Ernst-Ulrich Huster, Jahrgang 1945, ist Armutsforscher.

Hessen

„Polarisierung zwischen Armen und Reichen nimmt zu“

  • schließen

Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster spricht im FR-Interview über wachsende Gegensätze in der Altersversorgung. Am Donnerstag diskutiert er seine Thesen in Wiesbaden mit hessischen Landespolitikern.

Altersarmut wird zu einem immer drängenderen Problem für Menschen mit niedrigem Einkommen. Der Gießener Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster diskutiert am Donnerstag in Wiesbaden mit Landtagsabgeordneten über das Problem und mögliche Lösungen.

Herr Huster, Hessen ist ein wohlhabendes Land mit wenigen Arbeitslosen und hohen Löhnen. Wie kann es sein, dass der Anteil der Armen trotzdem steigt?
Hessen ist kein einheitliches Land aus wirtschaftlicher Sicht. Der Süden ist sehr stark. Der Norden etwas weniger. Der mittlere Teil Hessens ist deutlich schwächer, was die wirtschaftliche Leistungskraft angeht. Dort haben die Menschen auch das geringste Pro-Kopf-Einkommen. Aber selbst in den wirtschaftlich stärksten Regionen wie der Stadt Frankfurt gibt es überproportional viel Armut. Das liegt an der Polarisierung zwischen Menschen mit wohldotierten Arbeitsplätzen und Vermögen auf der einen Seite und Menschen, die aus dem ländlichen Bereich zuziehen, weil sie dort keinen Job gefunden haben, auf der anderen Seite. Die finden nicht immer gleich Anschluss.

Gibt es auch eine Polarisierung zwischen Jung und Alt, also eine besondere Armutsgefährdung älterer Menschen?
Es gibt zwei Gruppen, die besonders von Armut betroffen sind: einerseits die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, andererseits die älteren Menschen. Aber bisher liegt die Armutsgefährdungsquote bei den Älteren, also den über 65-Jährigen, etwa im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, während die von Kindern und jungen Erwachsenen darüber liegt.

Wir wird sich das in Zukunft entwickeln?
Ich denke, die soziale Polarisierung in unserer Gesellschaft wird eher zu- als abnehmen. Wir beobachten eine Zunahme der Einkommen vor allem bei den oberen 20 Prozent, während die unteren 20 Prozent im langen Trend an Einkommen verlieren. Die sozialversicherungspflichtige Normalbeschäftigung ist insgesamt im Rückzug. Der Dienstleistungsbereich wächst, und er weist sehr viel ungeregeltere Beschäftigungsformen auf. Wir werden mit der Digitalisierung neue Beschäftigungsformen finden, etwa mehr Heimarbeit, wo noch ungeklärt ist, wie sie sozial abgesichert werden.

Zur Person

Ernst-Ulrich Huster, Jahrgang 1945, ist Armutsforscher. Der Politikwissenschaftler lehrte an der Universität Gießen und der Evangelischen Hochschule RWL in Bochum, deren Rektor er war. Er amtiert als Vorsitzender des Kuratoriums der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Am Donnerstag, 17. Oktober, diskutiert Huster in Wiesbaden mit Politikern und Gewerkschaftern über Altersarmut. Beginn der Veranstaltung ist um 20 Uhr, Veranstaltungsort ist das Haus an der Marktkirche, Schlossplatz 4.

Auf dem Podium sitzen mit Professor Huster die Landtagsabgeordneten Janine Wissler (Linke), Marcus Bocklet (Grüne) und Ralf-Norbert Bartelt (CDU) sowie der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) Hessen-Thüringen, Michael Rudolph. Der Eintritt ist frei. Veranstalter ist das „Bündnis Soziale Gerechtigkeit Hessen“. 

Steuern wir mit dieser Polarisierung auf eine stärkere Altersarmut zu?
Man kann grob sagen: Für die unteren 40 Prozent der Einkommen ist die gesetzliche Rente die wichtigste Altersvorsorge. Wenn das Rentenniveau weiter abgesenkt wird, bekommen wir gerade für diese Personen eine zunehmende Altersarmut. Umgekehrt verfügen die obersten zehn Prozent über mehr als die Hälfte der Vermögenswerte. Die haben natürlich im Alter keine Probleme mit der Alterssicherung.

Welche Chancen haben die Landespolitik und die Kommunen, dagegenzusteuern?
Der entscheidende Hebel ist, dass eine Infrastruktur für ältere Menschen zur Verfügung gestellt wird, also soziale Betreuung, Gesundheitsvorsorge und so weiter. In einer Pilotstudie zum dritten hessischen Sozialbericht habe ich Experteninterviews in fünf Gebietskörperschaften geführt. Da kann man sehen, dass das Problem auf kommunaler Ebene angekommen ist. Ein Landkreis geht dazu über, kleine Wohneinheiten im Ortsbereich zu bauen mit dem Ziel, Bewohnerinnen aus größeren Wohneinheiten oder Hofreiten umzusiedeln. Sie müssen ihren Kiez nicht verlassen und behalten ihre Kontakte, aber die größeren Wohneinheiten stehen für Familien zur Verfügung. Ein anderer Landkreis will kostengünstige oder kostenfreie Angebote für Senioren, um der Altersarmut entgegenzutreten.

Betrifft Altersarmut Frauen stärker als Männer?
Ja. Die Zahlen für Hessen sind eindeutig. Das hängt aber auch damit zusammen, dass Frauen im Durchschnitt ein höheres Alter erreichen als Männer.

Haben Sie den Eindruck, dass die Diskussion in der Politik angekommen ist?
Ja, ich habe den Eindruck, es ist inzwischen angekommen, dass man etwas tun muss für die Alterssicherung. In Berlin bei der großen Koalition wird ja intensiv über eine Grundrente im Alter diskutiert. Entscheidend wird sein, wie die Rentenbiografie insgesamt gestaltet wird, also wie Erziehungs- und Pflegezeiten eingehen. Die veränderte Arbeitsstruktur muss Eingang finden in die zukünftige Rentenstruktur.

Interview: Pitt von Bebenburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare