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Schon früher rückte oft die Polizei an: Bereits 2000 trafen sich hier auf dem Roeder-Anwesen Rechtsextremisten zu einem Zeltlager.

Alter "Reichshof" im Knüllgebirge

Neonazi-Anwesen in Hessen: Landrat will gegen rechte Szene vorgehen

Ein Haus im nordhessischen Schwarzenborn wird seine dunkle Vergangenheit nicht los. Einst war hier der Rechtsradikale Manfred Roeder aktiv, jetzt wird das Anwesen wieder zum Neonazi-Treff. Der Landrat will einschreiten.

Am Abend wurden alte Volks- und Kameradenlieder gesungen. Die Stimmen wurden nebenbei mit Bier, Wein und anderen Getränken gut geölt. Ein interessantes Vortragswochenende in netter Runde fassen die Organisatoren ihre Veranstaltung im beschaulichen Städtchen Schwarzenborn Anfang April zusammen.

Anwohner und Politiker sind jedoch ganz anderer Meinung. Offenbar finden seit geraumer Zeit in ihrer Nachbarschaft Neonazi-Treffen stramm rechter Gesinnungsgenossen aus der ganzen Republik statt. So wie jenes Vortragswochenende vom 31. März bis 2. April mit dem Titel „Knüll-Forum“, bei dem es um „Martin Luther als deutscher Revolutionär?!“ ging, wie in der Einladung steht.

Nachbarn berichten später der örtlichen Presse, dass etwa 20 ältere Herren mit ihren Autos zu diesem „Seminar“ angereist kamen. Auch die Polizei sei vor Ort gewesen und habe sich die Kennzeichen notiert, berichten Zeugen. Das alles erinnert an viel frühere Zeiten.

Der Veranstaltungsort, das „Haus Richberg“, verfügt bereits über eine unrühmliche Vergangenheit. Der inzwischen verstorbene Rechtsterrorist Manfred Roeder hielt hier schon in den 70er Jahren Sonnenwendfeiern ab und baute sein Anwesen, das er „Reichshof“ nannte, zum Schulungsort neonazistischer Kameraden aus.

Roeder wurde mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt und war 1982 in den Anschlag auf ein Ausländerwohnheim verwickelt. Dafür saß er 13 Jahre lang im Gefängnis.

2013 erwarb die Tochter der britischen Holocaust-Leugnerin Lady Michèle Renouf das braune Haus im Knüllgebirge. „Wir hoffen, dass es keine politischen Probleme gibt“, sagte der damalige Bürgermeister von Schwarzenborn, Jürgen Kaufmann. Aber man hätte den Kauf nicht verhindern können. Für ein Vorkaufsrecht hätte die Stadt eine künftige öffentliche Nutzung nachweisen müssen. Seine Befürchtungen scheinen sich jetzt zu bewahrheiten. Das Hessische Landesamt für Verfassungsschutz teilte der HR-Sendung „defacto“ kürzlich mit, man registriere eine „deutliche Zunahme dortiger Veranstaltungen mit rechtsextremistischen Teilnehmern.“

Bei jenem Treffen Ende März ging es dabei um den „Ramadan als Fest der Finsternis“, die „Psychologische Kriegsführung der Feinde Deutschlands“ oder darum, „wie sich die Kirchen im Laufe der letzten Jahrzehnte von Deutschland als Vaterland abgewendet haben“. Als Gastgeber fungiert immer wieder der rechte Aktivist Meinolf Schönborn aus Westfalen, Mitbegründer der 1992 als verfassungswidrig verbotenen Partei „Nationalistische Front“ und zentrale Figur in der Neonazi-Szene bis heute.

Das alles weiß natürlich auch die Polizei im dortigen Schwalm-Eder-Kreis. Jedoch konnte sie bislang nichts gegen die mehr als fragwürdigen Veranstaltungen unternehmen, da sich die Teilnehmer der Veranstaltungen auf einem Privatgelände befänden, hieß es bislang zur Begründung. Doch der Landrat des Schwalm-Eder-Kreises, Winfried Becker (SPD), hat Widerstand angekündigt. „Wir kommen zu dem Schluss, dass das Haus Richberg kein reines Wohnhaus mehr ist, sondern gewerblich genutzt wird“, sagt Becker. Eine Anmeldung für solche Veranstaltungen liege nicht vor. Die Eigentümerin des Hauses wurde aufgefordert, bis Ende der Woche dazu schriftlich Stellung zu nehmen. Landrat Becker geht davon aus, schon bald ein offizielles Nutzungsverbot aussprechen zu können. (red)

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