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Umwelthaus-Chef Günter Lanz präsentiert das 2500-Seiten-Gutachten.

Studie zu Fluglärm

Lärm mindert die Lebensqualität

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Die Lärmwirkungsstudie NORAH erhitzt schon am Tag ihrer Veröffentlichung die Gemüter. Doch die Experten warnen davor, voreilige Schlüsse zu ziehen.

Nach den Erkenntnissen aus der NORAH-Studie ist es zwar eher unwahrscheinlich, dass Fluglärm krank macht, der Krach stört die Menschen aber gewaltig. So fanden die Forscher zwar keinen deutlichen Zusammenhang mit einem befürchteten Anstieg von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie stellen aber einen „Rückgang an Lebensqualität“ fest, erklärt der Leiter der Studie, Professor Dirk Schreckenberg. Am meisten fühlen sich die 40- bis 60-Jährigen beeinträchtigt. Auch Immobilienbesitzer klagen besonders stark über Lärm. Insgesamt sei die Belästigung auch bei gleichem Schallpegel in den vergangenen zehn Jahren deutlich angestiegen.

Fast fünf Jahre lang haben acht wissenschaftliche Institutionen und ein Ingenieurbüro die Auswirkungen von Flug-, Straßen- und Schienenlärm auf die Menschen erforscht. Und natürlich haben sie Auswirkungen auf Körper und Psyche gefunden. Die Effekte sind aber geringer als von Vielen angenommen.

Einflüsse auf chronischen Bluthochdruck konnten gar nicht nachgewiesen werden, was ein Widerspruch zu Ergebnissen Mainzer Forscher darstellt. Die NORAH-Experten verweisen jedoch darauf, dass ihre Untersuchung „auf weitaus mehr Messungen und genaueren Befragungsdaten“ beruhe.

Bei Herzinfarkten wurde in einer Teilgruppe festgestellt, dass „Lärm nicht nur die Entstehung, sondern vielleicht auch den Verlauf beeinflussen kann“, erläuterte Professor Andreas Seidler von der TU Dresden im Hinblick auf eine leicht erhöhte Sterblichkeitsrate. Bei Schlaganfällen hingegen gab es keine klare Tendenz.

Ein deutliches Risiko durch Verkehrslärm hat sich bei Depression und Herzschwäche gezeigt. Eine Beobachtung, die das Experten-Team überrascht hat. Bei depressiven Störungen hat Fluglärm die stärksten Auswirkungen, bei Herzschwäche der Schienenlärm.

Der Auftraggeber der Studie, Günter Lanz, Leiter des Umwelt- und Nachbarschaftshauses in Kelsterbach, lobte das breite Fundament der Studie, die „methodisch unangreifbar“ und qualitätsgesichert sei.

Als einen „Meilenstein in der Lärmwirkungsforschung“ bezeichnete Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsmitglied des Forums Flughafen und Region, die zehn Millionen Euro teure Untersuchung. Gleichzeitig appellierte er an alle Politiker und Interessengruppen sorgsam mit den „hochkomplexen Ergebnissen“ umzugehen und „jede extreme Interpretation sowie voreilige Schlussfolgerungen zu vermeiden“.

Daran hielten sich allerdings schon gestern nicht alle: Die Bürgerinitiative Frankfurt-Sachsenhausen (BIS) etwa bezeichnete die Ergebnisse zum Bluthochdruck als geeignet „für die Tonne“. BIS-Sprecherin Ursula Fechter zog die Unabhängigkeit der Studie ebenso infrage wie die Methodik. „Besonders das Blutdruckmonitoring entbehrt jeder wissenschaftlichen Aussagekraft. Es gab hier nur eine Rücklaufrate von unter sieben Prozent“, moniert Fechter und kritisiert außerdem, dass der Blutdruck über dem Hemdärmel gemessen worden sei. Fechter kündigte eine Vollversammlung der BIS für den 11. November mit dem Epidemiologen Eberhard Greiser an, der in seinen Untersuchungen vor Gesundheitsgefahren durch Fluglärm gewarnt hatte.

Thomas Scheffler, Sprecher des Bündnisses der Bürgerinitiativen, griff sich besonders den Aspekt heraus, dass die Studie zwar die positiven Wirkungen des Nachtflugverbotes auf den Schlaf aufzeige, die Störungen in der Einschlafphase aber nicht zurückgegangen und in der Aufwachphase gar noch zugenommen hätten. Dieses Ergebnis nutzt er als Rechtfertigung für seine Forderung nach einer Ausweitung des Nachtflugverbots.

Hessens Landespolitiker hielten sich in ihren Bewertungen zurück. Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) kündigte weitere Anstrengungen an, um den Lärm zu verringern. „Man darf Verkehrslärm auf keinen Fall verharmlosen,“ betonte er. SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) nahm die gestrige Präsentation zum Anlass, seine Forderung nach Lärmobergrenzen zu bekräftigen.

Groß war die Erleichterung bei Fraport. Der Flughafenbetreiber sieht sich in seinen Bemühungen um Schallschutz bestätigt und hält weitere Regulierungen nun für überflüssig. Die Studie bietet „eine neue Basis für den sachlichen Dialog in der Region, um darüber auch das Belästigungsempfinden weiter zu reduzieren“, sagte Fraport-Chef Stefan Schulte.

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