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Nia Künzer Foto: Klein

Porträt

Nia Künzer: Ein Fußballstar in der Flüchtlingsarbeit

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Berühmt wurde sie durch das „Golden Goal“ bei der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft 2003: Nia Künzer, langjährige Fußball-Nationalspielerin im Frankfurter 1. FFC. 15 Jahre danach hat der ehemalige Fußball-Profi zwei kleine Kinder und gerade einen neuen Job angefangen: als Dezernatsleiterin in der Integrationsstelle des Landes in Gießen.

Ihr Name heißt übersetzt „Ich kann, ich will“, es scheint genau das passende Motto für die Frau mit den blonden Haaren und der schmalen Statur zu sein. Dreimal war sie Champions League-Siegerin, siebenmal Deutsche Meisterin, ebenso oft Pokalsiegerin, dazu Weltmeisterin – Nia Künzer hat sportlich alles erreicht, was eine Fußballerin erreichen kann. „Präsent in der Wahrnehmung waren wir nicht“, sagt die heute 38-Jährige, „verdient haben wir in der Höhe von 400-Euro-Jobs.“

Nia Künzer sitzt in einem Vorlesungsraum an der Mainzer Universität und spricht zu den jungen Frauen zum Thema Familie und Beruf. „Man sollte den Mut haben, dass das eine das andere nicht ausschließt“, sagt sie beim Kamingespräch, „ein gewisses Selbstvertrauen haben, dass das schon geht.“ Selbstvertrauen, Durchhalten, auch Disziplin und gutes Zeitmanagement, gelernt habe sie das durch den Fußball, den Leistungssport, erzählt Künzer beim Plausch der Gesprächsreihe „I did it my way“.

Mit fünf Jahren begann sie mit dem Fußballspielen, jedes Wochenende habe sie „mit meinen Jungs“ auf dem Fußballplatz gestanden, erzählt Künzer – bis sie 14 Jahre alt war, spielte sie mit den Jungs in einem Team.

Mit dem 1. FFC Frankfurt wurde sie siebenmal Deutsche Meisterin, war 1999 bis 2004 Spielführerin der Frankfurter. Geboren aber wurde die Hessin in Mochudi in Botswana, ihre Eltern waren in der Entwicklungszusammenarbeit, gingen für zwei Jahre nach Botswana.

Nein, eigene Erinnerungen an Afrika habe sie daran nicht, „aber eine Herzhälfte von mir, schlägt schon noch da“, sagt Künzer. Mit wenigen Monaten kehrte sie bereits zurück nach Deutschland, im Flieger begegneten sie zufällig dem damaligen Fußball-Bundestrainer Berti Vogts. Der habe wohl auch mal in ihre Baby-Trage geschaut, weiß Künzer – so werden wohl Fußball-Legenden gemacht. In Wetzlar wuchs sie auf, mit acht Geschwistern, eine Kinderdorf-Familie – sieben angenommene Geschwister stammten aus schwierigen sozialen Verhältnissen.

„Ich hatte immer jemanden zum Spielen und immer jemanden zum Streiten“, sagt sie trocken, und dass ihre Eltern ihr vermittelt hätten, „über den Tellerrand zu schauen, dass man selbst nicht immer der Mittelpunkt der Welt ist.“ Und da war eben auch immer jemand zum Kicken. „Ich war schon auch ein sehr bewegungsfreudiges Kind, das da auch talentiert war“, erzählt Künzer, und so sei sie eben „beim Fußball hängengeblieben.“

Es kam die Zeit als Fußball-Profi, parallel dazu studierte Künzer in Gießen Pädagogik, Psychologie und Sport. „Man sollte immer einen Plan B haben“, rät sie, Fußball habe sie schließlich nicht des Geldes wegen gespielt.

2003 dann passierte das, was sie auf einen Schlag berühmt machte: Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft schoss sie am 12. Oktober in der 98. Minute das Golden Goal gegen Schweden – die deutschen Fußball-Frauen waren erstmals Weltmeisterinnen. Über Nia Künzer brach danach eine Lawine herein, sie wurde „Woman of the Year“, Unicef- Botschafterin, Patin für ein Mädchen-Fußballprojekt in Namibia. Bis heute ist sie Expertin für Frauenfußball in der ARD. 2008 holte sie mit dem FFC Frankfurt noch mal das Triple, beendete danach ihre Fußballkarriere und schloss ihr Studium ab. Künzer arbeitete im hessischen Innenministerium als Referentin für Gewaltprävention und Fanprojekte im Fußball, aber auch für das Programm „Sport und Flüchtlinge“.

Im Februar 2017 wechselte sie in die Abteilung für Flüchtlinge und Integration in Gießen, im Oktober übernahm sie die Dezernatsleitung. Es sei die Herausforderung gewesen, etwas Neues zu machen, sich weiterzuentwickeln, erzählt Künzer – auch wenn sie gleichzeitig zwei kleine Kinder, Haus, Lebenspartner und Hund habe.

„Ich mache da keinen Hehl draus, es ist total anstrengend, aber auch erfüllend“, sagt sie. Frauen bräuchten Mentoren, Förderer, Arbeitgeber, die flexible Arbeitsweisen mittrügen, und ein gutes Netzwerk. Dem Frauenfußball, sagt sie dann noch, würden „mehr Gesichter und mehr Typen“ gut anstehen – und mehr Fernsehzeit. In Sachen Gleichberechtigung, sagt sie zum Schluss noch, „da muss noch einiges geschehen.“

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