Interview

Pfarrer Gernot Bach-Leucht: "Der Glaube ist vielfältig"

  • schließen

Der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche wirbt um junge Gemeindemitglieder. Mit Gernot Bach-Leucht sprach Dieter Hintermeier über Kirchenaustritte, über Glauben und Spiritualität.

Kürzlich fand der Jugendkirchentag in Weilburg statt. Vor einer „Rekordkulisse“ hieß es. Trotzdem treten immer noch viele junge Menschen aus der Kirche aus. Was unternehmen Sie, um junge Leute davon abzuhalten?

GERNOT BACH-LEUCHT: Menschen treten aus der Kirche aus, wenn Sie nicht mehr wissen, warum sie eigentlich in der Kirche sind und was diese Kirche ist, in der sie Mitglied sind. Das gilt für junge und für alte Menschen. Wir ermöglichen Kindern und Jugendlichen, die Evangelische Kirche kennenzulernen als einen Ort, an dem sie sich zu Hause fühlen, an dem sie ernst genommen werden und an dem gehört wird, was sie zu sagen haben. Kirche kann für sie zu einem Ort werden, an dem sie an Angeboten teilnehmen, sich engagieren können und auch (kirchen-)politisch aktiv werden. Auf diese Weise wissen junge Leute, was „ihre Kirche“ ist und verstehen, welche wichtigen Aufgaben sie wahrnimmt.

Glaube spielt bei diesen Aufgaben eine wichtige Rolle. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

BACH-LEUCHT: Der Glaube, der in unserer Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau (EKHN) gelebt wird, ist ausgesprochen vielfältig und unterschiedlich. Er unterscheidet sich nicht allein aufgrund des Alters.

Wo noch?

BACH-LEUCHT: Die Bandbreite des Glaubens reicht vom wortwörtlichen Verständnis der Bibel als eine verbindliche Richtschnur des Lebens bis hin zur Vorstellung, dass Glaubensgeschichten aus der Bibel uns auffordern, unsere eigene Glaubensgeschichte zu entdecken – sei es im Engagement für Menschen, die an den Rand gedrängt werden, oder im Einsatz für Gottes Schöpfung, unsere Umwelt. Der Reichtum unserer Evangelischen Kirche besteht darin, dass nicht die eine Art zu glauben die Richtige ist und die andere die Falsche. Wir feiern als Evangelische Kirche, dass wir als Menschen so vielfältig und unterschiedlich sind und darum auch so vielfältig und unterschiedlich glauben dürfen.

Wie sehen die Unterschiede zwischen „jung“ und „alt“ aus?

BACH-LEUCHT: Wenn es Unterschiede zwischen „jung“ und „alt“ gibt, dann insofern, dass junge Menschen auf der Suche sind, was für sie Glaube ist, ob Glaube für sie ein Lebensmodell darstellt und wie ihr persönlicher Glaube aussehen kann. Außerdem sind junge Menschen oft in einem höheren Maße bereit, mit spirituellen Gestaltungsformen zu experimentieren, Dinge auszuprobieren, sie für gut zu befinden und weiter zu kultivieren oder aber festzustellen, dass sie sich damit nicht wohlfühlen und sich auf die Suche nach Neuem zu machen.

Wie „cool“ wirkt Religion für junge Menschen?

BACH-LEUCHT: Zunächst einmal ist Religion nicht besonders cool. Das hängt aber in hohem Maße davon ab, wie junge Menschen die Evangelische Kirche erleben. Wenn schon in der Konfizeit das Erleben vorherrscht, dass man nicht gemeint ist, dass Gottesdienste langweilig sind und dass Jugendliche allenfalls für Spiel, Spaß und Bänke schleppen in der Kirche vorkommen, verstärkt das den Eindruck, dass Kirche und Religion uncool sind.

Wie kann das geändert werden?

BACH-LEUCHT: Wenn allerdings junge Menschen erleben, dass ihnen etwas zugetraut wird, sie eigene Entscheidungen treffen können und in „ihrer Kirche“ etwas bewegen, wird auch Kirche und Religion cool. Das drückt sich in der hohen Zahl ehrenamtlich engagierter Jugendlicher in der Evangelischen Jugendarbeit aus. Jugendliche, die mit der Juleica (Jugendleitercard) für ihr Ehrenamt qualifiziert werden. Dies drückt sich auch darin aus, dass man in der EKHN jungen Menschen ab 14 zutraut, Mitglied in einem Kirchenvorstand zu sein. Das ist das Leitungsgremium einer jeden Kirchengemeinde.

Welche Themen interessieren junge Menschen an der Religion ?

BACH-LEUCHT: So unterschiedlich junge Menschen sind, so vielfältig sind auch ihre Themen. In der letzten Zeit engagiert sich Evangelische Jugend ganz besonders für Nachhaltigkeit, die Genderfrage und Inklusion.

Und wie begeistert man junge Menschen für den Glauben?

BACH-LEUCHT: Glaube ist nicht etwas, das die Erwachsenen haben und die jungen Menschen lernen müssen. Unser Glaube entwickelt sich im Austausch. Begeisterung für den Glauben kann entstehen, wenn Jugendliche Menschen begegnen, die glaubwürdig und echt sind, statt Glaubenssätze aufzusagen, die man ihnen nicht abnimmt. Begeisterung für den Glauben kann auch da entstehen, wo junge Menschen für die Erwachsenen Gesprächspartner auf Augenhöhe sind, wo man ihnen zutraut, Antworten auf Fragen des Glaubens zu geben.

Wo sehen Jugendliche Kritikpunkte an der Kirche?

BACH-LEUCHT: Jugendliche kritisieren, dass sie oft in der Kirche nicht gemeint sind. Angebote richten sich an Erwachsene und Alte. Gestaltungsformen sind an diesen Altersgruppen ausgerichtet, sei es musikalisch, von der Sprache oder von der Angebotsstruktur her. Jugendliche kritisieren, dass es in der Kirche allzu oft um Geld geht und allzu wenig um Inhalte. Jugendliche kritisieren, dass manchmal in der Kirche nicht mutig genug ein Bekenntnis gesprochen wird. Vor allem, wenn es um Homo- und Transphobie, Frauenfeindlichkeit und Rechtspopulismus geht.

Wie nimmt die Kirche die Kritik auf?

BACH-LEUCHT: Die EKHN ist eine demokratisch verfasste Kirche mit hoher Jugendbeteiligung. Die Wege, auf denen Kritik aufgenommen wird, sind bereits vorhanden. Sie müssen nur beschritten werden. Das sind Gemeindejugendvertretungen und Mitgliedschaft im Kirchenvorstand in der Gemeinde, die Evangelische Jugendvertretung im Dekanat (EJVD) als Jugendverband oder die Evangelische Jugend in Hessen und Nassau (EJHN) als der Jugendverband auf der Ebene der Landeskirche und auch die Vertretung der Interessen von jungen Menschen durch fünf Jugenddelegierte in der Landessynode.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare