Alternative Methoden

Die Natur des Menschen erfassen

Sind alternative Heilmethoden gesünder für den Menschen, bloßer Placebo oder gar Scharlatanerie? Monika Gerhardus ist Vorsitzende der Union Deutscher Heilpraktiker in Hessen und weiß genau, worauf es bei einem guten Heilpraktiker ankommt. Zusammen mit ihrem zweiten Vorsitzenden Dr. Klaus Zöltzer bricht sie eine Lanze für alternative Heilmethoden. Das Gespräch führte Dominik Rinkart.

Frau Gerhardus, Herr Zöltzer, rund um Heilpraktiker schwelt immer eine kritische Debatte. Viele greifen dabei sogar zu heftigen Bezeichnungen wie „Hexen“ oder „Teufelsaustreiber“. Wie reagieren Sie auf solche Vergleiche?

KLAUS ZÖLTZER: Es ist sicherlich richtig, dass Heilpraktiker auch ungewöhnliche Sachen machen, die man nicht gleich nachvollziehen kann. Das schafft vermutlich auch solche Vorurteile.

MONIKA GERHARDUS: Das Thema bei Heilpraktikern ist ja, dass sie den Menschen in seiner Einmaligkeit erfassen wollen. Sie müssen seine Natur erfassen und wir wissen alle, dass die Natur nicht erfassbar ist. Aber auch wir leben im 21. Jahrhundert.

Oft müssen sich Heilpraktiker auch mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie seien unseriös. Woher kommt das?

GERHARDUS: Das ist eine Folge des Heilpraktikergesetzes von 1939. Die Nazis waren komplett gegen die Freiheit der Heilmethoden. Die freiheitlichen Denker nach dem Krieg haben beschlossen das Gesetz zu erhalten und haben nur den Paragrafen gestrichen, der es verbot Heilpraktiker auszubilden, aber sie haben keine eigene Ausbildung dazu beschlossen. Aber ohne eine Ausbildung kann man kein Heilpraktiker werden.

Viele behaupten die Ausbildung sei viel zu kurz und es reiche ein kleiner Wochenendkurs um sich Heilpraktiker nennen zu können.

GERHARDUS: Das ist einfach vollkommene Unkenntnis!

ZÖLTZER: Damit würde man die Überprüfung beim Gesundheitsamt nie bestehen.

GERHARDUS: Nur 40 Prozent bestehen diese Prüfung, 60 Prozent fallen durch. Bei uns dauert die Ausbildung daher drei Jahre. Alles andere geht auch nicht, denn darin wird die komplette Anatomie und Pathologie abgefragt. Wer Heilpraktiker werden will, muss alles über den Menschen, von Kopf bis Fuß, gelernt haben.

Andererseits machen Mediziner ihr langes Studium ja nicht zum Spaß, wo liegt also der Unterschied?

GERHARDUS: Wir sind von vielen Tätigkeiten ausgeschlossen. Der Mediziner darf operieren, Notfälle und lebensbedrohliche Krankheiten behandeln. Das dürfen wir alles nicht. Unsere Grenzen sind so groß, dass es auf der Hand liegt, dass die Ausbildung kürzer ist.

Halten Sie diese hohen gesetzlichen Grenzen für gerechtfertigt?

GERHARDUS: Ja, wir haben nicht die starken chemischen Mittel zur Hand wie Mediziner. Damit haben wir gar kein Problem.

ZÖLTZER: Notfälle sind ganz und gar was für den Arzt oder das Krankenhaus. Das ist auch ein wesentlicher Teil der Überprüfung, diese Grenzen zu erkennen. Wir wollen keine kleinen Ärzte sein. Jeder hat seine eigenen Tätigkeitsbereiche.

Oftmals wird kritisiert es würden einheitliche Standards für Heilpraktiker fehlen. Wie groß können die fachlichen Unterschiede zwischen Heilpraktikern denn sein?

GERHARDUS: Die drei Jahre Ausbildung beziehen sich nur auf die Grundausbildung. Der fachliche Grundbau ist danach gleich. Was der Heilpraktiker daraus macht ist unterschiedlich. Je nach Spezialisierungen wie Homöopathie und Akupunktur können durchaus nochmal drei bis fünf Jahre Weiterbildung folgen.

ZÖLTZER: Sich bestmöglich weiterzubilden ist auch notwendig. Als Heilpraktiker müssen wir auf dem freien Markt bestehen, das geht nur wenn die Patienten zufrieden sind und uns weiter empfehlen.

Gerade ist wieder Grippezeit. Angenommen ich fühle mich plötzlich krank, wer macht mich schneller wieder fit? Arzt oder Heilpraktiker?

ZÖLTZER: Was heißt schneller fit? Mit Antibiotikum sind sie schneller wieder arbeitsfähig, aber was heißt das auf Dauer? Wenn die Krankheit nicht auskuriert wird, ist das langfristig sicher nicht gut.

GERHARDUS: Ich finde es sehr begrüßenswert, dass viele Ärzte auf Antibiotika verzichten und sagen „Gehen Sie nach Hause ins Bett“. Für den Menschen ist das besser, aber für die Arbeit schwierig. Die Gesellschaft ist ein großer Druck.

Abgesehen von Ruhe und Schlaf, womit unterstützt ein Heilpraktiker seine Patienten genau?

