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Das Interesse der Presse am "Elysium-Prozess" in Limburg ist groß.

Urteil in Limburg

„Elysium-Prozess“: Kinderschänder gehen gegen ihre langen Haftstrafen vor

Die 1. Jugendkammer des Landgerichts hat gestern hohe Haftstrafen gegen die vier Angeklagten der Kinderporno-Bande "Elysium" verhängt. Ein 63-Jähriger, der sich auch an Kleinkindern vergangen hatte, muss neun Jahre und neun Monate ins Gefängnis und kommt danach in Sicherungsverwahrung.

Update, 15. März, 16.45 Uhr: Das Urteil gegen die Betreiber der Kinderporno-Plattform "Elysium" ist jetzt ein Fall für den Bundesgerichtshof (BGH). Die Verteidiger der vier Angeklagten haben Revision gegen das Urteil eingelegt, wie ein Sprecher des Landgerichts Limburg am Freitag erklärte. Der BGH muss den Fall nun auf formelle Verfahrens- und Rechtsfehler prüfen. Die Staatsanwaltschaft werde nicht gegen das Urteil vorgehen, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main.

Erstmeldung, 7. März: Es ist fünf nach zwölf. Der Blick auf die Wanduhr im Saal 129 hat für die vier Angeklagten symbolische Bedeutung. Der Vorsitzende Richter Marco Schneider verkündet im sogenannten „Elysium“-Prozess nach gut sieben Monaten die Urteile. Sie gehen in allen vier Fällen über die von der Generalstaatsanwaltschaft geforderten Strafmaße hinaus. Die Männer im Alter von 41, 57, 58 und 63 Jahren nehmen den Schuldspruch regungslos hin.

"Elysium-Prozess": Lange Haftstrafen für Täter

Sogar Uwe G., der an den 17 Verhandlungstagen ständig durch Gesten und Kommentare aufgefallen war, verzieht keine Miene. Nach der Verbüßung seiner Haftstrafe von neun Jahren und neun Monaten kommt er in Sicherungsverwahrung. Die Kammer legt ihm auch schweren sexuellen Missbrauch eines Buben (4) und eines Mädchens (6) zur Last. Der Mann aus Landsberg am Lech, der Anfang der 90er-Jahre wegen des Missbrauchs von durch ihn betreuten behinderten Kindern in Haft war, ist nach Überzeugung der Kammer ein „gefährlicher Hangtäter“. Schneider erklärt dies unter anderem mit einer Aussage G.’s, Kinderporno-Fotos seien für ihn wie ein „dampfendes Fünf-Sterne-Menü“.

Der Bad Camberger Frank M., der in seiner Autowerkstatt den Server der Plattform betreute und wartete und das Projekt mit einem Knopfdruck beenden hätte können, muss acht Jahre hinter Gitter. Er war als Administrator und als Chat-Moderator aktiv. Der 41-jährige Familienvater hatte vor einer Woche in seinem „letzten Wort“ sein Vorgehen bedauert und um eine milde Strafe gebeten. Junge massiv traumatisiert

Das Interesse der Presse am "Elysium-Prozess" in Limburg ist groß.

Schneider hält ihm neben der technischen Verantwortung auch das Anstiften zum sexuellen Missbrauch und eine aktive Handlung vor. Der Kfz-Meister und Berufsschullehrer hat laut Kammer „eindeutige“ Fotos eines Jungen angefordert, der von seinem Vater regelmäßig intensiv missbraucht worden ist. Frank M. schickte seinem Chat-Partner als Antwort ein Bild zurück, auf dem er auf das Foto des Jungen onanierte. „Dieses Kind war massiv traumatisiert“, sagt Schneider, „da noch einen drauf zu satteln, hat ein besonderes Geschmäckle.“

„Elysium-Prozess“: Angeklagte sind im Wesentlichen geständig

Joachim P. aus Rottenburg am Neckar bezeichnet der Vorsitzende Richter als den „Vater“ von „Elysium“. „Ohne ihn hätte es das Portal nicht gegeben.“ Die Konsequenz: Eine Haftstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten. Der heute 59-Jährige war in Deutschland einer der maßgeblichen Betreiber der australischen Vorgänger-Plattform „The Giftbox Exchange“, die weltweit 67 000 Nutzer hatte und im Juni 2016 abgeschaltet worden ist. Mit einem Teil der von ihm gesicherten Dateien baute er das „Elysium“-Portal auf, das ab Dezember 2016 im Darknet, dem verborgenen Teil des Internets, die Interessen von 111 000 Pädophilen bediente – bis Juni 2016.

Es war das erste Mal, dass Spezialisten des Bundeskriminalamtes eine Kinderporno-Plattform im Darknet entdeckten, abschalteten und die Verantwortlichen festnahmen. „Elysium“ gilt als eine der größten Kinderporno-Plattformen weltweit, das Verfahren war denn auch das bislang größte um Kinderpornografie in Deutschland. Außergewöhnliches Verfahren

Allein von der Dimension her sei es außergewöhnlich gewesen, sagt Marco Schneider. Er hebt hervor, dass der Prozess zügig und zeitnah abgeschlossen worden ist – dank der weitgehenden Geständnisse der Angeklagten und des kollegialen Umgangs der Beteiligten.

Der Vorsitzende Richter erläutert die unterschiedlichen Strafmaße. Alle vier hätten sich des Besitzes und der bandenmäßigen Verbreitung kinderpornografischer Schriften schuldig gemacht. Alle seien in verschiedener Form am Betrieb der beiden Plattformen beteiligt gewesen; teilweise kam die Herstellung von Kinderpornos, das Anstiften zum Missbrauch und der Missbrauch von Kindern hinzu.

Bei Frank M. waren insgesamt 2007 Bild- und Videodateien sichergestellt worden, bei Uwe G. sogar mehr als 15 000. Bernd M. (57) aus Boxberg war als Chat-Moderator wohl eher ein Mitläufer. Er kommt mit drei Jahren und zehn Monaten Haft davon. Revision angekündigt

Staatsanwältin Dr. Julia Bussweiler zeigt sich zufrieden. Dass das Gericht über ihre Forderungen hinausgegangen ist, hält sie für nicht unüblich: „Die Beweiswürdigung ist keine Mathematik.“ Andreas Götz, der Verteidiger von Frank M., hält das Urteil für seinen Mandanten in Relation zu anderen gegen aktive Täter für „merkwürdig“. Er kündigt Revision an – ebenso wie sein Kollege Albert Balmert, der die Sicherungsverwahrung für G. als unangemessen bewertet.

von JOACHIM HEIDERSDORF

 

Der Angeklagte im "Elysium-Prozess" war bereits wegen Missbrauch verurteilt, berichtet fnp.de*.

Lesen Sie auch: Kinderpornographie: Staatsanwaltschaft fordert lange Haftstrafe für Bad Camberger im "Elysium"Prozess

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