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Ein Radfahrer fährt durch eine Fußgängerzone in Frankfurt. Nicht selten passiert dies mit hoher Geschwindigkeit.

Umfrage

Mehr gegenseiteige Rücksicht im Straßenverkehr gefordert

Nicht nur zu Fuß sind die Hessen in ihren Innenstädten unterwegs, auch Radler wollen durch die City. Da bleiben Reibereien nicht aus. Also appellieren die Städte, gegenseitig Rücksicht zu nehmen.

Der Gang durch Hessens Fußgängerzonen kann zum Hindernislauf werden. Spaziergänger müssen flotten Radlern ausweichen oder Lieferwagen, die durch die City kurven. Zwar kommt es nur selten zu Unfällen, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergeben hat. Doch das Konfliktpotenzial ist da – und wird größer, soll der Radverkehr in den Städten weiter ausgebaut werden.

In Gießen stieß vor kurzem ein 34 Jahre alter Radfahrer in der Shoppingmeile Seltersweg mit einer schwangeren Frau zusammen. Die 26-Jährige verletzte sich am Kopf, zum Glück offenbar nur leicht, musste aber ins Krankenhaus gebracht werden. Der Radler hätte eigentlich sein Rad schieben müssen, betont die Polizei. „Leider kommt es immer wieder vor, dass Radfahrer dort unterwegs sind.“ Derartige Verkehrsverstöße sind kein Einzelfall in Hessen.

Die Kommunen haben unterschiedlich geregelt, wann Fahrräder oder Lieferwagen – dann in Schrittgeschwindigkeit – durch die Fußgängerzonen unterwegs sein dürfen. In Gießen ist Radeln teils frei, teils zwischen 19 und 9 Uhr erlaubt, in Wiesbaden gilt ebenfalls nur für einige Straßen tagsüber ein Radfahrverbot. Pakete und Waren dürfen bis 11 Uhr geliefert werden. In Fulda haben Radler rund um die Uhr grünes Licht. Während man dort keine nennenswerten Probleme verzeichnet, werden beispielsweise in Wiesbaden Verkehrssünder häufiger mal zur Kasse gebeten.

Die Landeshauptstadt hat in diesem Jahr bislang 34 Bußgelder gegen Radler wegen unerlaubten Befahrens der Fußgängerzone verhängt. Die Situation werde derzeit aber so eingeschätzt, „dass man insgesamt von geordneten und eher unproblematischen Verhältnissen zwischen Radfahrern und Fußgängern in der Fußgängerzone ausgehen kann“, teilt ein Stadtsprecher mit. „Auch wenn es, wie im übrigen Straßenverkehr auch, immer wieder zu kritischen Situationen durch rücksichtsloses Verhalten einzelner Verkehrsteilnehmer kommt. Dies schließt auch den Lieferverkehr mit ein.“

In Kassel kommt noch ein weiteres Verkehrsmittel hinzu, das sich den Platz in der City mit Flaneuren teilt: die Straßenbahn. Das sorgte in der Vergangenheit vor allem in der Adventszeit für Probleme. Eine Tram unfallfrei durch das dichte Weihnachtsmarkttreiben zu steuern war für die Fahrer der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) eine große Herausforderung. Das Problem sei aber gelöst, sagt ein KVG-Sprecher: In der Weihnachtszeit rollen an Samstagen keine Trams mehr durch die City. Auch bei Großveranstaltungen in der Fußgängerzone greife man auf diese Lösung zurück – wenn es nötig ist, auch ganz kurzfristig.

Ein Streitpunkt in Hessens größter Stadt Frankfurt ist nach Angaben des Fußverkehr-Verbandes „Fuß e. V.“ das zu hohe Tempo vieler Radfahrer. Fußgänger erschrecken oder ärgern sich täglich ein paar Dutzend Mal, wie ein Sprecher erzählt. Vor allem die Engstellen an der Konstablerwache und auf der Zeil seien für Konflikte programmiert, da man sich hier nur schwer ausweichen könne. Insgesamt sei die Situation aber „nicht turbulent“.

Das meint auch Bertram Giebeler, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Frankfurt: In den Fußgängerzonen seien die Konflikte selten und nicht so schwerwiegend. Und wenn es mal zu Auseinandersetzungen komme, sei es wegen Radfahrern, die mit einer unangemessenen Geschwindigkeit dort unterwegs seien.

Ein Problem sei dann, dass Fußgänger die Radler nicht hören, „wenn sie von hinten heranrauschen“, sagt Rainer Michaelis, der Leiter der städtischen Verkehrspolizei. Gerade auf der Zeil sei dies öfter zu beobachten. Auch benutzten Radler die Klingeln meist nicht ordentlich und zweckmäßig. Problematisch sei zudem, dass Lieferwagen oder Autos auf Radwegen parkten. „Dieses Parkverhalten ist ein wirkliches Ärgernis, denn es ist nicht nachvollziehbar und gefährlich.“ Michaelis plädiert daher für „gegenseitige Rücksichtnahme, egal, wie man unterwegs ist“.

Radfahrer müssen sich in Fußgängerzonen ans Tempo der Spaziergänger anpassen und nicht umgekehrt, betont auch Norbert Sanden, der Geschäftsführer des ADFC Hessen. Fußgänger haben Vorrang. Verstöße dürften aber nicht zu Straßensperrungen führen: „Wir begrüßen die Öffnung von Fußgängerzonen für Radfahrer.“ So haben auch diese die Möglichkeit, nahe an die Geschäfte zu kommen. Gesperrte Fußgängerzonen könnten zudem als Barrieren wahrgenommen werden, die Umwege bedeuteten. Offene Fußgängerzonen seien dagegen ein Element fahrradfreundlicher Städte. Den Radverkehr zu fördern war auch ein Grund für die Stadt Offenbach, im Jahr 2016 an einem einjährigen Fußgängerzonen-Modellversuch teilzunehmen. Nach Angaben eines Sprechers wurde – begleitet von einer Kampagne für gegenseitige Rücksichtnahme – getestet, wie die gemeinsame Nutzung von Radlern und Fußgängern klappt. Das Ergebnis sei unterm Strich positiv gewesen, sagt ein Sprecher. Also haben Radler nun ganztägig freie Fahrt – im Schritttempo natürlich.

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