GERHARDUS: Wir regen die Selbstheilungskräfte an und wollen die Resilienz, die seelische Abwehrkraft, stärken. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Antibiotika ganze Völker von gesundheitsfördernden Bakterien in der Darmflora unwiederbringlich zerstört.

ZÖLTZER: Wir sind allerdings nicht gegen Antibiotika, es sollte allerdings nur genutzt werden, wenn es auch wirklich sinnvoll ist. Zudem versuchen wir bei einer Krankheit Zusammenhänge zu erkennen: Wir kennen aus der chinesischen Medizin etwa einen Zusammenhang zwischen Darm und Lunge. Bei einer chronischen Bronchitis käme ein Lungenmediziner allerdings nie auf die Idee nach dem Darm zu fragen. Wir schauen den ganzen Menschen an, auch auf der seelischen und psychischen Ebene.

Wissenschaftler bemängeln, bei vielen Methoden würde der Nachweis fehlen, dass sie wirken. Was gibt Ihnen die Sicherheit, dass es doch so ist?

ZÖLTZER: Kann man die Seele wissenschaftlich erfassen? Die Seele ist aber ein ganz entscheidender Teil für Heilung und Gesundheit.

GERHARDUS: Jeder ehrliche Arzt weiß, dass er nicht wirklich wissenschaftlich arbeitet, sondern nach Erfahrungsheilkunde. Wir können die Menschen gar nicht pauschal nach Leitlinien behandeln, jeder ist individuell, auch in seinem Krankheitsbild.

Im vergangenen Jahr hat ein Memorandum aus Medizinern und Wissenschaftlern gar gefordert den Heilpraktikerberuf gänzlich abzuschaffen. Können Sie die Intensität dieser Kritik verstehen?

GERHARDUS: Ich kann das dahingehend verstehen, weil da Ideologen beteiligt waren. Mit Ideologen kann man nicht diskutieren. Zudem waren das überwiegend Medizin-Theoretiker, die gar nicht mit der Praxis vertraut sind.

ZÖLTZER: Bevor die das Memorandum herausgegeben haben, haben die auch kein einziges Mal mit einem Heilpraktiker geredet. Die hatten gar keine Ahnung von unserem Beruf und auch unser Gesprächsangebot nicht angenommen.

Besonders kritisch wird die Homöopathie beäugt. Wie nehmen sie deren Akzeptanz wahr?

GERHARDUS: Es ist vor allem die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die seit Jahren mit aller Macht gegen die Homöopathie schießt.

ZÖLTZER: Da herrscht eine starke Wissenschaftsgläubigkeit. Es gibt Nachweise, dass die Homöopathie funktioniert, es ist jedoch rein naturwissenschaftlich noch nicht zu erklären, wie die Homöopathie funktioniert.

Wie lauten Ihre bisherigen Erklärungen?

ZÖLTZER: In irgendeiner Form ist die Information des Wirkstoffs in die Globuli eingeprägt und diese Information wirkt.

GERHARDUS: Wir haben noch keine genauen Worte, um das zu erklären. Und es ist ja auch richtig, der Chemiker findet in homöopathischen Mitteln nichts. Es gibt ja auch Menschen, bei denen Homöopathie nicht wirkt, denen muss man dann pflanzliche Mittel geben. Andere reagieren auf eine C1000-Potenz, wo wirklich überhaupt nichts mehr drin ist und wir wissen nicht warum.

Wie sollen Skeptiker von der Wirkfähigkeit überzeugt werden, wenn selbst Sie keine Worte dafür haben?

GERHARDUS: Die Erfahrung überzeugt, die Menschen, die zu uns kommen, merken dass es wirkt. Für mich ist das eine ähnliche Geschichte wie früher im Schwarzwald, wo man einige Flächen, auf denen sich die Menschen nicht wohl fühlten, zu heiligen Feldern erklärte. Erst als der Geigerzähler erfunden wurde, hat man erkannt, dass die Flächen radioaktiv sind.

Krankenkassen übernehmen die Kosten für Heilpraktiker in der Regel nicht oder nur gering. Sind alternative Heilmethoden nur was für Besserverdiener?

GERHARDUS: Das kommt auf den Heilpraktiker an. Wenn zu mir eine Familie mit drei Kindern kommt und die Eltern definitiv keine Spitzenverdiener sind, dann kann das nicht so verkehrt sein.

ZÖLTZER: Auch bei mir in der Praxis ist das ganz gemischt – von der Hausfrau bis zum Banker. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit den Patienten entgegen zu kommen. Aber wir sind Freiberufler und müssen existieren.

Hin und wieder gibt es allerdings Negativmeldungen, wie zum Beispiel 2015 in Handeloh, wo nach einem Seminar 29 Personen ins Krankenhaus mussten. Gibt es Quacksalber unter Ihnen?

GERHARDUS: Das ist ein spannender Fall. Der Seminarleiter in Handeloh war ein Psychotherapeut. Das hatte mit Heilpraktikern überhaupt nichts zu tun. Auch die Teilnehmer waren eine bunte Mischung aus allen möglichen Berufen. Aber wenn etwas schief geht, ist es für die Presse immer ein Heilpraktiker. Was nicht ausschließt, dass auch wir mal Fehler machen, aber wenn bei einem Arzt etwas passiert, geht das nicht monatelang durch die Presse.

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