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„Wir haben Lust auf Zukunft“: CDU-Fraktionschefin Claus schließt nicht aus, Bouffiers Nachfolgerin zu werden

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Von: Christiane Warnecke

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Plenarsitzung Landtag Hessen Nachfolge von Volker Bouffier? Ines Claus im Interview
Nachfolge von Volker Bouffier? Ines Claus im Interview (Archivbild) © Julia Cebella/dpa

Ines Claus, die Fraktionsvorsitzende der CDU im Landtag von Hessen, gilt als mögliche Nachfolge von Volker Bouffier. Im Interview erklärt sie ihre Zukunftspläne.

Wiesbaden – Ines Claus ist seit gut eineinhalb Jahren die erste Frau in Deutschland an der Spitze einer CDU-Landtagsfraktion. Ihre Wahl galt damals als große Überraschung, inzwischen wird ihr Name aber sogar immer häufiger im Rennen um die Nachfolge von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier genannt. Und sie zieht aller Voraussicht nach demnächst ins CDU-Bundespräsidium ein. Wie sie ihre Partei in die Zukunft führen will, erklärt die 44-Jährige im Interview.

Nach Ihrer Wahl zur Fraktionschefin im April 2020 bezeichneten Sie sich selbst als Frau aus der vierten Reihe. Wir fühlen Sie sich in der ersten Reihe?

Ich fühle mich gut und voll motiviert. Es war damals in der Tat eine Überraschung – für mich und auch für die Kollegen. Um mich für das Vertrauen der Fraktion und des Ministerpräsidenten zu bedanken, der mich vorgeschlagen hat, habe ich von Anfang an hart dafür gearbeitet, dass alle sagen, es war eine gute Entscheidung. Hinzu kommt, dass ich das Amt in Corona-Zeiten und direkt nach dem schlimmen Tod von Finanzminister Thomas Schäfer übernommen habe. Es begann gleich mit einer virtuellen Fraktionssitzung mit 80 Teilnehmern. Das war damals noch neu, jetzt sind wir in der digitalen Welt angekommen. (schmunzelt)

Als Fraktionschefin gilt es, unterschiedliche Standpunkte zusammenführen, wo liegen die Knackpunkte innerhalb der CDU-Fraktion?

Ich sehe mich als Scharnier und Bindeglied zwischen Parlamentsfraktion und Regierung. Es geht aber auch darum die Interessen von 40 direkt gewählten Abgeordneten von Nord- bis Südhessen zusammenzubringen, die Arbeit der Regierung zu stützen, aber auch die Interessen gegenüber dem Koalitionspartner zu bündeln und in einen Gleichklang zu bringen. Da steckt viel Arbeit dahinter.

Kernfrage ist, wer folgt auf Bouffier? Bei der Klausurtagung am 18. Februar soll eine Vorentscheidung fallen, und ihr Name ist im Rennen. Möchten Sie CDU-Landesvorsitzende und vielleicht auch Ministerpräsidentin werden?

Ich bin sehr gerne Fraktionsvorsitzende und möchte das auch weiter engagiert bleiben. Es ist nicht an uns, darüber zu spekulieren, die Entscheidung liegt in der Hand des Ministerpräsidenten. Eine Situation wie im Bund wollen wir aber vermeiden.

Können Sie es sich grundsätzlich vorstellen, ganz an der Spitze zu stehen?

Ich bin bis jetzt bei allen Ämtern kurzfristig gefragt worden und habe dann überlegt, ob ich mir das vorstellen kann. Das würde ich in diesem Fall auch so tun. Ich schließe nichts ein und nichts aus. Jetzt schauen wir erstmal, ob Bouffier überhaupt früher aufhört, und ob er was zu seiner Nachfolge sagt.

In der Nachfolgedebatte hat mal jemand gesagt, Sie seien vielleicht das „kleinste Übel“. Wie geht es ihnen, wenn Sie so etwas lesen?

Ich bin 1,83 Meter groß, da ist es doch fast schon charmant, als „kleines Übel“ beschrieben zu werden. (lacht)

Es heißt, Sie zögern wegen Ihrer drei kleinen Kinder…

Für mich ist es entscheidend, dass alles, was ich mache, nicht zulasten der Familie geht. Insoweit habe ich alle Entscheidungen bisher im Einklang mit ihr getroffen. Ich kann aber auch sagen, dass meine Familie meinem Arbeitseinsatz immer freundlich gegenüber stand. Und die Arbeitswelt wird ja auch kinderfreundlicher, gerade durch digitale Möglichkeiten. Davon profitieren auch viele Väter.

Sie gelten aber in der Partei als nicht so gut vernetzt, schadet das?

Vernetzung ist wichtig, aber nicht alles.

Bouffier hat Sie auch als Kandidatin für den Bundesvorstand durchgesetzt. Möchten Sie stellvertretende Bundesvorsitzende werden oder nur Präsidiumsmitglied?

Die Nominierung des hessischen Landesverbands erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ich freue mich, wenn ich Teil des Präsidiums werde.

