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Der Direktor der Rechtsmedizin am Uni-Klinikum Frankfurt, Marcel A. Verhoff, im Kühlraum des Instituts für Rechtsmedizin. Archiv-

Justiz

Mediziner, Polizisten und Bestatter fordern Verbesserungen bei der Begutachtung von Toten

Wenn ein Mensch stirbt, muss ein Arzt den Toten untersuchen. Doch die Leichenschau ist ein Dauerstreitthema. Und manchmal ist es schwer, überhaupt einen Mediziner für diese Aufgabe aufzutreiben.

Rechtsmediziner an Tatorten sind Alltag im Fernsehen. Doch in der Realität müssen oft normale Ärzte die Leichenschau übernehmen. Unter Medizinern ist das durch rechtliche Unklarheiten und knappe Vergütung eine unbeliebte Pflicht. Das bekommt die Polizei zu spüren, wenn sie zu einer Leiche gerufen wird: Manchmal müssen Beamte stundenlang warten, bis sich ein Leichenbeschauer findet. Polizeigewerkschaften, Ärzte und Bestatter fordern daher Veränderungen.

Stirbt ein Mensch oder wird ein Toter gefunden, muss ein Arzt den Körper vor Ort untersuchen. Er stellt den Tod fest und füllt den Totenschein aus. Für Mediziner ist diese Leichenschau eine Pflicht: „Ein Notfall hat natürlich immer Vorrang vor einer Leichenschau, ein volles Wartezimmer aber nicht“, sagt Michael Schaich, Sprecher des hessischen Innenministeriums. Trotzdem komme es zu Fällen, bei denen „nicht immer zeitnah Ärzte für eine Leichenschau gewonnen werden können“.

Verworrene Rechtslage

„Die Polizei beklagt sich zu Recht, dass sie sehr viel Zeit damit verbringt, auf einen Arzt zu warten“, sagt Michael Andor vom Präsidium der Landesärztekammer Hessen. Er fordert Verständnis für die Ärzte angesichts einer „wirren Rechtslage“. Das fange bei der gesetzlichen Verpflichtung zur Leichenschau an, die für jeden Mediziner gilt – beispielsweise auch für einen Augen- oder Frauenarzt mit wenig Erfahrung darin. Der Arzt müsse zudem bei Verstorbenen, ohne ihre Vorgeschichte zu kennen, Diagnosen zur Todesursache stellen, also ob beispielsweise ein Herzinfarkt, eine Lungenembolie oder Medikamentenvergiftung vorliegt. Doch dafür sei statt einer äußerlichen Betrachtung eigentlich eine Serie von Untersuchungen nötig. „Hier wird man per Gesetz verpflichtet, etwas zu beurkunden, die man bestenfalls vermuten kann“, sagt Andor. Man verlange vom Arzt Unmögliches.

Auch die Vergütung sei ein Problem. „Die Abrechnungskriterien der Leichenschau sind in der GOÄ (Gebührenordnung für Ärzte) auf Klinikbedingungen zugeschnitten, als ob die Leiche sich in der Praxis befinden würde.“ 40 bis 50 Euro gibt es pro Fall – selbst wenn der Arzt nachts stundenlang über Land fahren muss. „Das eigentliche Aufsuchen der Leiche kann der zum Dienst verpflichtete Arzt nicht abrechnen.“ Denn laut zwei Gerichtsurteilen dürfe die Besuchsgebühr nur abgerechnet werden, wenn eine Beratung des Patienten erfolge. Und eine Leiche könne man nicht beraten, so die Juristen.

Wer das trotzdem abrechne, begehe einen Rechtsverstoß. „Hier werden niedergelassene Ärzte dienstverpflichtet, Leistungen durchzuführen, deren Vergütung ihnen unter fadenscheiniger Begründung vorenthalten wird“, erklärt der Mediziner Andor. Daher müsse die Bundesregierung nachbessern, beispielsweise festlegen, von welchem Arzt man eine Leichenschau erwartet, und für eine angemessene Vergütung sorgen.

Ein Beispiel für eine Region, in der es bei der Leichenschau hakt, ist Nordhessen. Die Kasseler Staatsanwaltschaft erklärt auf Anfrage, dass „ein personeller Engpass besteht, was die Erreichbarkeit von Ärzten zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau betrifft“. Man habe deswegen mit ansässigen Kliniken Kontakt aufgenommen und sei dabei, ein Netzwerk zu schaffen, dessen Mediziner künftig für Leichenschauen verfügbar sein sollen.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kennt die Nöte: Es gebe in Nordhessen nur einen Arzt, der der Polizei immer zur Verfügung stehe, doch der sei schon älter, sagt Lars-German Elsebach vom GdP-Landesvorstand. Er sieht einen Grund für die Probleme darin, dass das Friedhofs- und Bestattungsgesetz die Leichenschau-Pflicht, aber keine Sanktionen vorsehe.

Kriminalisten sehen noch eine Gefahr: Durch Fehler bei der Leichenschau können Hinweise auf einen unnatürlichen Tod übersehen werden. Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert daher eine klare Strukturierung der Anforderungen an eine Leichenschau. Er verweist auf Studien, die zeigten, dass nur ein Bruchteil der Untersuchungen korrekt abliefen.

Unterschiedliche Modelle

In Frankfurt gibt es seit einem Jahr ein Projekt, durch das der Polizei häufiger ein Rechtsmediziner zur Verfügung steht. Das sei das „Nonplusultra“, sagt Dirk Peglow, Vorsitzender des BDK Hessen. In anderen Teilen Hessens sei die Situation unterschiedlich gut oder schlecht, weil verschiedene Modelle zum Einsatz kämen: Mal hat die Polizei eigene Telefonlisten von Medizinern, die sie abtelefoniert, mal versucht sie über Bezirksärztekammern an Ärzte zu kommen. Im Bereich des Polizeipräsidiums Westhessen sei beispielsweise eine Vereinbarung mit einer Ärztegemeinschaft geschlossen worden, die eigenständig eine Rufbereitschaft organisiere, sagt Innenministeriumssprecher Schaich.

Auch Bestatter fordern eine Professionalisierung der Leichenschau. Seit August muss in Hessen die zweite Leichenschau vor einer Einäscherung von einem Rechtsmediziner gemacht werden – weil danach keine Exhumierung möglich ist. Das sei ein kleiner Schritt: „Wir hätten es lieber, wenn die erste Leichenschau von Rechtsmedizinern gemacht würde, dann könnten wir auf die zweite verzichten“, sagt Hermann Hubing, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Bestattungskultur.

von GÖRAN GEHLEN

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