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Neue Modelle für besseren Hochwasserschutz in Hessen

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Von: Christiane Warnecke

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Ein Hochwasser-Schild steht an einem überfluteten Feld.
Ein Hochwasser-Schild steht an einem überfluteten Feld. © Andreas Arnold/dpa/Symbolbild

Nach der Flut-Katastrophe im Ahrtal rechnen Experten Zusetzungen an Brücken in Zukunft mit ein.

Frankfurt -So schön es ist, von seinem Fenster aus auf einen Fluss zu blicken, so gefährlich kann eine solche Wohnlage zugleich sein. Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat die Risiken vielen Menschen deutlich vor Augen geführt. Und in Hessen haben auch die Bilder aus der überschwemmten Wetteraustadt Büdingen im vergangenen Jahr viele wachgerüttelt.

So stieg die Nachfrage nach Risikokarten für einzelne Kommunen nach den Hochwasserkatastrophen 2021 stark an, berichtet das hessische Umweltministerium. "Die Nachfragen von Kommunen bei uns nach sogenannten Fließpfadkarten haben sich verdreifacht!", betont Umweltministerin Priska Hinz. "Die Karten zeigen an, welche Wege das Wasser bei Starkregen nimmt, so dass sich die Kommunen entsprechend vorbereiten und Schutzmaßnahmen ergreifen können", erläutert die Grünen-Politikerin.

Doch nicht nur bei den Kommunen, auch in der Landespolitik sei das Bewusstsein, in einen guten Hochwasserschutz zu investieren, nach der Katastrophe im Ahrtal noch einmal deutlich gestiegen, bekennt die Ministerin.

Insgesamt sieht sie Hessen aber schon "gut aufgestellt". Das Land habe in den letzten zehn Jahren im Durchschnitt über 16 Millionen Euro jährlich in den Hochwasserschutz investiert.

Neue Projekt seien in Hessen seit dem Ahr-Hochwasser noch nicht angestoßen worden, berichtet Matthias Löw, Experte im Umweltministerium. 70 Projekte seien aber gerade in der Umsetzung, ergänzt Sven Schmidt vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Nach dem Erlass einer neuen Hochwassermanagementrichtlinie der EU 2007 wurden aber laut Löw auch in Hessen Hochwasserrisikomanagementpläne erarbeitet. Daraus ergebe sich eine Defizitanalyse für einzelne Kommunen. "Sie können sehen: Wo bestehen Risiken, was kann man dagegen unternehmen?", beschreibt Löw. Für Büdingen etwa hätten die Gefahrenkarten genau das abgebildet, was dann eingetreten sei - ein Extremereignis, wie es nur sehr selten auftrete.

In vielen anderen Orten seien Schutzmaßnahmen schon umgesetzt worden - "in der Reihenfolge der Dringlichkeit und nach Maßgabe der bereitstehenden Mittel", sagt Löw. Das aktuell größte Hochwasserschutzprojekt Hessens sei die Ertüchtigung der Maindeiche in Offenbach.

Der technische Hochwasserschutz sei aber längst nicht alles, betont der Experte. "Nach ersten Auswertungen aus dem Ahrtal zeichne sich ab, dass es gewisse Schnittstellenproblematiken gab.

Informationen gegen "Hochwasser-Demenz"

Die Beobachtung der Hochwassergefahr habe gut funktioniert. Bei der Überschreitung bestimmter Richtwerte, seien dann die zu zuständigen Stellen für die Gefahrenabwehr in den Kommunen zu informieren. Wenn dort festgestellt werde, dass Maßnahmen wie das Bereitstellen von Sandsäcken und Pumpen nicht ausreichten, sondern auch Evakuierungen nötig seien, dann werde der Katastrophenfall ausgerufen. An diesem Punkt scheine das Zusammenspiel der Behörden "an der Ahr nicht so gut geklappt zu haben", meint Löw. Die Informationen über die zu erwartenden Wasserstände hätten vorgelegen, aber an der Umsetzung der Evakuierungsmaßnahmen "scheint es gehapert zu haben", sagt Löw. Um in Zukunft besser vorbereitet zu sein, müsse jede Kommune genau wissen, welche Gefahr in ihrer Region konkret drohe. Das gehe sehr genau aus den Karten des Ministeriums hervor.

Damit es künftig keine Probleme mehr gebe an der Schnittstelle zwischen Hochwasser- und Katastrophenschutz, habe das Land die Bürgermeister Ende vergangenen Jahres hessenweit in vier Veranstaltungen darauf hingewiesen, was im Katastrophenfall zu tun ist. Die Informationen seien für die Kommunen auch in einem 32-seitigen Leitfaden in Papierform gefasst worden. "Die Informationsveranstaltungen beabsichtigen wir auch in regelmäßigen Abständen zu wiederholen", verspricht Löw. Denn es gebe so etwas wie eine "Hochwasser-Demenz" - die Erfahrungen mit Hochwasser würden oft zu schnell wieder vergessen.

Ein wichtiger Punkt komme aber noch hinzu: An der Ahr habe sich gezeigt, dass an vielen Stellen das Zusetzen von Durchlässen und Brücken ein Problem war, also, dass etwa ein Wohnmobil in einer Brücke festhing. "Das war in der Vergangenheit rechnerisch schwer vorhersagbar. Inzwischen gebe es aber neue mathematische Modelle, mit deren Hilfe die Auswirkungen von Zusetzungen an Brücken besser eingerechnet werden könnten. "Diesem Risiko wollen wir uns künftig in Risikoplänen stärker widmen", kündigt der Experte des Hessischen Umweltministeriums an. Ob nach diesen Berechnungen erweiterter technischer Hochwasserschutz in Hessen nötig sei, könne das Ministerium aktuell noch nicht beurteilen. "So weit sind wir noch nicht", räumt Löw ein.

Die derzeitigen Schutzmaßnahmen bezögen sich an allen Stellen des Landes auf ein Hochwasser, wie es einmal in zweihundert Jahren auftrete. Es bestehe aber ein Restrisiko, dass auch mal ein noch stärkeres Hochwasser auftrete. "Verhindern können wir Hochwasser letztlich nicht", resümiert auch Ministerin Hinz.

Die größte Gefahr in Hessen bestehe für die größeren Städte an Rhein, Main, Kinzig, Lahn, Diemel und Weser. Frankfurt sei relativ sicher vor katastrophalen Hochwasserschäden etwa in einem Rechenzentrum oder in den S- und U-Bahnröhren, weil das Gelände vom Main aus ansteige. Die Lahn-Städte Gießen und Wetzlar seien stärker gefährdet, aber gut durch Deiche geschützt, erklärt der Experte.

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