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Timo Nolle (l), Erziehungswissenschaftler an der Uni Kassel, erklärt einer Studentin eine Lerntechnik mittels einer mentalen Landkarte. Der Lern- und Prüfungscoach hilft seit fünf Jahren Studenten, mit Prüfungsangst und Leistungsdruck zurechtzukommen.

Hilfsangebote

Prüfungscoachings sind gefragter den je

Prüfungsangst und Leistungsdruck machen vielen Studenten zu schaffen. Hessische Universitäten haben darauf mit Hilfsangeboten reagiert. Besonders groß ist die Nachfrage nach Strategien gegen „Aufschieberitis“.

Frankfurt - Die Hände werden feucht, der Puls steigt und dann ist plötzlich auch der Kopf leer. Wer diese Erfahrung in einer Prüfung macht, braucht sich nicht zu schämen. Denn: „Angst macht dumm“, sagt Timo Nolle, Erziehungswissenschaftler an der Uni Kassel. Der Lern- und Prüfungscoach hilft dort seit fünf Jahren Studenten, mit solchen Situationen umzugehen – oder gar nicht in solche Not zu geraten. Der Bedarf sei da: „Ich kann die Nachfrage nicht decken.“ An anderen Universitäten sind die Erfahrungen ähnlich: Hilfsangebote sind begehrt.

Info: "Aufschieberitis" trifft Männer häufiger

Zahlen zum Ausmaß von „Aufschieberitis“ gibt es nicht. Laut der Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (Gibet) reichen die Angaben zum Anteil der chronischen Aufschieber in amerikanischen Studien von 15 bis 60 Prozent. „Eine Umfrage in Deutschland von emnid im Auftrag der „Zeit“ ergab, dass 43,5 Prozent der Befragten über sich selbst sagen, dass sie unangenehme Dinge oft bis zum letzten Moment hinaus zögern“, sagt Leila Mesaros vom Arbeitskreis Psychologische Beratung der Gibet. Eine Studie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz komme zu dem Ergebnis, dass vor allem junge Menschen betroffen sind, Schüler und Studierende häufiger als gleichaltrige Berufstätige, junge Männer etwas häufiger als junge Frauen.

Nolle füllt mit seinem Coaching die Lücke zwischen Nachhilfe und Psychotherapie, wie er selbst sagt. Neben der Beratungstätigkeit in Kassel ist er an anderen Universitäten unterwegs, schult Kollegen, berät auch Schüler und Lehrer. An der Uni kommen zu ihm in der Regel Studenten, deren Problem weder fehlendes Wissen ist, noch eine psychische Störung. Sie leiden oft unter Lampenfieber, schieben Arbeiten vor sich her oder haben Prüfungsangst.

„Angst ist eine normale Reaktion des Körpers auf eine Situation, die als lebensbedrohlich empfunden wird“, erklärt der 38-Jährige. Den Studenten droht keine Lebensgefahr, aber ein Verlust des Selbstwertgefühls. Die körperlichen Symptome der Angst seien identisch: Anstieg der Herzfrequenz, Bauchschmerzen, Schwitzen, die Gehirnfunktionen ändern sich. Bei manchen Betroffenen fängt das lange vor der Prüfung an und verhindert effektives Lernen.

Seine Methoden hat Nolle teilweise aus dem Leistungssport entlehnt: Dazu gehöre beispielsweise das Training zur Visualisierung eines „Safe Place“. Sportler können durch die Vorstellung eines Orts, an dem sie sich wohlfühlen, beispielsweise Schiedsrichter und Publikum ausblenden. Der Student kann damit die Aufregung vor oder während einer Prüfung bewältigen.

Ein weiteres Beispiel ist das Klopfen auf bestimmte Körperpunkte. „Während man an Stress denkt, wird die Angstreaktion durch Körperreize irritiert.“ Der Körper entspanne sich, bei 90 Prozent der Betroffenen stelle sich sofort ein Effekt ein. Doch Entspannung in der Prüfung ist nicht alles. Deshalb legt Nolle bei seinen Coachings auch Wert auf gute Lernstrategien. „Sonst kann es sein, dass der Student am Ende ganz entspannt durchfällt.“

Für die Uni KASSEL ist das Prüfungscoaching ein Baustein einer sich verändernden Studienwelt. Statt mehr Studenten aufzunehmen, gehe es darum, für die vorhandenen die Qualität zu verbessern. „Wir wollen sie nach allen Kräften unterstützen und ihnen einen guten Abschluss ihres Studiums auch bei hohen Anforderungen ermöglichen“, sagt Uni-Sprecher Sebastian Mense.

Andere Hochschulen und Universitäten haben ebenfalls reagiert. In der Regel sind ihre Angebote kostenfrei. „Die Goethe-Universität verfügt über ein breites Spektrum an Beratungsangeboten für den Fall, dass Studierende innerhalb ihres Studiums zum Beispiel mit Schreibblockaden und/oder Prüfungsängsten konfrontiert sind“, erklärt Olaf Kaltenborn, Sprecher der Uni FRANKFURT . In Einzelcoachings, Workshops, aber auch mit einer „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ solle besonders der Schreibdruck in der letzten Phase des Studiums gesenkt werden.

Dieses Problem wird oft auch als „Aufschieberitis“ bezeichnet. Der wissenschaftliche Begriff ist Prokrastination und beschreibt ein pathologisches Aufschiebeverhalten – der Student kommt nicht in die Gänge. Dass die Universitäten das Thema zu Recht ernst nehmen, bestätigt die Gesellschaft für Information, Beratung und Therapie an Hochschulen (Gibet). Es liege nahe, „dass problematisches Aufschieben nicht nur die Folge, sondern selbst ursächlich für psychische Belastungen wie zum Beispiel depressive Verstimmungen sein kann“, erklärt die Gibet.

Die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks DARMSTADT macht den Studenten der Technischen Universität und der Hochschule Darmstadt spezielle Gruppenangebote. Seit dem ersten Angebot gegen „Aufschieberitis“ im Winter 2017/18 seien alle Kurse ausgebucht.

Auch an der Philipps-Universität MARBURG gibt es eine Kombination aus Beratung und Gruppen. „Seit fünf Jahren besteht die Psychologische Studienberatung mit individuellen Gesprächsangeboten“, erklärt Sprecherin Andrea Ruppel. Genauso lange gibt es Workshops zu Themen wie Prüfungsangst und „Aufschieberitis“.

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