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Frank Bletgen (l-r), Geschäftsführer und Prokurist der Ägivo steht zusammen mit Dr. Ilaria Herrmann und Dr. Gerhard Wetzig, im Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ).

Gesundheit

Neues Mittel gegen Ärzte-Mangel

Praxisgemeinschaften und Netzwerke können Ärztemangel lindern. Meist sind das Vereine, GmbH oder BGB-Gesellschaften. Im Odenwald trägt eine Genossenschaft ein Medizinisches Versorgungszentrum – und ist damit Vorreiter in Deutschland.

Ein Altenheim und eine Apotheke müssen schließen, kleinere Firmen und Familien kehren dem Ort den Rücken. So beschreibt Gerhard Wetzig die Folgen des Ärztemangels auf dem Land. Der Allgemein-Mediziner aus dem Odenwald kämpft seit vielen Jahren für die medizinische Versorgung in seinem rund 5200 Einwohner großen Heimatort Lindenfels. Eigentlich würde der 62-Jährige gerne kürzer treten; er will aber auch nicht, dass die Lindenfelser nach der Schließung des Krankenhauses 2016 zu ihm sagen: „Jetzt lassen Sie uns auch noch im Stich!“ Zusammen mit einem Kollegen probiert Wetzig ein neues Mittel gegen Ärztemangel – mit persönlichem Risiko. „Als erste Ärztegenossenschaft Deutschlands haben wir eine Zulassung zum Betrieb eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) erhalten“, heißt es bei Wetzigs ÄGIVO. Die Abkürzung steht für: Ärztegenossenschaft Gesundheitsversorgung im Vorderen Odenwald. „Wir wollen als privater Träger die Daseinsvorsorge sicherstellen, wo sie mangels freiberuflicher Nachfolge wegzubrechen droht“, sagt Frank Bletgen von BL healthconsult in Mannheim, Manager der Genossenschaft.

Ägivo übernimmt Risiko

Praxen, die keine Nachfolger finden, sollen in die ÄGIVO übernommen werden und Ärzte anstellen, die sich um die Patienten in den Dörfern und Kleinstädten kümmern. Die ÄGIVO übernehme alle unternehmerischen Risiken, sagt Bletgen. Mitglieder könnten nur zugelassene Mediziner werden. Wenige Monate nach Gründung seien es bereits 18.

Für das MVZ im Odenwald ist Internist Carl-Reinhard Albilt mit seiner Praxis in Wetzigs Elternhaus mit eingezogen – sein Vater hatte sich dort 1950 niedergelassen. „Unser Ziel ist es, die wohnortnahe, hausärztliche Versorgung unserer Patienten langfristig zu sichern“, sagt Wetzig. „Ältere Patienten auf dem Land sind nicht mobil, nachts gibt es oft nicht mal ein Taxi, und die Angehörigen sind weit weg“, beschreibt Bletgen das Problem.

Mehr als 170 Hausärzte fehlen derzeit nach Darstellung der Kassenärztlichen Vereinigung allein in Hessen; Tendenz steigend. „Wir haben eine völlige Überalterung der Hausärzte, die alle noch die Fahne hochhalten, ein guter Teil ist schon im Ruhestandsalter, mehrere sind schon über 70 Jahre alt“, sagt Bletgen über den Odenwald.

Denn für immer weniger junge Mediziner – die meisten Absolventen sind Frauen – ist es noch attraktiv, sich freiberuflich niederzulassen. Die Angst vor dem finanziellen Regress, wenn Honorar- und Verordnungsbudgets überschritten werden, ist ein wesentlicher Grund. Viele wollen auch die Belastungen eines kleinen Unternehmens nicht, aber feste Arbeitszeiten, die auch Familie und Freizeit ermöglichen, sind sich Fachleute einig.

„Work-Life-Balance wird in meiner Generation groß geschrieben, die meisten wollen auch lieber in der Stadt bleiben“, sagt Ilaria Herrmann. Die 35-Jährige hat im November als angestellte Allgemein-Medizinerin in Teilzeit die erste ÄGIVO-Zweigstelle in Rimbach übernommen. Der Ort mit seinen knapp 9000 Einwohnern ist gut zehn Kilometer von Lindenfels entfernt. Bis zu sechs Wochen hätten die Menschen in Rimbach zuletzt auf eine reguläre Hausarztuntersuchung warten müssen, berichtet Bletgen.

„Viele neue Ärzte wollen ins gemachte Nest. Wir wollen das Nest schaffen“, sagt Herrmann. „Das Risiko trägt die Genossenschaft“, erläutert Bletgen. Diese könne sich anders als Einzelkämpfer über Versicherungen absichern. Der Zu- und Austritt für die Mitglieder sei relativ niedrig: Ein Geschäftsanteil von 1000 Euro reiche schon aus; eine Unternehmensbewertung wie bei einer GmbH ist nicht notwendig. Drei Jahre müssen die Ärzte allerdings dabei bleiben wollen. Nah bei den Patienten sein, trotzdem zeitlich flexibel und in einem ergänzenden Team – zählt Wetzig Vorteile des dezentralen MVZ auf.

Um die wachsenden Versorgungsprobleme auf dem Land zu bewältigen, braucht es auch nach Einschätzung des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Eckhard Starke, „Mut, neue Wege zu beschreiten“. Den hat Wetzig bewiesen. Wenn er seine Zulassung unter eigenem Verzicht auf die Genossenschaft übertrage, sei er darauf angewiesen, dass diese ihre - und damit seine Existenz – sichere, erläutert Bletgen.

Politische Hilfe gefragt

„Es ist wie ein Startup, wenn man keinen neuen Impuls setzt, ist alles verloren“, sagt Herrmann über die ÄGIVO. Der Bedarf ist da: Wir könnten sofort zwölf Teilzeitsitze besetzen“, sagt Wetzig. Mehrere Projekte seien angefragt und für Lorsch und Alsbach-Hähnlein bereits Zulassungsanträge gestellt, sagt Bletgen. Allerdings sei das finanzielle Risiko noch hoch: „Die Politik muss uns unterstützen, wenn wir dieses gravierende Problem des bereits eingetretenen Hausarztkollaps für sie abwenden sollen“, fordert Bletgen.

von IRA SCHAIBLE

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