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1946 bis heute

10 Politiker, die Hessen geprägt haben

Seit der Gründung Hessens nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten und regierten verschiedenste Politiker das Land. Wir nennen Ihnen zehn, die das Land entscheidend geprägt haben.

1. Karl Geiler (parteilos)

Weichenstellung für Hessen nach dem Krieg

Zum Ende des zweiten Weltkrieges sucht die amerikanische Militärregierung politisch unbelastete Kandidaten, die den Wiederaufbau Hessens leiten können. Nach langer Suche ernennen sie Karl Geiler zum ersten Ministerpräsidenten Hessens. Während seiner nur 15 Monate kurzen Amtszeit lässt er Kommunalwahlen durchführen und bereitet die hessische Verfassung vor. Der Rechtsanwalt und Wirtschaftsprofessor hegt Sympathien für die CDU und den Vorgänger der FDP, der LDP. Die erste demokratische Wahl in Hessen gewinnt aber deutlich die SPD – Geiler tritt daraufhin zurück.

2. Christian Stock (SPD)

Die Gründung des demokratischen Deutschland

Nach dem Wahlerfolg der SPD 1946 wird Christian Stock der erste gewählte Ministerpräsident Hessens. Er leitet eine Koalition aus SPD und CDU. Als Vorsitzender der ersten Konferenzen der Ministerpräsidenten der Länder ist er maßgeblich an der Gründung der BRD beteiligt. Außerdem sichert er die wirtschaftlichen Lebensgrundlagen der Bürger Hessens. Bei der Landtagswahl 1950 geht die SPD als klarer Sieger hervor und kann ohne die CDU regieren. Stock, der sich für eine Große Koalition ausspricht, wird nicht mehr von den Wahlgremien als Ministerpräsident vorgeschlagen. Er engagiert sich weiterhin politisch, strebt aber kein großes Amt mehr an.

3. Georg-August Zinn (SPD)

Wiederaufbau Hessens

Der ersten alleinigen Regierung der SPD in Hessen steht Georg-August Zinn vor. Er steht für den Wiederaufbau Hessens, das Hauptziel seiner langen Regierungszeit. Er bleibt bis 1966 Ministerpräsident und ist damit bis heute der längste Träger dieses Amtes. Neben dem Aufbau von Industrie und Infrastruktur sorgt er für die Integration von fast einer Million Kriegsflüchtlingen. Er ist Initiator des Hessentages, schafft tausende Arbeitsplätze in der Chemie-, Auto- und Elektroindustrie und setzt sich für den Ausbau des Frankfurter Flughafens zum internationalen Großflughafen ein. Außerdem engagiert er sich sehr in der Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus. Er lässt den israelischen Behörden Informationen zukommen, die zur Verhaftung des Naziverbrechers Adolf Eichmann führen. Aus gesundheitlichen Gründen legt er 1969 sein Amt nieder.

4. Albert Osswald (SPD)

„Wir haben früher mit Knüppeln aufeinander gedroschen. Heute pieken die Debattenredner einander mit spitzer Nadel in den Hintern“

In der Anfangsphase der noch relativ jungen Bundesrepublik Deutschland hat die SPD Hessen in fester Hand. Zu den vielen Ministerpräsidenten der SPD in dieser Zeit gehört auch Albert Osswald, der von 1969 bis 1976 das Land regiert. In seiner Amtszeit setzt er die umstrittene Gebietsreform in Hessen durch, die die Zahl der Gemeinden und Kreise stark reduziert. Seine Vision der Großstadt Lahn scheitert jedoch. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Hessischen Landesbank war er in mehrere Skandale verwickelt, die letztendlich 1976 zu seinem Rücktritt führen.

5. Walter Wallmann (CDU)

Öffentliche Bauten und Atomkraftwerke

1977 wird der CDU-Politiker Walter Wallmann Oberbürgermeister in Frankfurt am Main. In seiner neun jährigen Amtszeit verfolgt er eine Offensive in der öffentlichen Baupolitik. Er legt Beispielsweise den Grundstein für das Museumsufer und sorgt für den Wiederaufbau der Alten Oper als Konzerthalle. 1986 wird er als erster Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit ins Bundeskabinett berufen – eine Reaktion auf die Katastrophe von Tschernobyl. Wallmann bleibt nur ein knappes Jahr im Amt, um danach hessischer Ministerpräsident zu werden. Er ist der erste Politiker der CDU, der dieses Amt bekleidet. Diese Zeit ist vor allem durch Skandale geprägt. So versucht das hessische Umweltministerium einen ernstzunehmenden Störfall im Atomkraftwerk Biblis zu vertuschen, die „Affäre Gauland“ sorgt für Empörung unter den Bürgern und Wallmann selbst gerät wegen der „Tulpenzwiebelaffäre“ in Bedrängnis.

Als die CDU bei der Landtagswahl 1991 nicht mehr die erforderliche Mehrheit zusammenbekommt, verzichtete Wallmann auf die Rolle des Oppositionsführers und zieht sich aus der Politik zurück.

