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Den neuen Lehrstuhl für Hessische Landesgeschichte in Marburg übernimmt die Historikerin Sabine Mecking.

Wissenschaft

Neue Professorin für Hessens jüngere Landesgeschichte in Marburg

Historiker in Marburg bekommen eine neue Aufgabe: Hessens jüngere Geschichte genau zu erkunden. Die Themen sind vielfältig – und zur Freude der Wissenschaftler noch viele Fragen offen.

Beim Protest gegen die Startbahn West flogen in Frankfurt die Fetzen. Der Widerstand gegen das Atomkraftwerk Biblis hielt sich dagegen vergleichsweise in Grenzen. Warum und wieso – das sind mögliche Fragen für die neue Professur für Hessische Landesgeschichte an der Universität Marburg. Sie ist die erste ihrer Art im Bundesland und soll bedeutsame Ereignisse in Hessens jüngerer Geschichte erforschen. Dabei wollen die Historiker auch einen Blick auf die hessische Protestkultur wagen.

Den neuen Lehrstuhl übernimmt zum kommenden Wintersemester die Historikerin Sabine Mecking. Das Besondere sei, dass die Professur Ereignisse des 19. bis 21. Jahrhunderts und insbesondere die Zeitgeschichte in den Blick nehme, erläutert die 51-Jährige. „Das ist generell eher selten. Landesgeschichtliche Professuren sind in ihrer Mehrzahl mittelalterlich bis frühneuzeitlich orientiert.“

Für Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) ist die neue Professur ein „überfälliger Schritt“. Immerhin bestehe das Bundesland schon mehr als 70 Jahre. Zudem wächst in Zeiten des sozialen und kulturellen Wandels das Bedürfnis nach historischer Orientierung, wie Rhein im Marburger Landgrafenschloss bei der Vertragsunterzeichnung zur Einrichtung der Professur sagt.

Die Forschungen des neuen Lehrstuhls sollen an die Erkenntnisse anderer Institutionen anknüpfen, die sich ebenfalls um die Landesgeschichte kümmern – das sind unter anderem die Staatsarchive und das Landesamt für geschichtliche Landeskunde. Von 2021 soll die Professur auch für die Leitung des Amtes zuständig sein.

Das Land Hessen in seiner heutigen Form entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei einer Volksabstimmung am 1. Dezember 1946 nahmen die Bürger ihre neue Landesverfassung an – was als Geburtsstunde des heutigen Bundeslandes gilt. Lange Zeit ihrer Geschichte lebten die „Hessen“ in unterschiedlichen Herrschaftsbereichen. Im 19. Jahrhundert waren dies das Kurfürstentum Hessen-Kassel, das Großherzogtum Hessen-Darmstadt und das Herzogtum Nassau. Im Mittelalter und in der Renaissance spielten vor allem die Landgrafen von Hessen eine wichtige Rolle.

So weit will Professorin Mecking nicht in die Vergangenheit zurückblicken. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit soll auf der Zeit nach 1945 liegen. Hessen hat aus Historikersicht noch einige offene Fragen zu bieten, zum Beispiel jene zur landestypischen Protestkultur. „Bislang ist es in der Forschung so, dass Protestbewegungen stärker als städtisches Phänomen betrachtet werden. Aus meiner Sicht bietet Hessen sehr gute Anhaltspunkte, das einmal im städtischen und ländlichen Raum zu beobachten.“

Nicht nur die Studentenrevolte der 1960er Jahre könne dabei ein Thema sein, sondern auch der Widerstand gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Außerdem sei interessant, dass die Anti-Atomkraft-Bewegung in Hessen in den 1970er Jahren im Vergleich zu Protesten in anderen Bundesländern eher weniger in Erscheinung getreten sei. „Wenn ich an Biblis denke: Dagegen ist viel weniger unkonventionell protestiert worden als etwa in Brokdorf“, sagt Mecking.

Für die Professorin ist klar: Wer sich mit dem Widerstand von einst beschäftigt, der lernt auch etwas über heutige Protestformen und -kulturen.

Die Historikerin, die zuletzt an der Fachhochschule in Duisburg forschte und lehrte, möchte zudem die Geschichte der Polizei untersuchen. In dem Bereich gebe es in Hessen noch Nachholbedarf. Zudem sei der Polizeibereich einer der „Klassiker“ des landespolitischen Engagements. „Wie Polizei agiert, welchen Rahmenbedingungen sie ausgesetzt ist, das sagt sehr viel über den inneren Zustand und über die politische und gesellschaftliche Verfasstheit eines Staates aus.“ Auch regionale Geschlechtergeschichte sowie Untersuchungen zu Ministerien in der NS-Zeit kann sich Mecking als Forschungsthemen vorstellen.

Die Erkenntnisse der neuen Professur sollen nicht hinter Uni-Türen verborgen bleiben. „Mein Anliegen ist, landesgeschichtliche Themen nicht nur theoretisch und fachwissenschaftlich, sondern auch praxisorientiert zu vermitteln“, betont Professorin Mecking. Vorstellen kann sie sich dabei unter anderem Ringvorlesungen für die interessierte Öffentlichkeit.

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