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Mendel und Hito Steyerl ziehen sich von documenta zurück

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Künstlerin Hito Steyerl
Hito Steyerl, Künstlerin, aufgenommen in der Kunstsammlung K21. © Rolf Vennenbernd/dpa/Archivbild

Mit dem Rückzug Meron Mendels und Hito Steyerls verliert die documenta nicht nur zwei wichtige Akteure. Auch die Kritik an den Verantwortlichen flammt wieder auf.

Frankfurt/Kassel - Die documenta in Kassel wird vom nächsten Eklat erschüttert: Zwei wichtige Akteure ziehen sich zurück. Am Freitag gab zunächst der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, bekannt, er stehe der wegen antisemitischer Darstellungen heftig kritisierten Schau nicht länger beratend zur Seite. Später erklärte die deutsche Künstlerin Hito Steyerl ihren Rückzug von der Ausstellung. Mit ihr zieht eine der international wichtigsten Künstlerinnen ihre Arbeiten von der documenta ab. Über beide Rückzüge hatte zuvor der „Spiegel“ berichtet.

Die in Berlin lebende Steyerl gab ihren Entschluss in einer Mail an die Kunstausstellung in Kassel bekannt. Die 56-Jährige begründete ihren Schritt gegenüber der dpa in Berlin mit dem Rückzug Mendels von seiner Beratertätigkeit. „Ich werde mich nicht mehr an der documenta fifteen beteiligen“, schrieb Steyerl. Sie habe kein Vertrauen in die Fähigkeit der documenta-Verantwortlichen, Komplexität zu vermitteln und zu übersetzen. „Dies bezieht sich auf die wiederholte Weigerung, eine nachhaltige und strukturell verankerte inklusive Debatte rund um die Ausstellung zu ermöglichen, sowie auf die faktische Weigerung, Vermittlung zu akzeptieren.“

Zudem wolle sie das weiter andauernde Fehlen von organisatorischer Verantwortung in Bezug auf antisemitische Inhalte an einem zentralen Ort der documenta nicht unterstützen. Steyerl verwies auch auf „unsichere und unterbezahlte Arbeitsbedingungen für Teile des Personals“, was im krassen Gegensatz stehe zur offiziellen Rhetorik.

„Ich bitte das Produktionsteam, meine Arbeit abzubauen, die Projektoren abzuschalten, die Pflanzen zu retten und alle Beschriftungen zu entfernen“, schrieb die Künstlerin, die im Ottoneum eindrückliche Arbeiten gezeigt hatte.

Nur wenige Stunden zuvor hatte die Bildungsstätte Anne Frank Mendels Rückzug verkündet: „Seit vor mehr als zwei Wochen eine Arbeit mit offen antisemitischer Bildsprache mitten in Kassel ausgestellt wurde und die documenta angekündigt hatte, von Antisemitismusexpert*innen, unter anderem unserem Direktor Meron Mendel - prüfen zu lassen, ob noch weitere Werke mit antisemitischen Motiven auf der Schau vertreten sind, ist wenig passiert“, teilte das Frankfurter Bildungs- und Beratungszentrum mit. „Meron Mendel hat deshalb sein Angebot, die documenta in der Sache zu beraten, zurückgezogen, nachdem die Generaldirektorin weder geeignete Rahmenbedingungen geschaffen noch ein angemessenes Tempo an den Tag gelegt hat.“

„Es gibt auf der documenta jede Menge Gutes, aber bei der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus-Skandal vermisse ich den ernsthaften Willen, die Vorgänge aufzuarbeiten und in einen ehrlichen Dialog zu treten“, wird Mendel im „Spiegel“ zitiert.

Die Leitung der documenta bezeichnete die Entscheidung Mendels als überraschend und erklärte, diese zu respektieren. Der Weg der Aufklärung und Aufarbeitung werde weiter konsequent fortgesetzt. Im Austausch mit Kollektiven, Künstlerinnen und Künstlern habe die Künstlerische Leitung der documenta fifteen die Sichtung von Arbeiten übernommen. Anlassbezogen werde dabei die Einschätzung von Expertinnen und Experten eingeholt. Erste Ergebnisse lägen bereits vor.

