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Interview

Landessprecher: "Die AfD ist ein schlafender Riese"

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Bundesweit liegt die AfD erstmals vor der SPD. Was bedeutet das für Hessen? Klaus Späne sprach mit den Landessprechern der AfD, Robert Lambrou und Klaus Herrmann über die Landtagswahl und den Zoff mit Eintracht-Präsident Fischer.

Herr Lambrou, Herr Herrmann, die AfD befindet sich derzeit bundesweit in Umfragen auf einem Höhenflug. Rechnen Sie damit, dass das bis zur Landtagswahl in Hessen anhält?

LAMBROU: Politik ist ein schnelllebiges Geschäft, aber da ich keine politische Umkehr der Altparteien sehe, wird die Unzufriedenheit von großen Teilen der Bevölkerung sicherlich weiter wachsen. Diese aus unserer Sicht verfehlte Politik kommt in Form von Alltagserlebnissen immer mehr bei den Bürgern an. So erklär ich mir auch in erster Linie, warum die AfD in Umfragen stetig steigt.

Herr Lambrou, Sie haben den „Altparteien“ die Mutter aller Niederlagen prophezeit. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie bei der Landtagswahl?

LAMBROU: Das war ein zugespitzter Begriff, bei dem wir auch ein bisschen Spaß haben wollten. Aber ich sehe es in der Tat am 28. Oktober kommen, dass wir in einem westdeutschen Flächenland ein Wahlergebnis von 15 Prozent plus X erzielen.

Die bisherigen AfD-Wahlkämpfe bestanden vor allem aus harten Aussagen zur Flüchtlingspolitik. Auf welche Themen wollen Sie in Hessen setzen?

HERRMANN: Sagen wir es mal so: Die Altparteien reden Probleme schön, und wir erlauben es uns, Probleme deutlich anzusprechen. Das würde ich nicht als hart, sondern als ehrlich bezeichnen.

LAMBROU: Klar ist, dass wir in Hessen einen sachlichen Kurs haben wollen. Wir sprechen die Probleme sicher auch emotional an, aber die AfD ist am stärksten, wenn wir uns auf unsere Sachargumente konzentrieren und den anderen Parteien keine Nebenkriegsschauplätze ermöglichen mit umstrittenen Aussagen. Im Übrigen entscheidet der Programmparteitag über die Wahlkampfthemen. Klar ist, dass Bildung und innere Sicherheit Schwerpunkte sein werden.

Gerade in der Flüchtlingsfrage will die mutmaßliche große Koalition in Berlin die bisherige Politik verschärfen. Das müsste doch in ihrem Sinne sein.

LAMBROU: Das ist uns aus zwei Gründen nicht genug: Zum einen glauben wir, dass vieles im Koalitionsvertrag plakativ ist und es in Wirklichkeit eine ganze Menge Tricks und Schlupflöcher gibt, wodurch viele weitere Menschen kommen. Außerdem stelle ich in Frage, dass die Gesellschaft überhaupt mit denjenigen klarkommt, die wir bereits aufgenommen haben. Das sage ich als jemand, der selbst einen Migrationshintergrund hat …

Welchen?

LAMBROU: Mein Vater ist Grieche. Und ich sage das auch als jemand, der Anfang der 90er Jahre eine Zeit lang Mitglied der SPD war. Und als jemand, der sechs Jahre im Gallusviertel gerne gelebt hat, aber auch Veränderungen wahrgenommen hat.

Sie sind also der Meinung, dass nach wie vor zu viele Flüchtlinge zu uns kommen, obwohl die Zahlen massiv zurückgegangen sind?

LAMBROU: Ich bin jemand, der durchaus ausländerfreundlich ist. Der gerne in Deutschland eine gewisse Quote ausländischer Mitbürger haben möchte. Aber der auch weiß, dass Integration nicht mehr möglich ist, wenn das Mischungsverhältnis zu extrem wird. So wie ich mich integriert habe, erwarte ich das von Menschen, die zu uns kommen. Ich sehe das leider immer weniger gegeben und bei vielen, nicht bei allen, die fehlende Bereitschaft, sich zu integrieren.

Bisher wird die AfD in Teilen der Bevölkerung als Partei mit rechtsradikale und rassistischen Tendenzen wahrgenommen. Wo verorten Sie Ihre Partei?

HERRMANN: Die AfD ist eine konservativliberale, bürgerliche Partei und spiegelt die gesamte Bandbreite der Gesellschaft wieder. Das ist von links bis zur demokratischen Rechten alles vertreten.

LAMBROU: Schauen Sie sich mich an. Ich habe die ersten fünf Jahre meines Wahllebens die Grünen gewählt. Von 1990 bis 2012 die SPD. Das greift zu kurz, die AfD in eine Richtung zu positionieren, weil wir als junge Partei immer noch sehr heterogen sind. Das müssen wir auch sein, wenn wir den Anspruch, Volkspartei zu sein, umsetzen möchten.

Auf dem letzten Bundesparteitag sahen viele Beobachter einen Rechtsruck in Richtung des Höcke-Flügels. Würden Sie das unterschreiben?

LAMBROU: Ganz entschieden nein. Nennen Sie mir im aktuellen Bundesvorstand die Mitglieder, die Sie eindeutig diesem sogenannten Höcke-Flügel zuordnen können. Da werden Sie kaum jemanden finden. Es ist ein ausgewogen zusammengesetzter Bundesvorstand, und ich sehe diesen Rechtsruck nicht.