Es heißt auch, Sie stünden für einen echten Neuanfang. Skizzieren Sie den doch mal.

In Hessen bin ich die erste und deutschlandweit aktuell die einzige weibliche Vorsitzende einer Landtagsfraktion. Und ich bringe ein anderes Familienbild mit: Es ist 2022 möglich, dass man drei Kinder hat, ein ernsthaftes Familienleben führt – dazu zählen auch die Großeltern – und aktive Politik für die Union macht. Auch mit dem Selbstbewusstsein, mal zu sagen, da schalte ich mich jetzt aus, weil ich Hausaufgaben mit meiner Tochter machen muss oder mit meinem Sohn auf dem Fußballplatz stehen möchte. Aus dem familiären Alltag zieht man ja auch seine politischen Themen. Am Küchentisch bei mir zu Hause sitzen drei Schulkinder und mein Mann, der Hausarzt ist. Das ist gerade in Corona-Zeiten sehr hilfreich, um zu wissen, wo die alltäglichen Probleme liegen. 

Sie halten die Christdemokraten für die einzigen im politischen Koordinatensystem der Bundesrepublik, die für Verlässlichkeit stehen. Ist das nicht ein wenig anmaßend?

Das ist unsere Grundbotschaft von Anfang an. Wir sind nicht immer sexy, aber wir sind verlässlich: Wir suchen pragmatische Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen. Die sind bei uns nie ideologiegetrieben. Das unterscheidet uns von den politischen Mitbewerbern. Nun gab es bei uns zuletzt auch Kollegen, die nicht verlässlich waren. Das hat uns andere am meisten geärgert und auch geschädigt. Dadurch darf aber die Grundbotschaft der Union nicht kaputt gehen: Auf uns kann man sich verlassen.

Sie wollen den Gottesbezug stärker herausstellen. Warum?

Das mag geprägt sein durch meine Herkunft aus der katholischen Jugendarbeit. Meine Politik ist geprägt vom Streben danach, die christlichen Werte zu erfüllen. Mir hilft es auch, zu wissen, dass ich nicht alleine bin, sondern dass es jemanden gibt, der an meiner Seite steht und dass es ein Wiedersehen gibt nach dem Tod. Das trägt mich. Und wir als Union stellen immer das christliche Menschenbild in die Mitte und versuchen, unsere Politik davon abzuleiten. Deshalb fand ich es auch bedauerlich, dass acht von 17 Mitgliedern der neuen Bundesregierung ihren Amtseid ohne Gottesbezug geleistet haben. Natürlich steht das jedem frei. Aber wir orientieren uns an den christlichen Werten.

Ist das in der hessischen CDU zuletzt zu kurz gekommen? Möchten Sie das ändern?

Vielleicht rede ich häufiger darüber als andere. Und ich möchte es in eine modernere Sprache packen.

Sie betonen auch, man sei sicher, wenn man die Union wählt. Was spricht dafür?

In Hessen ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Kriminalität zu werden, sehr gering, weil wir in den letzten Jahren viel für die Innere Sicherheit getan haben. Ich meinte aber auch insgesamt ein Sicherheitsgefühl – gerade in dieser Corona-Zeit. Der beste Weg gegen Verunsicherung ist Verlässlichkeit, zum Beispiel bei den immer der Lage angepassten Verordnungen. Wir kümmern uns um die Gesundheit und um die medizinische Versorgung der Menschen.

Und Sie bezeichnen die CDU als die Partei der Nachhaltigkeit. Davon was bislang nicht immer viel zu spüren...

Wir sind die, die schon immer die Bewahrung der Schöpfung in ihren Grundsatzprogrammen stehen hatten. Das ist vielleicht ein Wording, das nicht mehr verfängt. Nicht jeder ist bekennender Christ, viele auch anderen Religionen angehörig. Deshalb müssen wir vielleicht die Sprache umstellen und sagen: Wir passen auf unsere Erde auf. Wir wollen diese Erde ordentlich an unsere Enkel übergeben. Wir setzen aber nicht nur auf Verbote, sondern auf Anreize und sind dabei technologieoffen.

Das klingt nach Kritik an den Grünen. Hat Schwarz-Grün in Hessen eine Zukunft?

Wir arbeiten äußerst verlässlich zusammen, sind aber unterschiedliche Parteien mit unterschiedlichen Ausrichtungen. Die Zukunft wird von den Mehrheiten abhängen.

Braucht die CDU auch in Hessen eine Erneuerung?

Wir haben Lust auf Zukunft. Und wir haben viele Ideen. Es liegt jetzt an uns, das den Menschen zu vermitteln.

Zur Person

Ines Claus ist seit April 2020 Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hessischen Landtag. Die Juristin aus Bischofsheim zog 2018 als direkt gewählte Abgeordnete für den Kreis Groß-Gerau in den Landtag ein. Zuvor leitete sie das Büro des früheren Landtagspräsidenten Norbert Kartmann. Die 44-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 7 bis 13 Jahren. (ch)

(Christiane Warnecke)

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