Bereits ein halbes Jahr vor dem Beginn der documenta fifteen waren Antisemitismus-Vorwürfe gegen das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangrupa laut geworden. Kurz nach der Eröffnung der Schau, die neben der Biennale in Venedig als wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst gilt, wurde dann eine Arbeit mit antisemitischer Bildsprache entdeckt. Das Banner „People's Justice“ des indonesischen Kunstkollektivs Taring Padi wurde daraufhin abgehängt. Die Organisatoren der Ausstellung hatten als Konsequenz unter anderem angekündigt, alle weiteren Werke mithilfe externer Experten, darunter auch Mendel, auf antisemitische Inhalte zu prüfen.

Er habe gedacht, es sollte darum gehen, die Kunstwerke zu begutachten und mit Ruangrupa in den Dialog zu treten, führte Mendel im „Spiegel“ aus. „Aber nach mehr als zwei Wochen ist weder das eine noch das andere passiert.“ Auch die Idee zur Gründung eines hochkarätig besetzten Beirats aus Antisemitismus-Experten sei abgelehnt worden. „Mir drängt sich der Eindruck auf, dass hier auf Zeit gespielt werden sollte, bis die documenta fifteen vorüber ist.“

Der Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, wirft Mendel Untätigkeit vor. „Als sie mich anfragte, hatte ich den Eindruck, dass sie die Schwere der Krise verstand. Sie sagte, dass sie die Verantwortung für die Bearbeitung des Antisemitismus-Skandals mit der notwendigen Eile und aller Entschiedenheit übernehme. Aber dieser Ansage sind keine Taten gefolgt.“

Mendel hatte sich seit Bekanntwerden der Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta immer für die Schau eingesetzt. So nahm er kürzlich unter anderem an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Antisemitismus in der Kunst“ teil, die das Bildungszentrum gemeinsam mit der documenta organisiert hatte. Die Veranstaltung sollte den Auftakt einer Reihe zur Aufarbeitung der Vorwürfe bilden. „Wenn ich mich nicht selbst bemüht hätte, wäre wohl kein Vertreter von Ruangrupa bei der Diskussionsveranstaltung anwesend gewesen“, sagte Mendel nun dem „Spiegel“. Nur als er schriftlich seinen Ausstieg in Erwägung gezogen habe, sei die documenta-Leitung tätig geworden. Die documenta äußerte sich zunächst nicht zu Mendels Vorwürfen.

Die Bildungsstätte Anne Frank betonte am Freitag, man sei nach wie vor überzeugt, dass ein Dialog dringend notwendig sei. Auch bekräftigte sie unter anderem ihre Bereitschaft, an einem nach dem Eklat angekündigten Informationsstand zusammen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren über Antisemitismus und Rassismus in der Kunst aufzuklären.

Hessens Kunstministerin Angela Dorn bedauerte Mendels Rückzug. Sie könne seinen Schritt aber gut nachvollziehen, teilte die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der documenta auf Anfrage der dpa mit. Mendel habe mit viel Energie lange versucht, mit der documenta gGmbH eine Struktur für die Aufarbeitung zu finden. „Dass das nicht gelungen ist, ist ein Rückschlag für die Aufarbeitung, denn Professor Mendel hat mit seiner großen fachlichen Expertise beim Thema Antisemitismus und seinem klaren Bekenntnis zur documenta eine wichtige Brückenfunktion“, erklärte die Grünen-Politikerin.

Die Gesellschafter der documenta - das Land Hessen und die Stadt Kassel - hätten ihre klare Erwartung formuliert, dass es eine solche Aufarbeitung geben müsse. „Frau Dr. Schormann hat diesen Auftrag angenommen und auch öffentlich mehrfach angekündigt.“ Sie halte ein Expertengremium weiter für dringend notwendig, betonte Dorn. Nach Mendels Rückzug müsse darüber nun auch dringend im Aufsichtsrat gesprochen werden. Bereits am Mittwoch hatte Dorn im Kulturausschuss des Bundestages berichtet, eine außerordentliche Sitzung des Gremiums beantragt zu haben. dpa

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