Stress Tür und Tor. Wir vertreiben die Ruhe aus unserem Leben.  Viele sind nicht mehr bereit, in der Stille sich selbst zu begegnen. Ich halte das jedoch für eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit: Wir sind zu einer Ablenkungs- und Stressgesellschaft geworden und das ist fatal. Es gibt die Flow-Theorie, die besagt, dass man 15 Minuten braucht, um sich zu entspannen oder in einer Tätigkeit aufzugehen. Dieser Flow-Zustand macht glücklich. Aber wir werden aus diesem Zustand ständig durch ein Nachrichtensignal herausgerissen. Insofern macht uns das Handy durchaus auch unglücklich.

Fear of missing out

Hilft es, alles abzuschalten? Oder hat man dann Angst, etwas zu verpassen?

Diese berühmte Angst hat sogar einen Namen: FOMO – „Fear of missing out“. Ich würde hier Entwarnung geben:Die Welt geht nicht unter, wenn man mal nicht erreichbar ist.  Man muss einfach die Erfahrung machen, dass man in ein paar Stunden oder Tagen offline so gut wie gar nichts, und schon gar nichts Wesentliches, verpasst.

Also würden Sie jedem raten, das mal zu probieren?

Auf jeden Fall. Dann fühlt man erst den Unterschied. Die meisten sind von ihrem Handy gestresst – sei es, weil ein Typ nicht antwortet, sei es weil sie 700 E-Mails bekommen. Digitaler Stress betrifft jeden.

Newsletter abmelden, Armbanduhr kaufen

Was wären denn Ratschläge, die Sie jedem mitgeben könnten?

Erst einmal sollte man sein eigenes Mediennutzungsverhalten beobachten. Viele wissen gar nicht, wie oft sie am Handy sind. Stress reduzieren kann man bereits durch ganz kleine Änderungen, etwa indem man sich von Newslettern abmeldet, die man nicht braucht, öfter in den Flugmodus schaltet – oder sich einfach eine Armbanduhr anschafft. Viele schauen schon alleine deswegen so oft aufs Handy, weil sie sonst die Uhrzeit nicht wissen. Und Digital Detox lässt sich mühelos langfristig in den Alltag integrieren. Gut ist, das Handy erst nach dem Frühstück einzuschalten und damit den „Stress der Welt“ nicht sofort frühmorgens nach dem Aufstehen an sich heranzulassen. Ein Spaziergang ohne Handy ist ruhig und heilsam. All das kann man jeden Tag machen, und irgendwann ist Digital Detox im Idealfall so selbstverständlich wie Zähneputzen. Das ist quasi Zähneputzen für die Seele.

Sie haben schon die Armbanduhr erwähnt. Sollte man auch sonst zu traditionellen Geräten zurückkehren?

Das ist empfehlenswert. Wenn man Teilfunktionen austauscht, sich etwa wieder einen Wecker anschafft, ist das schon ein wichtiger Schritt. Zur Digital-Detox-Grundausstattung gehört auch eine normale Kamera, die man dann am Wochenende mitnimmt. Dann braucht man das Handy nicht ständig.

Aber ist es nicht paradox, wenn man bei einem Digital-Detox-Wochenende Geld dafür ausgibt, dass man an einem Ort keinen Empfang hat? Man könnte das Handy ja auch zuhause einfach ausschalten…

Das kommt auf die eigene Selbstdisziplin an. Vergleichen wir es mit einer Diät: Man kann freilich auch zuhause abnehmen, aber während einer Kur fällt das vielen oft leichter. Für manche ist ein Digital-Detox-Wochenende daher der richtige Weg. Es gibt ja auch Apps, die dabei helfen sollen, weniger am Handy zu sein.

Was halten Sie davon?

Wenn das Handy etwa die am Bildschirm verbrachte Zeit anzeigt, ist das nicht verkehrt – es verschafft einen Überblick, ermöglicht eine Einordnung. Aber lassen Sie mich auf die Gefahr hinweisen, dass es auch den Trend zur permanenten Selbstoptimierung gibt, der natürlich neuen Stress erzeugt. Ich brauche keine App, die mir sagt, dass ich gut geschlafen habe. Ich sollte das noch selbst spüren können.

Wie oft machen Sie Digital Detox?

Im kleinen Stil jeden Tag. Ich schalte das Handy zum Beispiel abends sehr früh aus und morgens erst an, wenn ich aus dem Haus gehe. Und ein 24-Stunden-Digital-Detox mache ich einmal im Monat, etwa wenn ich mit Freunden in die Berge fahre oder zu Besuch bei meiner Schwester bin und Zeit mit meinen Neffen verbringe. Da will ich ganz präsent sein, ich liebe es, Tante zu sein. Auch in Beziehungen, seien sie freundschaftlicher oder romantischer Art, ist es wichtig, das Handy mal auszuschalten. Wir lassen uns dann ganz anders auf unser Gegenüber ein. Diese schöne Erfahrung der tiefen zwischenmenschlichen Begegnung wünsche ich jedem.

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