6. Holger Börner (SPD)

„Ich bedauere, dass es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins auf die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit der Dachlatte erledigt.“

Als „Mann mit der Dachlatte“ geht Holger Börner in die deutsche Geschichte ein. Sein Spitzname kommt von einer Aussage, die der Ministerpräsident 1982 über Demonstranten gegen die Startbahn 18 West geäußert haben soll.

Bei der Bundestagswahl 1957 wird er als damals jüngster Abgeordneter mit 26 Jahren in den deutschen Bundestag gewählt, 1967 wird er Bundesminister für Verkehr im Kabinett Kurt Georg Kiesingers. 1976 übernimmt er nach Albert Osswalds Rücktritt die Position des Ministerpräsidenten in Hessen. Aus den schwierigen „hessischen Verhältnissen“ bildet er 1985 die deutschlandweit erste rot-grüne Koalition. Doch die Koalition hält nur zwei Jahre, schon 1987 zerbricht sie am Streit über eines der Lieblingsthemen der Grünen: Atompolitik. Bei den darauffolgenden Neuwahlen tritt Börner nicht mehr an.

7. Heinz-Herbert Karry (FDP)

Zur Regierungszeit Börners tritt eine wichtige Persönlichkeit der hessischen Politik in Erscheinung. Heinz-Herbert Karry, hessischer Wirtschaftsminister in der seit 1970 bestehenden Koalition aus SPD und FDP, setzt seinen politischen Schwerpunkt auf Handelspolitik. Er besucht China und verschiedene Arabische Staaten, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu fördern. Dabei macht er negativ auf sich aufmerksam und ordnet zum Beispiel den sofortigen Bau der stark umstrittenen Startbahn West am Frankfurter Flughafen an. Außerdem ist er in den Verkauf einer Waffenfabrik in den Nahen Osten verwickelt und polarisiert in der Nutzung der Atomenergie. Bei einem Anschlag der „Revolutionären Zellen“ kommt er 1981 ums Leben.

8. Joschka Fischer (Grüne)

„Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“

Bei den Landtagswahlen 1983 scheitert die FDP mit Hintergrund des Misstrauensvotums gegen Helmut Schmidt an der Fünf-Prozent-Hürde. Die SPD regiert zunächst unter der Tolerierung der Grünen weiter, 1985 bildet sich daraus die erste rot-grüne Koalition überhaupt. Joschka Fischer wird in das Kabinett als Umwelt- und Energieminister berufen und schon bei seiner Vereidigung sorgt er für Aufsehen, als er in Turnschuhen seinen Eid schwört. Von da an ist er als „Turnschuhminister“ bekannt. 1987 tritt er von seinem Amt wegen des Streits um Atomenergie nach Tschernobyl zurück.

In der ersten Regierungszeit Gerhard Schröders wird Joschka Fischer Außenminister und Vizekanzler. Auch hier bringt der Grünenpolitiker Wirbel ins Parlament, sein Ausruf „mit Verlaub, Herr Präsident, sie sind ein Arschloch.“, gegenüber dem Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen ist bis heute legendär.

9. Petra Roth (CDU)

„Städte sind Laboratorien der Zukunft“

Die erste Oberbürgermeisterin Frankfurts wird 1995 Petra Roth. Sie ist nicht nur die erste Frau im Amt des Stadtoberhauptes von Frankfurt, sondern bisher auch am längsten. Ihre Amtszeit ist geprägt von ihren in der CDU umstrittenen Positionen. Sie setzt sich für den Moscheebau ein, geht einen ganz neuen Weg im Umgang mit Drogensüchtigen und verfolgt auch in Migrations- und Integrationsfragen einen eigenen Politikstil. Während ihrer Amtszeit wird sie mehrfach als mögliche Bundespräsidentin oder Ministerpräsidentin von Hessen gehandelt. 2011 kündigt sie nach über 16 Jahren ihren Rücktritt an, um einem Generationenwechsel Platz zu machen.

10. Roland Koch (CDU)

„Politik ist nicht mein Leben“

Schon mit 14 tritt der spätere Ministerpräsident Hessens in die CDU ein. Damit tut er es seinem Vater Karl-Heinz Koch gleich, dem hessischen Justizminister unter Walter Wallmann. Roland Koch steigt die politische Leiter noch höher hinauf, 1999 wird er Ministerpräsident in einer Koalition aus CDU und FDP. 2003 lässt er sich wiederwählen, diesmal in eine alleinige Regierung der CDU. Als 2008 die Linken in den Landtag einziehen, kommt keine regierungsfähige Mehrheit zustande. Koch leitet die Regierung geschäftsführend weiter und lässt sich bei den darauffolgenden Neuwahlen als Ministerpräsident bestätigen. In seiner Amtszeit fällt die CDU-Spendenaffäre, in der Koch „brutalstmögliche Aufklärung“ fordert. Hessische Minister werden beschuldigt, mehrere illegale Parteispenden als angebliches Vermächtnis verstorbener Juden zu verbuchen. Trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen kann er sich im Amt halten. 2009 tritt Koch als Ministerpräsident zurück, um in die Wirtschaft zu wechseln.

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