Mehr Drogentote

  • vonMichelle Spillner
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In Hessen gab es im vergangenen Jahr 104 Drogentote und damit 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Ein erheblicher Teil davon könnte unter Umständen noch leben, würde die Politik auf Experten hören und umsetzen, was in anderen Ländern längst etabliert ist.

Hessen ist zwar Spitzenreiter, was die Erhöhung der Zahl der Drogentoten angeht, aber bewegt sich hinsichtlich der Gesamtzahl im mittleren Bereich. 2015 sind bundesweit 1226 Menschen an ihrem Drogenkonsum gestorben, rund 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Drogentoten gab es in Bayern (314), Nordrhein-Westfalen (182), Berlin (153) und Baden-Württemberg (142), die wenigsten in Sachsen (13), Brandenburg (10) und Mecklenburg-Vorpommern (5).

Marlene Mortler (CSU), Drogenbeauftragte der Bundesregierung, äußerte sich gestern gemeinsam mit dem BKA zum Jahresbericht 2015 zur Rauschgiftkriminalität besorgt. Insgesamt würden in Deutschland seit 2012 wieder mehr Drogen konsumiert. Bis zum Jahr 2012 ging die Zahl der Drogentoten zurück. Seither sterben wieder mehr Menschen an ihrer Sucht. Deutschlandweit stieg die Zahl der Drogentoten in den vergangenen Jahren kontinuierlich. 2014 nahm sie um drei Prozent auf 1032 zu. Ein Jahr zuvor waren es 1002 Drogentote, 2012 noch 944. In den drei Jahren davor waren die Zahlen rückläufig. Und Mortler stellt die Zahl der Drogentoten in Zusammenhang mit der Zahl der registrierten Drogendelikte, die laut BKA um zwei Prozent auf bundesweit 282 600 Fälle gestiegen sind.

Den jetzigen Anstieg in Hessen erklärt das Hessische Ministerium für Soziales und Integration damit, dass die Konsumierenden älter werden: Je länger ein exzessiver Drogenkonsum andauert, umso mehr körperliche und psychische Folgen seien zu verzeichnen. Das Ministerium betont aber auch, dass Hessen 2014 die absolut niedrigste Zahl zu verzeichnen hatte, so dass die jetzige Steigerung besonders hoch ausfalle.

Hauptursache für drogenbedingten Tod war 2015 mit 65 Prozent die Überdosierung von Opiaten. Es kommt zum Tod, wenn Gegenmittel nicht rechtzeitig verabreicht werden. Gegenmittel könnten nicht nur Rettungskräfte geben, auf die man warten muss. Fachleute fordern seit Jahren, in jedem Haushalt, in dem ein Abhängiger lebt, ein Antidot, ein Gegenmittel, zu platzieren. Dieses Gegenmittel könnte – genauso wie beispielsweise bei einem anaphylaktischen Schock bei Bienenstichen – von jedermann per Injektion oder Nasenspray verabreicht werden. Eine lebensrettende Maßnahme. „In anderen Ländern ist das gang und gäbe“, betont Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences und Vorsitzender des Bundesverbandes für akzeptierende Drogenarbeit und Drogenpolitik (Akzept). Die Forderung, wird von der Bundesärztekammer unterstützt .

Ebenso haben laut Stöver bereits vor drei Jahren bei einer Tagung Vertreter von Fachverbänden der Drogenbeauftragten der Bundesregierungen Vorschläge gemacht, das Substitutionsrecht zu vereinfachen. Das Substitutionsrecht regelt die Abgabe von Ersatzmedikamenten zur Substitutionstherapie. Der hohe Grad an komplizierter und abschreckender Bürokratie hinter diesem Regelwerk sei mitursächlich dafür, dass es immer weniger Ärzte gebe, die sich der Drogenabhängigen annähmen und dass die Zahl der Substitutions-Arztpraxen sinke. Jetzt erst, drei Jahre später, kündigte Mortler in der Pressekonferenz an, dass „das Bundesministerium mit Hochdruck an einer umfassenden Reform des Substitutionsrechts“ arbeite. Für Stöver ist der Zeitverzug der Neuregelung „dramatisch und typisch für zeitferne Reaktionen auf gesellschaftliche Entwicklungen“. Mortlers Aussage in der Pressemitteilung mag Fachleuten wie ein Hohn klingen: „Jeder Drogentote ist einer zu viel. Für mich ist die Botschaft klar: Die Drogen- und Suchtpolitik darf trotz aller Herausforderungen nicht an Gewicht verlieren (...). Alle in der Politik müssen sich ihrer Verantwortung in diesem Bereich bewusst sein.“

Suchtexperten und Fachverbände fordern, das politische Amt des Drogenbeaufragten abzuschaffen und stattdessen ein interministerielles Fachgremium einzusetzen. In der jetzigen Konstellation überdecke Populismus Lösungswege. Dabei zeigten die Zahlen, dass es wirksame Maßnahmen gegen Drogensucht und zur Reduzierung der Zahl der Drogentoten gibt. In Frankfurt mit etwa 10 000 Drogenabhängigen zum Beispiel habe es dank der vier Druckräume 29 Todesfälle gegeben. In München, wo es erheblich weniger Drogenabhängige und aber auch weniger Hilfsangebote gibt, starben in 2015 insgesamt 62 drogenabhängige Menschen.

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