Prozess gegen 60-jährige Frau in Hanau
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Eine Justizbeamtin nimmt der Angeklagten im Gerichtssaal des Landgerichts die Handschellen ab.

Kind erstickt: Vorwürfe der Verteidigung zu Prozessbeginn

Sie soll ihr Kind in einen Sack eingeschnürt und einer mutmaßlichen Sekten-Anführerin überlassen haben, später soll der Junge darin erstickt sein. Seit Dienstag muss sich die Mutter vor Gericht verantworten. Ihre Verteidiger gehen zu Beginn in die Offensive.

Hanau - Mehr als drei Jahrzehnte nach dem gewaltsamen Tod eines Vierjährigen hat am Dienstag vor dem Landgericht Hanau der Prozess gegen die Mutter des Jungen begonnen. Zum Auftakt verlas Oberstaatsanwalt Dominik Mies die Anklageschrift gegen die 60-Jährige, der zur Last gelegt wird, ihren Sohn am 17. August 1988 aus niedrigen Beweggründen ermordet zu haben. Ihre Verteidiger kritisierten zum Prozessauftakt unter anderem eine Vorverurteilung ihrer Mandantin.

Die 60 Jahre alte Deutsche soll ihren vierjährigen Sohn in einen Sack gesteckt, diesen oben zugeschnürt und in die Obhut einer mutmaßlichen Sekten-Anführerin gegeben haben, wie Mies sagte. „In diesem Sack ist der Junge später ums Leben gekommen.“ Das Kind soll ohnmächtig geworden und an seinem Erbrochenen erstickt sein.

Die mittlerweile 74 Jahre alte mutmaßliche Sekten-Chefin habe dem Jungen nach dem Leben getrachtet. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll sie der Mutter des Jungen eingeredet und sie davon überzeugt haben, dass ihr Sohn die „Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von den Dunklen besessen“ sei. Deshalb habe die Mutter den Tod des kleinen Jungen billigend in Kauf genommen. Auch soll die mutmaßliche Sekten-Anführerin der Gemeinschaft mehrfach prophezeit haben, dass der Junge bald „vom Alten“ - gemeint sei Gott gewesen - geholt werde, sagte Mies.

Vor rund einem Jahr war die mutmaßliche Sekten-Anführerin wegen Mordes an dem Kind vom Landgericht Hanau zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Da sie gegen das Urteil in Revision gegangen ist, über die noch nicht entschieden wurde, ist es nicht rechtskräftig.

Die Verteidigerin der nun angeklagten Frau, Rechtsanwältin Wiebke Otto-Hanschmann, bezeichnete ihre Mandantin als eine „verzweifelte Mutter, eine Frau, die medial bereits vorverurteilt scheint“. In dem Prozess müsse es aber allein um die Frage gehen, ob ihre Mandantin schuldig im Sinne des Strafrechts oder freizusprechen sei.

Der Staatsanwaltschaft warf die Anwältin unter anderem vor, man habe erst mit monatelanger Verzögerung Einsicht in sichergestellte Beweismittel erhalten. Zudem sei ihre Mandantin als Zeugin ohne Rechtsbeistand vernommen worden.

Verteidiger Thomas Scherzberg verwies zudem auf unterschiedliche Angaben zur Größe des Sackes, in dem der Junge erstickt sein soll. So sei bei der Verurteilung der mutmaßlichen Sekten-Chefin „wider besseres Wissen ein falsches Maß angegeben“ worden. Er verlangte unter anderem, Mies in dem Prozess als Zeugen zu hören.

Für den Prozess sind zunächst noch weitere 14 Verhandlungstage bis einschließlich 21. Dezember angesetzt. Fortgesetzt wird er am 27. September. Dann werde sich die Angeklagte umfangreich einlassen, kündigten ihre Verteidiger an. Die Frau war im September vergangenen Jahres - einen Tag nach dem Mordurteil gegen die mutmaßliche Sekten-Chefin - in Leipzig festgenommen worden und sitzt seither in Untersuchungshaft. Ermittler hatten den Tod des Jungen lange Jahre für einen Unfall gehalten, erst 2015 war der Fall nach Hinweisen von Sekten-Aussteigern wieder aufgerollt worden. dpa

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