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Geschichten als Spiegelbild der Seele, als eine Form, mit der Welt umzugehen ? das ist für Christian Anteo Paulini lebenswichtig.

Lauter Geschichten im Kopf

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Ein Buch pro Woche lesen – das ist für den Frankfurter Christian Anteo Paulini schon wenig. Der 15-Jährige könnte ohne Literatur und Geschichtenschreiben nicht leben. Manchmal überkommen den jungen Autor die Ideen sogar auf einer Party – dann muss er handeln.

„Man kann sich darauf vorbereiten und wird trotzdem jedes Mal wieder aufs Neue von der Schönheit überrascht.“ Das steht in der Geschichte „Alles ist nichts“ von Christian Anteo Paulini, mit der der 15-Jährige den zweiten Preis des Schreibwettbewerbs „Ohnepunktundkomma“ gewann. Und auch der Autor selbst überrascht beim Treffen in einem Café in Frankfurt-Bockenheim.

„Ich weiß, dass ich jünger aussehe“, sagt der zierliche dunkelhaarige Teenager lächelnd. Doch der Eindruck verliert sich sofort, wenn er redet. Jeder Satz ist geschliffen, im Kopf offenbar schon fertig formuliert. Die Verfertigung der Gedanken beim Reden, über die Heinrich von Kleist schrieb, scheint es bei ihm nicht zu geben.

„Es hat mich schon immer fasziniert, die richtige sprachliche Form zu finden“, erzählt der Zehntklässler. Schon in der Grundschule habe er die ersten Geschichten geschrieben, inzwischen hat er etwa 40 verfasst, schätzt er. Dabei liegt diese Neigung nicht in der Familie – sein Vater arbeitet bei der Europäischen Zentralbank (EZB), die Mutter ist Musikerin, sein Bruder eher mathematisch begabt.

Doch für Christian Paulini gab es nur eines: Sobald er lesen konnte, schnappte er sich Bücher. Inzwischen liest er „nur noch eines pro Woche“, früher seien es mehr gewesen. „Ich wollte immer die Bücher, die ich eigentlich nicht lesen sollte, die Thriller meines Bruders“, erinnert er sich. „Interessiert hat mich dabei alles, was weit entfernt von der Norm ist. Geschichten mit einer Moral am Ende sind nicht so meine Sache.“

Nur für die Schublade schrieb er nie, schon in der Grundschule wurde eine seiner Geschichten in der Schülerzeitung veröffentlicht. Solche Fantasy-Erzählungen, so räumt er ein, liegen ihm inzwischen jedoch nicht mehr. Und dann kommt wieder so ein Satz, der perfekt klingt: „Es geht mir weniger um das, was passiert, als um Einblicke in die Gedanken meiner Charaktere.“ Was er gern schreibt? Die Frage stelle sich ihm gar nicht, erklärt er. Die Geschichten seien seine „Form mit der Welt umzugehen, eine weniger persönliche Art von Tagebuch“.

Er könne es nicht kontrollieren, wann er Ideen habe, räumt er ein. Wenn aber eine komme, etwa auf einer Party, suche er sofort nach Stift und Papier, um sie aufzuschreiben – damit macht er sich ganz altmodisch Notizen. Die Geschichte selbst jedoch entstehe in seinem Kopf. „Um sie aufzuschreiben, brauche ich dann nicht mehr als eine halbe Stunde.“ Danach lese er höchstens noch einmal drüber und verändere „einzelne Worte, die den Fluss zerstören können.“

Eine Methode, die ihm Erfolg brachte. Schon zum zweiten Mal errang er in dem hessischen Schreibwettbewerb den zweiten Platz und gewann ein Preisgeld. „Davon habe ich erst einmal die Kleingeldschulden bei all meinen Freunden abgezahlt“, schmunzelt er.

Dass seine Gedanken sich so viel um Literatur drehen, dass er sogar auf dem Weg zur Tanzschule liest, hat seine Umgebung akzeptiert. Dass er sich für Mode interessiert, in Hemd und Weste zur Schule geht, führt eher zu erstaunten Blicken. „An mir ist vieles oft anders, das veranlasst manche Mitschüler zu Kommentaren“, räumt der 15-Jährige ein.

Aber wie könnte er einsam sein, wenn er die Literatur hat und in seinem Kopf so viele Geschichten warten? Christian Paulini schreibt weiter, träumt davon, einen Roman zu verfassen. Das Schreiben zum Beruf zu machen, ist jedoch nicht sein Plan. Noch zweieinhalb Jahre braucht er bis zum Abitur auf der Wöhlerschule am Dornbusch. Danach würde er gern Psychologie in Frankfurt studieren, erzählt er. „Aber dafür braucht man sehr gute Noten. Und obwohl viele mich für einen guten Schüler halten, bin ich es nicht.“ Es ist nur die Sprache, die ihm sehr leicht fällt, es sind nur die Worte, die ihm zufliegen.

Dass er diese weiterhin in Geschichten gießt und auch wieder an Wettbewerben teilnehmen wird, steht für ihn außer Frage. „Ein Leben ohne Schreiben kann ich mir nicht vorstellen.“ Fast scheint es, als sei das für ihn eher ein innerer Drang als eine bewusste Entscheidung. Denn auf die Aufforderung, unbedingt weiter zu schreiben, erklärt er beim Abschied nur achselzuckend: „Ich muss ja.“

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