Personalmangel
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Ein Zettel mit der Aufschrift „Mitarbeiterin gesucht!“ hängt an einem Restaurant.

Personalnot im Gastgewerbe: Großveranstaltungen kaum möglich

In Hessens Gastgewerbe fehlt es nach dem Corona-Lockdown an Personal. Seit 2020 ist die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter laut Branchenverband Dehoga um rund zwölf Prozent zurückgegangen.

Wiesbaden/Kassel (dpa/lhe)- Zuerst musste das Gastgewerbe die coronabedingten monatelangen Schließungen verkraften. Nach der Wiedereröffnung hat es nun mit Personalmangel zu kämpfen. „Der Fachkräftemangel ist in der Branche zwar kein neues Thema, aber Corona hat wie ein Motor gewirkt“, sagt Julius Wagner vom Branchenverband Dehoga in Hessen.

In Hessen hätten seit 2020 rund zwölf Prozent der Beschäftigten die Branche gewechselt. Abstriche beim Gehalt während der Dauer der Kurzarbeit und Unsicherheit um ihren Arbeitsplatz hätten sie in vermeintlich sicherere Branchen abwandern lassen. „Andere Sektoren wie etwa der Online-Versandhandel haben zugleich aggressiv um sie geworben“, so Wagner.

Auch die Probleme, Auszubildende zu finden, hätten sich verschärft. „Bei der Entscheidung für einen Job im Gastgewerbe ist die Sorge vor Einschränkungen durch die Pandemie sehr präsent“, berichtet der Hauptgeschäftsführer des Verbandes mit rund 4000 Mitgliedsbetrieben. Entsprechend gebe es ein Überangebot an Ausbildungsplätzen. Auch Aushilfen fehlten. Sie zu finden, sei schon vor der Krise schwierig gewesen. Während der Pandemie seien dann viele abgesprungen, weil es für Minijobber keine finanzielle Unterstützung wie Kurzarbeitergeld gibt. „Jetzt ist es schwierig, sie zurückzuholen“, berichtet Wagner.

Zwar erscheine der Personalmangel in der Branche nach außen noch nicht ganz so eklatant, weil seit der Wiedereröffnung noch mit angezogener Handbremse gearbeitet werde. „Aber die Sozialen Medien sind gepflastert mit Suchanfragen“, betont Wagner. Viele Betriebe machten inzwischen einen dritten Ruhetag, um den Personalmangel aufzufangen. „Auch mit Blick auf Großereignisse macht uns das natürlich Sorge.“

Ein solches Großereignis ist die Kunstausstellung documenta 15, die im kommenden Jahr in Kassel stattfinden soll. Wenn dann zahlreiche Besucher in der nordhessischen Stadt versorgt und beherbergt werden wollen, könne sich die Lage vieler der 1000 Mitgliedsbetriebe der Dehoga-Geschäftsstelle Nord- und Osthessen noch zuspitzen, fürchtet dessen Geschäftsführer Oliver Kasties. Bereits jetzt seien die Personalsorgen groß, auch wenn sich das in den Statistiken noch nicht so deutlich zeige.

Das bestätigt auch Ekkehard Passolt vom Jobcenter der Stadt Kassel. „In den Stellenanzeigen und den gemeldeten offenen Stellen schlägt sich der Personalmangel in Kassel und Umgebung zwar bislang noch nicht eindeutig nieder, aber gefühlt vermehren sich die Anfragen deutlich“, sagt der Pressesprecher. Das Jobcenter und Dehoga setzen daher auf Kooperation. Geplant sind unter anderem gemeinsame Info-Veranstaltungen zu Fördermöglichkeiten oder Jobbörsen. Auch sollen Interessenten für einige Wochen in den Job reinschnuppern können.

Um die Situation zu entschärfen, müssten besonders Arbeitszeit und Gehalt besser werden, sagt Julius Wagner vom Verband Dehoga. Von der Politik fordert er die Verlängerung der befristeten Mehrwertsteuerabsenkung auf Speisen in der Gastronomie über den 31. Dezember 2022 hinaus, um mehr Spielraum für Investitionen zu schaffen. „Das ist ein Riesenthema für die Branche.“ Gleiches gelte für die Anhebung der Verdienstgrenze von 450 Euro von Minijobbern. „Wir nähern uns einem Mindestlohn von zwölf Euro. Es wäre viel gewonnen, wenn die Grenze an diese Entwicklung angepasst und auf 600 Euro erhöht werden würde.“ dpa

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