Zuletzt fiel Ihr Parteikollege André Poggenburg durch verunglimpfende Äußerungen wie „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ auf. Dafür gab es lediglich eine Rüge des Parteivorstands. Genügt das oder haken Sie das unter heterogene Struktur ab?

LAMBROU: Zu diesem Thema möchte ich mich nicht äußern.

HERRMANN: Ich möchte dazu nur so viel sagen: Dass ist im Rahmen des politischen Aschermittwochs erfolgt, es ist nicht mein Sprachstil. Ich würde mich so nicht äußern.

Zurück zur AfD Hessen: Dort sind in der Vergangenheit die Fetzen geflogen. Wie erklären sich dieses Chaos?

LAMBROU: In einer jungen Partei wird um den richtigen Kurs gerungen. Da gibt es noch nicht feste Strukturen und Hackordnungen, und das kriegen sie nicht nur mit Friede, Freude, Eierkuchen.

Und nun läuft alles in geordneten Bahnen?

HERRMANN: Ja. Wir sind auf dem richtigen Weg.

LAMBROU: Ich sehe die AfD in Hessen als einen schlafenden Riesen. Wenn wir es schaffen, diesen zum Leben zu erwecken, sind wir eine politische Macht. Das wird sich im Wahlergebnis niederschlagen, wenn wir uns zusammenraufen anstatt gegenseitig zu verdrängen.

Anderes Thema. Gehen Sie eigentlich noch ins Stadion zur Eintracht?

HERRMANN: Ich war im Sommer im Stadion. Seitdem war ich aus zeitlichen Gründen nicht mehr da.

LAMBROU: Bei meinem Arbeitspensum ist das auf absehbare Zeit illusorisch. Ich war aber schon Fan der Eintracht, ich habe sechs Jahre in Frankfurt gewohnt. Deswegen hat mich das sehr getroffen, als Herr Fischer so gegen die AfD ausgeholt hat. Ich war maßlos enttäuscht.

HERRMANN: Und das grundlos, es gab keinen Anlass.

Sie haben Peter Fischer verklagt. Was bezwecken damit?

LAMBROU: Wir wollten eigentlich mit dem Herrn ins Gespräch kommen, einen Dialog führen, gerne auch öffentlich. Wer mich kennt, weiß, dass solche Angebote ernst gemeint sind. Ich finde es atemberaubend, wenn jemand in einer Funktion wie Herr Fischer auf ein Gesprächsangebot reagiert, indem er sagt, die AfD ist nicht dialogfähig. Das kann es unter Demokraten nicht sein. Wenn er sich als Superdemokrat stilisiert, könnte man das Verhalten als feige bezeichnen.

Gab es denn jemand aus dem Verein, der mit Ihnen gesprochen hat?

HERRMANN: Nein, es hat sich niemand an uns gewendet.

LAMBROU: Ich habe zwei Informanten aus dem engsten Umfeld des Vereins. Die haben mir Internas erzählt, die ich nicht verwendet habe. Allgemein gesprochen: Herr Fischer hat in der Frage des demokratischen Umgangs mit AfD-Wählern auch vereinsintern gespalten, durchaus nachhaltig.

Auf der Mitgliederversammlung hat er aber große Zustimmung erhalten …

LAMBROU: Man sollte sich von 99 Prozent Zustimmung nicht täuschen lassen. Es war auch keine Abstimmung über Pro oder Contra AfD, es war eine Abstimmung über die Arbeit Fischers. Ich finde es lustig, dass große Teile der Presse das als ein Votum gegen die AfD gewertet haben, denn ich bin mir sicher, dass bei Eintracht Frankfurt deutlich mehr als 12,6 Prozent der Mitglieder, aber auch der Fans im Stadion, AfD wählen.

Dennoch – bad news are good news – hat die Aufregung der AfD große Aufmerksamkeit beschert …

HERRMANN: Natürlich führt das zu Aufmerksamkeit, aber good news are good news wäre mir lieber.

LAMBROU: Wir haben uns in dieser Auseinandersetzung zur Wehr gesetzt. Wir haben das mit Augenmaß gemacht. Was noch fehlt, ist ein öffentliches Streitgespräch zwischen Herrn Fischer und vielleicht Herrn Hellmann und den beiden Landessprechern. Wenn die beiden den Mut haben, lade ich sie herzlich dazu ein.

Noch mal zurück zur Landespolitik. Könnten Sie sich vorstellen, Verantwortung zu übernehmen?

HERRMANN: Wer Politik macht, macht das nicht nur zum Selbstzweck und zum Spaß, sondern um etwas zu verändern. Das geht in der Regel nur in der Regierungsverantwortung. Aber diese Frage stellt sich nicht. Wie die Altparteien uns gegenübertreten, sind sie für uns nicht koalitionsfähig.

Aber umgekehrt auch nicht…

HERRMANN: Zum jetzigen Zeitpunkt. Aber das Ziel kann nicht Daueropposition sein. Wir wollen langfristig gestalten.

Wäre theoretisch irgendwann ein Zusammengehen mit der CDU denkbar?

LAMBROU: Ich war Ende Januar im Landtag auf der Zuschauertribüne – bei dem Antrag der FDP zur Vollverschleierung an hessischen Schulen und bei der aktuellen Stunde zu Peter Fischer und Rassismus. Ich kann Ihnen sagen, die AfD ist längst in den Landtag eingezogen. Da wurde ständig über uns gesprochen. Mein Fazit war: Die anderen Parteien haben Angst vor uns.

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