+
Die beiden Hobby-Filmer Manuel Weitzel (links) und Felix Müller sitzen in Kirchhain-Langenstein vor dem Jahrtausende alten Menhir vor der Jacobskirche. Sie sind die Macher hinter dem Mystery-Heimatfilm ?Langenstein?.

Mysteriöses aus Mittelhessen

Die alten Erzählungen sollen nicht in Vergessenheit geraten, sondern filmisch ins Hier und Jetzt übertragen werden. Was dabei nicht fehlen darf: Humor, ein bisschen regionale Kost und Rote Wurst.

Von Carolin Eckenfels (dpa)

Zum Glück hat er das Wurstbrot dabei. Ein Bissen von der hessischen Leibspeise und der Mut steigt im Angesicht des Phantoms, das um die Kirche schleicht. „Schon mein Urgroßvater hat gesagt: Rote Wurst ist ein Allheilmittel“, erklärt der Protagonist und blickt in die Kamera. Die Szene gehört zum Mystery-Heimatfilm „Langenstein“, der im gleichnamigen Dorf spielt und sich um rätselhafte Orte, wundersame Ereignisse und eben Phantome dreht. Der Streifen ist Teil eines Projekts, das Hessens lokale Legenden bewahren soll.

„Überall findet man interessante Orte und Geschichten, man muss sie nur suchen. Wir wollen die Sagen an die Oberfläche holen, die sonst über die Generationen verschwinden würden“, sagt Felix Müller. Der 47-Jährige ist einer der beiden Macher des Projekts „Dorfmystery“, der andere ist Manuel Weitzel. Im Film ist der 39-Jährige unter anderem der mit dem Wurstbrot. Humor darf eben auch bei Gänsehaut-Geschichten nicht fehlen, finden die Hobbyfilmer.

„Wir wollen die Geschichten des Dorfes in die Gegenwart holen, damit die Menschen sich mit ihnen identifizieren können“, sagt Weitzel. Zudem sollen Alt und Jung zusammengebracht und der Gemeinschaftssinn gestärkt werden. So haben auch Dorfbewohner mitgespielt.

Die beiden Freunde haben ihre Wurzeln im mittelhessischen Stadtallendorf sowie Kirchhain (beide Landkreis Marburg-Biedenkopf). Vor etwa drei Jahren kamen sie auf die Idee, die Sagen ihrer Heimat aufzuspüren, neu zu interpretieren und einen Film zu drehen. Auf die Geschichten stießen die Männer in Chroniken oder im Gespräch mit Alteingesessenen.

Der Streifen „Langenstein“ spielt im gleichnamigen Kirchhainer Ortsteil und ist eine Mischung aus Doku und Fiktion. Der Film ist das erste Werk der „Brüder Grimm 2.0“, wie sich die beiden Hobby-Filmer augenzwinkernd nennen. Vor zwei Jahren präsentierte das Duo den Film „Langenstein“ im Bürgerhaus des Dorfes, später auch in einem Marburger Kino. Ende Mai soll ihr zweiter Streifen „Burgholz“ fertig sein, der ebenfalls in einem Kirchhainer Ortsteil spielt. Damit es spannend bleibt, verraten die Geschichtenerzähler noch nichts über den Inhalt. Nur so viel: Ein fast 30 Meter hoher Holzturm ist ein wichtiger Schauplatz.

Es waren die in Hanau geborenen Brüder Grimm, die im 19. Jahrhundert mit ihrer Geschichtensammlung das Genre der Sagen geschaffen und geprägt haben, wie der Ethnologe Siegfried Becker erklärt. Es sei aber problematisch, von „hessischen Sagen“ zu sprechen. „Als diese Erzählungen aufgezeichnet wurden, gab es das Hessen von heute nicht“, sagt Becker, der Leiter des Zentralarchivs der deutschen Volkserzählung in Marburg ist. „Es lassen sich aber typische regionale und lokale Sagen finden, die sich beispielsweise um örtliche Besonderheiten drehen.“

Drehbuch-Wettbewerb

Davon gibt es in Langenstein einige. Das Dorf ist wie geschaffen für die Legendenbildung: Eine alte Kirche mit einem einzigartigen Netzgewölbe, einen sagenumwobenen Brunnen oder im Kreis arrangierte Grabsteine – all das gibt es dort. Im Zentrum des Dorfes steht ein jahrtausendealter, aufgerichteter Felsbrocken, der einst – mysteriös! – von einem Blitz getroffen und um ein gutes Stück gekürzt wurde. Außerdem war der sogenannte Menhir ursprünglich ein Wetzstein, der während eines Gottesdienstes in die Höhe schoss. Sagt jedenfalls die Legende.

Wissenschaftler Becker glaubt nicht, dass derartige Geschichten in Vergessenheit geraten. Die allermeisten Erzählungen seien ja aufgeschrieben. „Und jede Generation hat aufs Neue ein Interesse daran, diese auszugraben.“ Es gehe heute auch darum, dass in einer globalisierten Welt das Regionale und Lokale an Bedeutung gewinne.

Müller und Weitzel wollen weiterhin auf Legendensuche gehen. Noch ist ihr Projekt ein Hobby. Doch die Selbstständigen – Müller ist Inhaber einer Werbeagentur, Weitzel Kaufmann – hoffen, daraus vielleicht ihren Beruf machen zu können. Als Nächstes steht aber erst einmal ein Drehbuch-Wettbewerb für einen neuen Mystery-Streifen an. Wo er diesmal spielen wird, ist unklar. Ein Requisit steht aber schon fest: Die Rote Wurst spiele bei ihnen immer eine Rolle, sagt Weitzel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare