Diese Postkarte zeigt das Forellengut in den 1930er Jahren. Foto: privat

Mord am Forellengut in Oberstedten

Erinnerungen an ein blutiges Drama: Vortrag enthüllt verblüffende Details

In Oberstedten in Oberursel hat ein Vortrag beim Geschichts- und Kulturkreis über ein Forellengut verblüffende Details über einen dramatischen Mord vor hundert Jahren enthüllt.

Oberstedten - Die meisten Besucher, die heute im Forellengut Herzberger einkehren, ahnen vermutlich nicht, dass das Gelände vor 100 Jahren Schauplatz eines blutigen Verbrechens war. "Ein Drama ersten Ranges" habe sich damals hier abgespielt, sagte Andreas Mengel vom Bad Homburger Stadtarchiv. Er hat zu der Fischzuchtanlage recherchiert, die auf eine 125-jährige Geschichte zurückblickt, und hielt am Freitagabend einen Vortrag beim Geschichts- und Kulturkreis im Alten Rathaus in Oberstedten.

Ein Schlosser namens Hugo Jakobi sei es gewesen, der an jenem 10. August 1919 einen Hammel von der Weide des Fischzuchtbetriebs gestohlen habe, um ihn im nahe gelegenen Wald zu zerteilen, sagte Mengel. Als Heinrich Herzberger, der Großvater des heutigen Forellengut-Besitzers Rolf Herzberger, das Verschwinden des Tiers bemerkte, machte er sich auf die Suche nach dem Hammel. Dabei wurde er von einem Gast namens Jakob Birlebach begleitet.

Beide Männer entdeckten den Dieb im Wald, daneben den toten Hammel, mit Reisig bedeckt. Nach einem kurzen Wortwechsel zog Jakobi eine Pistole. Drei Schüsse trafen Herzberger in Rücken, Hals und Mund. Er überlebte. Birlebach hingegen, dem der Schlosser in Bauch und Schläfe schoss, starb. Der Täter, ein Mann von erstaunlicher Körperkraft, wurde zwar verhaftet, allerdings gelang ihm wenig später die Flucht, er setzte sich nach Österreich ab. Ein halbes Jahr später wurde er schließlich am Vorarlberg dingfest gemacht.

Oberstedten: Mord auf Forellengut aufgeklärt

Im März 1920 fand der Prozess gegen Hugo Jakobi vor dem Frankfurter Schwurgericht statt. Dabei sagte unter anderem seine Ehefrau aus. Ursprünglich habe sie mit ihrem Mann eine glückliche Ehe geführt. Durch den Ersten Weltkrieg sei ihr Mann jedoch "wie umgewandelt" gewesen, heißt es dazu in einem Zeitungsartikel vom 31. März 1920: "Durch Schleichhandel wollte er in die Höhe kommen."

Schließlich wurde Jakobi zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Solche brutalen Verbrechen wie auf dem Forellengut seien in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs sowie kurz danach keine Seltenheit gewesen, sagte Mengel und führte als Beispiel dafür einen weiteren Mord aus dem Jahr 1917 an. Dabei war ein Forstmeister in der Oberförsterei Usingen von einem Wilderer erschossen worden.

Herzberger erbt Forellengut in Oberstedten

Aber auch die übrige Geschichte des Forellenguts birgt spannende Details, wie die gut 50 Zuhörer im voll besetzten Vortragsraum vom Referenten erfuhren. Gegründet wurde die Fischzuchtanlage im Sommer 1894 von Friedrich Behle. Er führte in der Louisenstraße in Bad Homburg jahrelang ein Geschäft, in dem er unter anderem Lebensmittel, Gewürze, Wildbret und Fisch verkaufte. Spätestens von 1908 an habe er sich aber nur noch dem Forellengut mit damals rund 80 Fischteichen gewidmet, sagte Mengel.

Unterstützt wurde der Kaufmann von Heinrich Herzberger, der 1898 in Behles Dienste getreten war. Nach dem Tod von Friedrich Behle im Jahr 1929 erbte Heinrich Herzberger die Fischzuchtanlage. Während des Zweiten Weltkriegs, im Jahr 1942, wurden durch den Abwurf einer Luftmine Gebäude und Teiche schwer beschädigt.

Bombenabwurf auf Forellengut in Oberstedten nur eine Verwechslung?

Eigentlich, so ergänzte Rolf Herzberger, der am Freitagabend unter den Zuhörern saß, sei dies nur auf eine Verwechslung zurückzuführen gewesen: Der Pilot sollte eine Munitionsfabrik im Taunus bombardieren. Als er die im Mondlicht schimmernden Fischteiche sah, hielt er sie für die Glasdächer der Fabrik - und ließ seine verheerende Fracht fallen. Mehr als 30 000 Forellen seien verlorengegangen, sagte Herzberger: "Das war damals sehr viel." Heute sei der Betrieb fünf- bis sechsmal so groß wie in den Anfangsjahren. Zu verdanken ist dies auch moderner Technik, etwa dem Einsatz von Flüssigsauerstoff. Auf den Einsatz von Antibiotika oder Hormonen verzichte man jedoch, versicherte Herzberger.

In den 1960er Jahren sorgte auf dem Forellengut ein sprechender Märchenwald für Schlagzeilen, der in den ersten Jahren Tausende von Besuchern anlockte. Heute konzentriert man sich auf Fischzucht und -verkauf, außerdem auf die Gaststätte, die am Wochenende für Gäste geöffnet ist.

Auch aktuell sorgt ein Verbrechen in Oberursel für Aufsehen. Nach einer Messerattacke auf zwei Frauen hat sich ein Verdächtiger der Polizei gestellt.

Von Brigitte Degelmann

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